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Satire: Wertewandel in Deutschland

14/02/2016 09:51 CET | Aktualisiert 14/02/2017 11:12 CET
Michael Blann via Getty Images

Beleuchtung, Ökologie und Zwergenschutz


Ferdinand war die Treppe hinuntergestolpert. Sein Vermieter, Helmut Hottrecke, hatte die Zeituhr für die Beleuchtung des Treppenhauses auf zwei Sekunden verkürzt. Trotzig hatte Hottrecke erklärt, er sei nicht bereit, Energie zu verschwenden und damit letztlich die Erde zu opfern für faule Mieter, die ihren Arsch nicht schnell genug die Treppe hinunterschwingen könnten. Sein umfangreiches Lichtprogramm im Hofe, die 24 Stunden-Beleuchtung seines Gartenzwerg-Volkes im Garten, nebst Kameraüberwachung, sei eine völlig andere Sache. Hier handle es sich um eine Aktion zum Schutz nationalen Kulturerbes. Ferdinand hatte es frühmorgens gerade bis zur Hälfte der Treppe geschafft, als es stockdunkel im Hausflur wurde und er dann am Treppenaufgang über irgendwas gestolpert war. Hottrecke schlief in diesen Stunden noch den gesunden germanischen und zu schützenden Bären-Schlaf, so sein Aushang im Treppenhaus. Als Ferdinand wieder zu sich gekommen war, hatte er im fahlen Mondlicht, das durch das Oberfenster der Haustür den Flut matt beleuchte, einen Stapel Post gesehen, der vor Hottreckes Wohnungstür lag.

Schöne Möbel und Ethik


Ferdinand rappelte sich auf, drückte den Lichtschalter und hatte dann genau zwei Sekunden Zeit herauszufinden, worüber er gestolpert war. Es handelte sich um einen Haufen Papier, eine Ansammlung von Tageszeitungen und Werbepost, hauptsächlich von Möbelgeschäften. Ferdinands Kopf brummte, aber er erinnerte sich daran, dass Hottrecke ihm einmal anvertraut hatte, wer schön wohne, sei auch ein guter Mensch. Das sei wahre Ethik. Hottrecke hatte die beiden Begriffe Ethik und Ästhetik lange Zeit für identisch gehalten. Das war bis zu dem Moment gut gegangen, als ein Mieter ihm vorgeworfen hatte, seine Mieter im Winter frieren zu lassen, sei unethisch. Er dürfe nachts die Heizung nicht ausstellen. Den hatte er an den Haaren in seine Wohnung gezerrt und ihm seine neue Küche gezeigt. Ob das nicht voll krass ethisch sei, hatte er gebrüllt.

Recht und Gerechtigkeit


Ethik hatte der Mieter gezischt, sei der Unterschied zwischen gut und böse nicht zwischen schön oder hässlich. Als ob das nicht dasselbe wäre, hatte Hottrecke gebrüllt und dem Mieter über seinen Anwalt, Graf Theodor von Torf, umgehend die fristlose Kündigung zustellen lassen. Der Kündigungsgrund: sozial unverträgliches Handeln seitens des Mieters. Im anwaltlichen Schreiben hatte geheißen, das Auftreten des Mieters sei substantiell als Beleidung des Vermieters zu werten, sein Eindringen in den Herrschaftsbereich des Vermieters ein klarer Hausfriedensbruch. Hottrecke hatte darauf bestanden, in das anwaltliche Schreiben aufzunehmen, wer über zu kalte Wohnungen meckere, der solle sich gefälligst wärmer anziehen oder sich warme Gedanken machen. In schlechten Tagen, bei Misserfolg vor Gericht z.B., nannte Hottrecke seinen Anwalt einen „Torfkopf". In guten Tage, bei erfolgreicher Kündigung frecher Mieter z.B., sein "Gräfchen".

Ethik zu kaufen?


Hottrecke hatte seiner Frau am gleichen Abend voller Empörung von dem Vorfall erzählt und erklärt, wenn einer eine alte Küche nicht von einer neuen Küche unterscheiden könne, dann habe der in seinem Haus nichts verloren. Dem mangle es eben an Ethik. Er habe jede Menge davon und er könne sich noch jede Menge kaufen.

Die Selbstschussanlage aus der DDR und deutsche Wertarbeit


Nun war Ferdinand über den Berg von Zeitungen gestolpert, den Hottrecke auf der Treppe hatte lagern lassen. Der hatte seine Nachbarin gebeten, die Post auf dem Treppenabsatz vor seiner Wohnung zu stapeln, aber bitte keineswegs in die Wohnung zu gehen. Die Wohnung sein nämlich durch eine Selbstschussanlage gesichert. Er habe diese von einem Sammler aus der DDR gekauft, der hervorragende Kontakte zu den Schätzen der ehemaligen DDR-Armee, der NVA habe. Echte deutsche Wertarbeit. Leider habe er vor der Wohnung keinen Todesstreifen anlegen dürfen, das Bauamt der Stadt Münster habe sich quergelegt. Diese Beamten-Ärsche hätte eben kein Gefühl für Recht und Ordnung.

Die Finca auf Mallorca


Hottrecke hatte sich auf Mallorca eine Finca zugelegt, sich aber lange Zeit schwer getan mit dem Wort „Finca". Am Anfang hatte er die Behauptung seiner Nachbarn in Münster empört zurückgewiesen, er habe eine „Finca". Er möge keine Finken hatte er erklärt und er habe weder eine Lerche noch eine Meise auf Mallorca. Dieses seien deutsche heimische Vögel. Er habe sich auf Mallorca einen alten Bauernhof gekauft, eine Kotten sozusagen, den wolle er nun wieder auf Vordermann bringen. Mit Vögeln habe das nichts zu tun. Und er möchte auch nicht in die Nähe eines Finken gerückt werden. Er sei weder ein Schmutzfink noch ein sonstiger Fink. Er weise diese Unterstellung mit Empörung zurück. Auch Wortspiele hinsichtlich seines Sexualverhaltens, von wegen „Finca" entbehrten jeder Grundlage. Er habe seinen Rechtsanwalt, Graf Theodor von Torf, angewiesen, diese Unterstellung auf das Schärfste zu verfolgen.

Spenden für pro Asyl und der brave Bürger


Ferdinand hatte bei einer weiteren Betätigung des Lichtschalters festgestellt, dass sich auch der Post-Berg in der Substanz geändert hatte. Noch vor einen halben Jahr hatte Hottrecke großen Wert darauf gelegt, Bettelbriefe von "Pro Asyl" oder "Brot für die Welt " zu bekommen. Er hatte diese eine Zeitlang vor seiner Haustür liegen lassen. Erst wenn er sich sicher war, dass die Briefe von allen Mietern bemerkt worden waren, er diese in die Tonne für Altpapier entsorgt. Selbstverständlich gespendet Hottrecke nicht. Er war der Meinung, die Natur werde schon dafür sorgen, dass Starke und Gute, eben gut eingerichtete Menschen, überleben würden. Auf den Rest unethischer Menschen könne man getrost verzichten, fand er. Außerdem locke man mit solchen Spenden-Aktionen nur die falschen Menschen an. Wer sich gehörig anpasse an eine bestehende Ordnung, der brauche nirgends ein Asyl. Er hatte seinem Anwalt erklärt, Meckerpötte habe er in seinem Haus schon genug wohnen.

Neue nationale Zeitungen vor der Haustür


Ferdinand hatte im dem nunmehr umgefallenen Haufen Papier Zeitschriften mit ganz neuen Titel entdeckt. Zu sehen waren Zeitschriften wie: „Meine Heimat" oder das „Deutsche Soldatenblatt" oder ein Magazin in schlichtem Braun mit dem Titel: „Geschmackvoll wohnen auf arische Art". Ferdinand war erschüttert. Hatte sich der Postbote so arg vertan oder hatte sich die nach außen getragene Meinung Hottreckes so gewandelt?

Der Zeitwohnsitz in der Südmark (Mallorca)


An die Tür hatte Hottrecke ein Papier geklebt auf dem zu lesen war, in dringenden Fällen sei die Post in der Zeit von Oktober bis März nachzusenden an : Hottrecke Kotten - Südmark (früher Spanien - Mallorca). Ein Bewohner des Hauses in der Süd-Stadt Münsters hatte Ferdinand erklärt, eigentlich habe Hottrecke einen Kotten in der Lüneburger Heide erwerben wollen. Seine Frau aber habe gemäkelt, bei aller Liebe zu Tradition und Heimat, der Anblick der Heidschnucken sei weniger wärmend als die Sonne Spaniens. Aber, hatte sie hinzugefügt, er müsse sich nicht grämen, es sei sowieso nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses Gebiet als 17 Bundesland zu Deutschland gehören werde. Zur Zeit werde die Insel von treuen Deutschen ersessen, das sei eine friedliche Form der Eroberung. In Rentnerkreisen nenne man die Insel längst liebevoll die „Südmark" und einen König von Mallorca habe man auch schon gewählt, als Übergangslösung.

Die Visitenkarte und alte Tradition


Beruhigt hatte Helmut Hottrecke sich Visitenkarten drucken lassen auf denen zu lassen war: Helmut Hottrecke. Winter-Wohnsitz: Südmark - Hottrecke Hügel. Vielleich greife er der Zeit ein wenig vor, hatte der Drucker in Deutschland gemeint. Dann aber hatte er angeregt, auf die Visitenkarte den Leitspruch drucken zu lassen: „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen". Sein Großvater habe in dieser Traditionsdruckerei mit genau diesem Philosophen-Satz bereits im letzten Jahrhundert gute Geschäfte gemacht. Auch auf HuffPost:

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