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Tunesien heute: schönes Land, Terror und Tourismus

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TUNESIA
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Die Tuni-Reise 1914: romantische Maler sind fasziniert

Im Jahre 1914 reisten drei junge deutsche Maler nach Tunesien. Sie tauchten ein in eine faszinierende Welt der Farben, Menschen und Landschaft. Sie malten in einem wahren Schaffensrausch. Die Aquarelle von August Macke, die Tunis-Reise, sind Legende geworden. Sie zeigen Menschen und Gebäude der nordafrikanischen Welt als Mosaike aus Farben und Formen. Tunesiens Farben seien bunt wie Kirchenfester, schrieb Macke in sein Tagebuch.

Die Tunis Reise 2017: ein schönes Land und keine Sicherheit

Das besondere Licht und das Exotische sind in Tunesien geblieben, es locken auch heute traumhafte Strände, antike Schätze und malerische Altstädte.
Nicht zeigen dürfen Bilder bewaffnete Polizisten am Strand. Verboten ist es, Militär und Polizei mit Maschinenpistolen im Anschlag vor Hotels zu zeigen und die Fließbänder mit der Röntgenkontrollen - wie im Flughafen - im Eingangsbereich der Hotels.

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Und die Touristen haben Grund, sich um ihre Sicherheit zu sorgen. Sicherheit können weder Polizei noch Militär garantieren. Im Lande brodelt ein Kessel aus Armut, Verzweiflung, Gewalt und Terror.


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Das Hotel „Imperial Marhaba" in Sousse: ausgetauschter Sand am Strand und alte Probleme

Das Hotel „Imperial Marhaba" in Sousse, wird im Jahre 2017 nach zwei Jahren unter neuen Namen wiedereröffnet. Der Sand am Strand des Hotels ist im Frühjahr 2017 ausgetauscht worden. 38 Touristen wurden hier im Sommer im Juni 2015 von einem IS-Attentäter erschossen, Menschen verbluteten am Strand. Polizisten flohen vor dem Attentäter. Die Folgen für den Tourismus: Fast die Hälfe der Touristen reist seither nicht mehr nach Tunesien.
Der Attentäter hatte vorher in den Semesterferien als Kellner/Animateur im Hotelbereich gejobbt, eigentlich studierte er Architektur. Er war vom IS radikalisiert worden, seine Mutter sprach von „Gehirnwäsche". Er ist einer von vielen Jugendlichen in Tunesien, die leichte Beute für den IS werden. Die Gründe: Keine Perspektive im Beruf- die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent- und Zorn auf eine Gesellschaft, die ihnen keine Chance gibt.

Doch nicht nur frustrierte junge Arbeitslose lassen sich vom IS anwerben. Erstaunlich viele "Gotteskrieger" stammen auch aus Mittelklassefamilien Tunesiens, sind Söhne von Professoren, Offizieren und hohen Beamten, sind Studenten, hatten Arbeit im öffentlichen Dienst oder gut bezahlte Jobs im Privatsektor.

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Capri, cést fini: Tunesien verabschiedet sich leise vom Westen

„Capri, cést fini", schmettert der Choreograph und Sänger des Animateur-Teams inbrünstig in den Saal des Hotels Diar el Andalouse in Sousse hinein, halbplayback. Die vielen tief verschleierten Frauen im Saale, Touristinnen aus der arabischen Welt, nicken und aus dem Liebeslied der 60er Jahre wird im Abendprogramm für die Touristen ein Abschiedslied an den Westen.
Tunesien ist in den letzten Jahren im Alltagsbild islamischer geworden. Die Zahl der Moscheen wuchs, die Schleier im Alltagsbild nehmen zu wie die Burkinis am Strand. In Marokko sind Verkauf und Herstellung von Burkas seit 2017 verboten. In Tunesien dagegen präsentieren sich Burka-Shops selbstbewusst.

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Der „Arabische Frühling, die Islamisierung und 8000 IS-Anhänger heute

Im „Arabischen Frühling" im Jahre 2011 waren der Präsident Tunesiens, Ben Ali, und sein Regime vertrieben worden. Tunesien galt als einer der repressivsten arabischen Staaten. Im zentral-tunesischen Sidi Bouzid hatte sich im Jahre 2010 der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi verbrannt, weil der keine Lebensperspektive mehr für sich sah. Seine Tat wurde als der Funke gefeiert, der einen Flächenbrand entzünden und letztlich die ganze arabische Welt verändern sollte. So die vergebliche Hoffnung arabischer junger Menschen damals.

Heute tragen viele Frauen in Tunesien wieder den Schleier, eine Islamisierung des Landes wird von vielen befürchtet. Bis zu 8000 Tunesier sollen sich dem sogenannten „Islamischen Staat" (IS) angedient haben. Die alten korrupten Eliten Tunesiens sind wieder da, und die jungen Menschen suchen erneut nach Wegen aus der Not und Ventilen für den Frust.

Tourismus heute in Tunesien und die Risiken einer Reise

Das Auswärtige Amt geht im Sommer 2017 in amtlichen Reise-und Sicherheitshinweisen von einer „bestehenden terroristischen Gefährdung" aus und umfangreichen Anstrengungen der tunesischen Regierung, um Touristen zu schützen. Im Klartext, es gibt keine Sicherheit. Im Frühjahr 2017 kamen ein paar mehr Touristen nach Tunesien, die Tourismusindustrie spricht von einem „Mini Boom".

Mehr Touristen wären gut für das Land, denn weniger Touristen bedeuten auch für die Händler weniger Verkauf, die Museen sind fast menschenleer. Die Händler werden in der Not im Verkauf noch aggressiver und noch weniger Touristen trauen sich auf die Märkte und wagen es, die antiken Schätze Tunesiens im Museum oder unter freiem Himmel zu besichtigen. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.
Die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, rief im Herbst 2016 dazu auf, auch arabische Länder zu besuchen. Tourismus sei für Länder eine Entwicklungschance. Aber, Urlauber sollten vor ihrer Reise die Hinweise des Auswärtigen Amtes sehr gut lesen.

Wenn aber im Juli 2017 ein Tunesier in Nabeul, einer Mittelmeerstadt im Norden des Landes, ein aus Deutschland ausgewiesener Tuniser, zwei deutsche Touristeninnen mit dem Messen angreift und diese nur knapp überleben, bricht die Angst wieder auf, verunsichert mögliche Tunesien-Besucher.

Eine Reise nach Tunesien wird zurzeit mit Risiken behaftet bleiben. Mehr Sicherheit kann nur langfristige politische und wirtschaftliche Veränderung in Tunesien selbst schaffen.

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