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Verlieben und Entlieben, Politik und Tragödie oder warum Gerhard Schröder die SPD viele Stimmen kostet und wie Wladimir Putin Die Linke schädigt

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Teraphim via Getty Images
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Trennung, Trauer und Schmerzen in der Liebe, die Liebeskrankheit

Geht eine Beziehung zu Ende, dann werden er/sie oder beide aus dem warmen Nest herausgekickt, das Nest der Liebe erkaltet. Liebeskrank heißen die Menschen, die damit nicht fertig werden. Der Tod eines geliebten Menschen oder die Trennung zu Lebzeiten gelten als traumatische Ereignisse in der Biografie eines Menschen. Neurologen sagen, die Liebe führe biochemisch zu Veränderungen im Gehirn, der Wegfall der Liebe zu Entzugserscheinungen.

In den USA ist „liebeskrank sein" als Krankheit anerkannt, sind doch die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gegeben bei den unglücklich Verliebten oder Getrennten. Schlaflosigkeit, Wut und Aggression, Selbstzerstörung und Anfälligkeit für Drogen, Depression und körperliche Erkrankungen sind mögliche Symptome der Liebeskrankheit. Manche können nicht mehr richtig arbeiten, manche verabschieden sich aus dem Leben. Manchmal heilt die Zeit die Wunden, manchmal nicht.

Im Idealfall gelingt es nach der Trennung, sich zu entlieben, somit wieder frei zu werden und offen für eine neue Beziehung. Trauerarbeit ist vorher angesagt. Das ist schmerzhaft und kann dauern.

Verliebt sein: die Welt sieht anders aus

Verliebt sein, heißt die Welt durch die rosa-rote Brille zu sehen. Wir strahlen vor Glück, andere sehen das, wir fühlen es. Dabei werden viele Wunschvorstellungen auf den anderen projiziert. Der Körper produziert Glückshormone, das Leben ist schön. Negative Eigenschaften des anderen werden übersehen, als unwichtig angesehen, wir sehen, was wir sehen wollen (selektive Kommunikation). Dieser Zustand hält sechs bis zwölf Monate an, sagt die Wissenschaft. Dann findet der Reality Check statt, die Frage taucht auf, ob die Beziehung alltagstauglich ist.

Die Phase der Verliebtheit trübt unsere Sinne. Gefällt uns der andere, ist er in unseren Augen attraktiv, weiten wir unser Wohlwollen auch auf andere Gebiete aus. Wir unterstellen dem geliebten Menschen Talente auf vielen Gebieten. Mr. oder Mrs. Right sind gefunden und werden zu Mrs. und Mrs. Perfect gekürt. Halo-Effekt heißt das, wir setzen dem anderen einen Heiligenschein auf, der vieles überstrahlt.

Diese Erhöhung kann zu einem tiefen Fall führen, wenn die Kraft der Hormone nachlässt, der Verstand wieder stärker wird als das Gefühl, wenn die Beziehung Alltag wird.

Barack Obama, die „Obamania" und die Entliebung

In der Politik findet das so ähnlich statt. Barack Obama löste eine kollektive „Obamania" aus. Noch bevor er irgendwas wirklich tun oder lassen konnte, wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Er war jung und schön, seine Frau, seine Kinder liebten ihn. Sein Leben wurde zum Märchen. Seine Fähigkeit und Möglichkeiten wurden maßlos überschätzt. Er nährte diese Hoffnungen im Wahlkampf. Er wurde zu einer Projektionswand eines besseren US-Amerikas. „Yes, we can", lautete das Credo, es war ein Liebesschwur.

Umso schmerzhafter war die geistige Entliebung, als der Präsident Obama dann nicht „liefern" konnte oder wollte. Das Strafgefangenen-Lager Guantanamo wurde in acht Jahren Obama-Präsidentschaft nicht aufgelöst. Die militärische Außenpolitik der USA verlagerte sich vielerorts vom Bodenkrieg in den Luftkrieg. Ferngesteuerte US-Drohnen töten allein in Pakistan im Jahre 2004 dreitausend Menschen.

Das Ideal brach an der Wirklichkeit, die Menschen entliebten von Barack Obama. Sein Name wurde nun verknüpft mit viel ungerechtfertigter Gewalt gegen Zivilisten. Zwanzig Prozent der in Pakistan getöteten Menschen waren unbeteiligte Zivilisten. Aus Liebe wurde vielerorts Enttäuschung und Spott, manchmal Hass. Das Wunschbild des „guten Präsidenten" scheiterte an der politischen Realität.

Die private Entliebung geht so ähnlich. Ich half der Tochter einer Freundin, sich von einer Mesalliance seelisch zu befreien, durch die Verknüpfung negativer Eigenschaften mit dem Bild des bis dato Angebeteten. Eine neurologische Verknüpfung zwischen einem neuen negativen Bild im Kopf und einem Nervenreiz (z.B. ein Druck ins Handgelenk,) machte den Reiz beliebig auslösbar. Nach kurzer Zeit war die Tochter entliebt, der Seelenschmerz hatte ein Ende.

Waldimir Putin und die Linke - revolutionäre Liebe und Realitätsverweigerung

Die Linke, ein Zusammenschluss linker Politiker und Politikbewegter aus Ost- und Westdeutschland, droht am „Fall Putin" zu scheitern, zumindest aber kostet die Unfähigkeit, sich vom russischen Präsidenten Wladimir Putin klar abzugrenzen die Partei viele Stimmen bei Wahlen und bei der Akzeptanz der Partei. Die Gründe sind historisch und persönlicher Natur.

Die Sowjetunion (UdSSR) galt den Kommunisten früher als „Vaterland des Proletariats". Sie wurde verklärt als sicherer Rückzugsort für bedrängte Kommunisten und ständige Quelle des revolutionären Kampfes. Die UdSSR gab vielen Kommunisten im Zweiten Weltkrieg Schutz, Asyl vor faschistischer Verfolgung. Die revolutionäre Welt war in die UdSSR verliebt, schwärmte vom Weltfrieden nach sozialistischen Maximen. Eine Projektion fand statt.

Informationen, die nicht in dieses Bild hineinpassten, wurden geleugnet, wie z.B. die Verbrechen Josef Stalins. Wer darüber berichtete galt als Kontra-Revolutionär, als Feind des Sozialismus. Selektive Kommunikation - nur wahrnehmen, was ins Weltbild passt - verhinderte eine Entliebung, die Reduktion eines Wunsch- und Traumbildes auf die Wirklichkeit.

Erst als der Generalsekretär der kommunistischen Partei der UdSSR, Nikita Chruschtschow, drei Jahren nach dem Tod Stalins dessen Verbrechen aufdeckte, setzte 1956 die Entstalinisierung ein, eine Phase der politischen Entliebung und der Trauer begann. Aus dem Helden wurde ein Verbrecher. Die Leiche Stalins wurde von der Seite des einbalsamierten Lenins aus dem Mausoleum entfernt, an der Kreml- Mauer fand er ein unauffälliges Grab. Ein propagandistisches Ideal wurde der Wirklichkeit angepasst. Ein politisch und gesellschaftlich gesunder Prozess.

Russland, die UdSSR und die Romantik einiger Politiker der „Linken"

Nach dem Zerfall der UdSSR gelang es einigen Politiker der Linken nicht, das national orientierte Russland (Novoi Russia) von der Heldensaga der Sowjetunion zu trennen, es gelang vielen Akteuren nicht, sich zu entlieben. Beim Entlieben bleibt der Gedanke an die Liebe bestehen, die schönen Tage der Beziehung werden nicht verdrängt. Doch es gilt, die ehemals geliebte Person zu entromantisieren und in der Wirklichkeit zu sehen, aber nicht zu verteufeln.

Auf vielen Parteitagen der Linken gelang es bislang nicht, die Differenzierung zwischen dem Wunschbild des Vaterlandes des Proletariats und der Regierung Putin, die korrupt und kriminell ist, herbeizuführen. Diese gelang mit dem Rückgriff auf das Handlungsinstrument, die revolutionäre Ethik, die lautet: Alles, was die Revolution fördert ist gut.
Es wird auf diese sozialistische Ethik zurückgegriffen, wenn es darum geht, ein links-links-grünes Bündnis herbeizureden. Putin wird zum aufgeklärten rationalen Politiker hochgeschrieben. Jakob Augstein schrieb am 21.8.2017 auf „Spiegel Online", im Vergleich zum amerikanischen Präsidenten sei Putin ein Muster an Vernunft und Berechenbarkeit.

Hier wird in Zeiten des Wahlkampfes wieder sichtbar, gut ist, was der Revolution dient. Wer anderes denkt, kann nur ein konter-Revolutionär sein, im schlimmsten Falle ein CDU-Sympathisant: Der Teufels-Höner-Effekt setzt ein. Die Ablehnung einer Meinung strahlt aus auf den ganzen Menschen. Wer so denkt oder schreibt ist dann auch .....

Das stimmige Bild manches SED-Altgenossen; aber auch SPD Politikers vom geliebten „revolutionären Russland", bedingt durch langes Studium in Russland, etablierte Freundeskreise, etc. wird durch ein Nicht-sehen-Wollen oder das Verteufeln des politischen Kritikers herbeigeführt. Das kostet die Linke Glaubwürdigkeit und Stimmen.

Che Guevara und verliebt sein in die Revolution und andere nicht gelungene Entliebungen

Die Legenden um den kubanischen Kommandanten Che Guevara sind ein Paradebeispiel für eine romantische Verklärung. In Unkenntnis genauer Umstände um den Politiker Che Guevara hingen Che Guevara Poster in den Party Kellern und Schlafzimmern vieler bürgerlicher Kinder/ Jugendlicher in den 70er Jahren. Das Bild Che Guevaras wird heute noch gerne auf T-Shirts getragen. Ein Fall von Verliebtheit in revolutioniere Romanik. Auf Kuba, das er im Streit mir Fidel Castro verlassen hatte, gilt Che Guevara seither als Ikone. Die unkritische Verklärung des geliebten Menschen findet nach dessen Tode häufig statt. Eine gute Trauer sieht anders aus.

Es gibt noch viele andere Beispiele nicht gelungener Trauer. Im Buch der Autoren Alexander und Margarete Mitscherlich, „ Die Unfähigkeit zu trauern", 1967 erschienen, legen die Autoren dar, wie es den Deutschen nicht gelang, die NS-Vergangenheit zu bewältigen. Verdrängung und Verteuflung ersetzen lange die dann später doch erfolgte Konfrontation, Diskussion und Verarbeitung.

Die Verarbeitung der Liebe im Privaten und in der Politik - Gerhard Schröder kostet die SPD Stimmen

Geht alles gut, lässt die Verliebtheit nach einer gewissen Zeit nach, der Körper wechselt vom Stress- in den Alltags-Rhythmus zurück. Aus Verliebten können später Freund werden oder die Liebe bekommt eine zweite Chance. Manchmal endet eine Liebe tödlich, neunzig Prozent der Morde sind Beziehungstaten und Stalking ist bei Trennungen fast die Regel geworden. Eine US-Studie besagt, dass 88 Prozent der Verlassenen den Partner auf die eine oder andere Art nach der Trennung stalken (unerwünschte Kommunikation in der Form von: Anrufen, Vorwürfen, Liebesbezeugungen und Liebesbeteuerungen, etc.). Der normale Wahnsinn halt.

In der Politik schlägt die Entliebung meist publizistisch hohe Wogen. Der SPD will es nicht gelingen, sich von Gerhard Schröder zu entlieben, auch wenn das Wählerstimmen und Glaubwürdigkeit kostet. Der Ausweg hier, Gerd Schröder wird schon zu Lebzeiten zur politischen Ikone geredet. Er hilft dabei nach Kräften mit. Der Putin-Freund und Russland-Lobbyist Schröder wird mittels selektiver Kommunikation vom SPD-Politiker getrennt. Nur der „dumme Wähler" macht dabei nicht mit.

Die Liebe ist ein unendliches Spiel mit viel Einsatz und manchmal auch Gewinn.

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