Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Herbert Renz-Polster Headshot

Gesundheit für Kinder: Impfen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHILD DOCTOR FILTER
Imgorthand via Getty Images
Drucken

Noch Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts war Polio (Kinderlähmung) eine der verbreitetsten Ursachen von Körperbehinderungen. Im Jahr 1954 machte plötzlich die Nachricht von einem Impfstoff unter US-amerikanischen Eltern die Runde, der vielleicht die Polio besiegen könnte.

In den nächsten Monaten bildeten sich vor den Gesundheitsämtern lange Schlangen - Millionen von Eltern wollten, dass der Impfstoff an ihrem Kind ausprobiert wurde. Jonas Edward Salk, sein Erfinder, war über Nacht ein Volksheld.

Heute sehen manche Eltern Impfungen aus einem anderen, kritischen Blickwinkel.

Ganz im Vordergrund stehen drei Befürchtungen:

• Impfungen seien ein Eingriff in das Immunsystem, der andere Erkrankungen fördern könnte (von Autismus bis Allergien), ja, vielleicht sogar den Plötzlichen Kindstod auslösen könne.

• Impfungen verhinderten die Auseinandersetzung des Immunsystems mit Erregern, wodurch es insgesamt geschwächt würde.

• Kinderkrankheiten seien wichtige Erfahrungen für die sich entwickelnde Persönlichkeit. Durch eine Impfung würde dem seelischen Wachsen und Werden des Kindes ein Stein in den Weg gelegt.

Alle diese Befürchtungen haben einen realen Hintergrund. So ist von der Wissenschaft in den letzten Jahren immer deutlicher herausgearbeitet worden, wie wichtig der Kontakt mit Mikroben für das Immunsystem ist (siehe auch Kapitel 3) - die Sorge um ein zu stark entlastetes Immunsystem ist nachvollziehbar.

Und doch kann bezüglich der zugrunde liegenden Ängste Entwarnung gegeben werden:

• Praktisch alle Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass das Immunsystem mit so vielen Erregern in Kontakt kommt (siehe S. 14 und S. 35), dass die Impfungen gegen eine kleine Auswahl besonders gefährlicher Erreger nicht zu Buche schlagen - zumal sich das Immunsystem ja auch bei Impfungen aktiv, wenn auch in abgeschwächter Form, mit dem jeweiligen Erreger "befasst".

Zudem wird immer klarer, dass beim Aufbau des Immunsystems nicht nur Krankheitserreger das Sagen haben, sondern dass die Trillionen von harmlosen Bakterien, etwa die im Darmtrakt, mindestens genauso wichtig sind (siehe dazu S. 36).

• Der Befürchtung, Impfungen seien an Erkrankungen wie Autismus, plötzlichem Kindstod oder kindlichem Diabetes mellitus schuld, ist wissenschaftlich intensiv nachgegangen worden. Wir haben uns mit der entsprechenden Literatur auseinandergesetzt und halten den Verdacht für ausreichend widerlegt.

Es ist rechnerisch zu erwarten, dass SIDS-Fälle nach Mehrfachimpfungen auftreten

Dass etwa Fälle von Plötzlichem Kindstod (SIDS) auch direkt nach Mehrfachimpfungen auftreten können, ist schon rein rechnerisch zu erwarten - schließlich ist der plötzliche Kindstod in dem Alter am häufigsten, in dem Säuglinge die meisten Impfungen bekommen. Allerdings sind SIDS-Fälle in den letzten 25 Jahren um über 90% zurückgegangen - und das bei gleichzeitiger Zunahme von Mehrfachimpfungen, insbesondere der Impfungen mit dem 6fach- Impfstoff.

Und die Studie, die einen Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Autismus suggerierte, wurde von dem Fachblatt inzwischen zurückgezogen, nachdem schwere Mängel bekannt wurden.

• Den Hinweis, Kinderkrankheiten seien für die Entwicklung der Persönlichkeit wichtig, nehmen wir ernst. Kinder machen durch Krankheiten wichtige seelische Erfahrungen (siehe S. 14). Wir glauben allerdings, dass auch weniger bedrohliche Erkrankungen ein seelisches Wachsen und Werden ermöglichen und dass Kinder dazu nicht den mit gefährlichen Infektionen verbundenen Gefahren (derer wir uns teils gar nicht mehr bewusst sind) ausgesetzt werden müssen.

Wo die Autoren stehen

Wir sind trotz mancher Vorbehalte im Detail vom Prinzip der Impfungen überzeugt. Zugegeben, das hat auch mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Als einer der Autoren seine Ausbildung an der Universitätskinderklinik in Tübingen begann, wurde ein Kind eingeliefert, so alt wie sein eigener Sohn: zwei Jahre. Das Kind war todkrank, wenige Stunden später verstarb es an einer eitrigen Hirnhautentzündung. Der Erreger: Haemophilus influenzae Typ B (HiB). Heute kann gegen den Erreger geimpft werden.

Aber auch das stimmt: Eine völlige Sicherheit, d. h. Schutz vor der Erkrankung und der komplette Schutz vor möglichen Nebenwirkungen der Impfung, lässt sich nicht erreichen. Deshalb muss für jede Impfung das Risiko des Impfens gegenüber dem Risiko, nicht geimpft zu sein, abgewogen werden.

Und das ist gar nicht so einfach. Denn das Risiko des Impfens steht Eltern ja akut vor Augen - die Krankheit dagegen ist immer nur ein mögliches Ereignis, das vielleicht nie eintreten wird (eben weil die Impfungen insgesamt populär sind). Zudem gibt es für die Einschätzung von Risiken keine allgemein gültige "Währung": schwere Impfkomplikationen sind extrem selten - aber was bedeutet das für mein Kind?

Die andere Seite der Waagschale (nämlich welche Komplikationen hätte mein Kind bei der "echten" Infektionskrankheit zu erwarten?) bleibt ja im Einzelfall unbekannt.

Ziehen wir deshalb ein Fazit.

• Erstens: Impfkomplikationen sind deutlich seltener als Komplikationen beim "wilden" Verlauf der Erkrankungen. Beispiel Masern: Die Gefahr einer gefährlichen Hirnentzündung nach Masernerkrankung liegt etwa bei 1:1 000. Die Häufigkeit einer Hirnentzündung nach Masernimpfung wird dagegen auf unter 1: 1 Million geschätzt.

• Zweitens: Die Sicherheit und Wirksamkeit von Impfungen wird durch aufwändige Studien geprüft, und sie werden auch nach der Markteinführung wissenschaftlich laufend bewertet. Wir sind der Meinung, dass dieses Sicherheitsnetz, an dem alle Impfärzte durch Meldung von eventuellen Nebenwirkungen teilhaben, ausreichend eng geknüpft ist.

• Drittens: Nur wenn Impfungen von der Gemeinschaft insgesamt angenommen werden, lassen sich infektionsbedingte Kinderkrankheiten eindämmen - davon profitieren alle.

• Viertens: Auch Impfungen sind keine perfekte Lösung, und Präventionsexperten wissen das (auch wir sind ausführlich auf die Probleme eingegangen). Zudem ist das Impfen in ein System eingebunden, an dem sich einiges kritisieren lässt - so stellt sich noch immer die Frage, wie unabhängig die Entscheider wirklich von den Impfstoffherstellern sind.

• Fünftens: Für uns heißt das, dass das System fortwährend verbessert werden muss - auch durch kritische Nachfragen. Eine Impfpflicht hilft nicht weiter - wir leben nicht in einer Gesundheitsdiktatur, und wer verpflichtend impfen will, müsste dann ja auch das Stillen gesetzlich regeln (es verhindert mindestens so viele Gesundheitsprobleme wie das Impfen). Vor allem aber: man kann die Impfungen nicht alle über einen Kamm scheren. Und deshalb geben wir detailliert Auskunft über jede einzelne Impfung.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Gesundheit für Kinder" von Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche und Dr. med. Arne Schäffler

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

2016-06-21-1466497013-208744-51vYIu4BRL.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Sie denken, das bockige Kind im Einkaufszentrum sei ungezogen - bis es um Hilfe schreit

Lesenswert: