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Der Weg zur digitalen Schule ist schwieriger, als viele denken

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Gerne sagen Politiker: Deutschlands Schulen müssen moderner werden. Sie bräuchten Whiteboards, Tablets, Computer, Internet - diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Doch leider hat sich über die Jahre nicht viel an der Ausstattung geändert. Die Umsetzung ist zu träge, es müsste deutlich flotter gehen.

In Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen war das Thema den Leuten sogar so wichtig, dass sich ganze Regierungen umbilden mussten.

Ein deutlicheres Signal gibt es nicht an die Politik, dass sich endlich was bewegen muss.

Ich weiĂź aus eigener Erfahrung, wie schwierig das ist. Seit einem halben Jahr sind wir eine Smart School - also eine schlaue Schule.

➨ Mehr zum Thema: Die deutsche Politik vernachlässigt unsere digitale Zukunft - Frankreich macht vor, wie es geht

Der Unterricht hat sich enorm verändert

Im November 2016 hat unser Gymnasium Wendalinum am IT-Gipfel in SaarbrĂĽcken teilgenommen. Im Zuge dessen hat jeder unserer Lehrer ĂĽber den Digitalverband Bitkom ein Tablet erhalten.

Außerdem gibt es in allen Klassenräumen schnelles, drahtloses Internet und einen Beamer. Den Overheadprojekter haben wir größtenteils ausrangiert. Auch das Klassenbuch soll ab kommenden Jahr nicht mehr auf Papier geschrieben stehen, sondern in der Cloud.

Unseren Unterricht hat das enorm verändert.

In Fächern wie Geschichte, Sozialkunde und Politik können wir jetzt ohne Probleme Videos in den Unterricht miteinbinden. Schüler müssen im Mathematik-Unterricht nicht mehr an die Tafel, um ihre Hausaufgaben vorzurechnen - davon macht der Lehrer einfach einen Screenshot, den er über den Beamer an die Wand wirft.

Außerdem können Lehrer den Unterricht viel besser dokumentieren. Der digitale Tafelanschrieb muss nicht weggewischt, sondern kann gespeichert werden. Außerdem lassen wir unsere Schüler während des Unterrichts an ihre Handys, um etwa erste Informationen über ein Thema bei Wikipedia nachzuschlagen.

Das ist fĂĽr viele Schulen noch Zukunftsmusik

Einen Techfreak mag das nicht vom Hocker hauen. Und sicher gibt es private wie auch staatliche Schulen, die noch deutlich besser ausgestattet sind.

Im deutschen Schulkosmos ist das allerdings schon ein gehöriger Fortschritt. Dass Lehrer in allen Klassen einen digitalen Unterricht führen können, ist längst keine Selbstverständlichkeit.

Ganz im Gegenteil - für viele Schulen ist das noch Zukunftsmusik, obwohl es längst Standard sein sollte.

Die Gründe dafür sind vielfältig

Die Digitalisierung ist zum einen mit hohen Investitionen verbunden.

Es hat Bitkom etwa 80.000 Euro gekostet, unser Kollegium mit Tablets auszustatten. Das ist viel Geld für Schulträger. Im Saarland, das einen knappen Haushalt hat, ist es schlicht gesagt unmöglich, alle Schulen so auszustatten.

Hinzu kommt, dass Tablets oder auch Computer wenig bringen, wenn es kein schnelles oder gar kein Internet in den Schulen gibt. Auf dem Land kann es mehrere zehntausend Euro kosten, sich ans schnelle Internet anschlieĂźen zu lassen. Das zahlt man nicht einfach so aus der Portokasse.

Die beste Ausstattung bringt auch wenig, wenn sie nicht zum Einsatz kommt. Viele Lehrer mĂĽssen sich umstellen.

Derzeit trainieren wir unser Kollegium an den Tablets. Und da treffen Generationen aufeinander. Vor allem die jungen Kollegen sind mit solchen Geräten aufgewachsen und nutzen sie schon im Unterricht.

Für ältere Lehrer ist es schwierig

Die älteren Kollegen brauchen aber noch etwas Zeit, sich an die Geräte zu gewöhnen. Ich bin froh, dass ich so viel Unterstützung erhalte - das ist sicher nicht selbstverständlich.

Ein Lehrer, der 30 Jahre lang immer die gleichen Unterrichtsmaterialen verwendet - fĂĽr den ist die Umstellung auf das Tablet natĂĽrlich deutlich schwieriger als fĂĽr einen jungen Kollegen.

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Für ältere Lehrer ist es schwierig

Ein Bremsklotz ist leider auch die BĂĽrokratie. Die Datenschutzrichtlinien in Deutschland erschweren es zum Beispiel ungemein, ein digitales Klassenbuch einzufĂĽhren.

Fehlzeiten, Krankmeldungen, Noten der SchĂĽler - das alles darf nur auf Servern in Europa gespeichert werden. Deswegen fallen die Cloud-Dienste von Microsoft weg.

All das macht die Digitalisierung der Schulen schwieriger, als viele denken. Sie ist eine lange, zähe Sache.

Schön wäre es, wenn Politiker weniger Sonntagsreden zu dem Thema halten würden und all die Hindernisse angehen, die Schulen den Schritt in den modernen Unterricht so erschweren.

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