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Attachment Parenting - was ist denn das für eine Sekte?

17/11/2017 10:43 CET | Aktualisiert 17/11/2017 10:43 CET
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Ja, ich weiß: Man braucht einen Begriff, um sich zu verorten. Aber bei Attachment Parenting scheint mir eher das Gegenteil der Fall zu sein - komplette Verwirrung. Bei hundert Leuten, die man auf der Straße fragt, geht vielleicht bei einem ein Licht an. Die anderen denken, das ist vielleicht eine Art Sekte. Bestimmt aus den USA.

Und diese Sekte weiß nicht einmal, woran sie glaubt. Vielleicht an das, was dieser Dr. William Sears mal niedergeschrieben hat (die 7 B's des Attachment Parenting, ihr wisst schon, oder?).

Aber der glaubt auch an die bindungsfördernde Wirkung von Time-outs und so weiter. Gehört das auch mit dazu?

Googelt man "Attachment Parenting", so wird die Sekte noch obskurer - die einen sehen den Verzicht auf Windeln als Teil des Pakets, die anderen das Kommunizieren per Handzeichen. Für einige meiner kinderärztlichen Kollegen sind AP-Eltern schlichtweg die mit den Tragetüchern, die ihre selbstgestrickten Babys statt zum Kinderarzt zur Heilpraktikerin schleppen.

Scheint eine Sekte für Reiche und Traumtänzer zu sein

Weil die ihnen statt der bösen Impfungen die guten homöopathischen Kügelchen gibt. Für wieder andere gehört Unschooling zum AP-Programm. Vielleicht auch gleich der Verzicht auf den Kindergarten (zumindest, wenn er nicht vegan ist).

Überhaupt, die Fremdbetreuung. "Mich interessiert die AP-Szene", schrieb mir kürzlich eine Journalistin, die einen Artikel für ein großes deutsches Leitmedium plant, weil da "doch auch dazu gehört, dass die Frau mit den Kindern zu Hause bleibt".

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Ach so, dieses Attachment Parenting. "Woher kommt das Geld", fragt die Gute dann, "das diese Form der Erziehung erst möglich macht?" Und: "Was ist, wenn diese Traumblase platzt und dieses Geld plötzlich nicht mehr da ist und die Mutter arbeiten muss?" Scheint eine Sekte für Reiche und Traumtänzer zu sein.

Jeder darf mal, ist ja gut. Aber selbst, wo es um den Kern der Sache geht, also um dieses wunderbare Attachment, herrscht Unklarheit.

Ein besonders rühriger Professor, Dr. Gordon Neufeld, meint, für die Eltern-Kind-Bindung sei es wichtig, dass Mama und Papa die Freunde für ihre Teenager aussuchen. Wie schön: an Mamas und Papas warmer Hand in die Zukunft.

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Und dann noch der Begriff: ATTACHMENT. Bindung. Eine ziemlich offensive Einladung zum Missverständnis. Wer will denn festgebunden sein? Ehrlich wahr, ich war einmal auf einem Stillkongress, da ging es um dieses wunderbare Bonding nach der Geburt (das erste B der Searschen B's), von dem wir auch nicht so richtig wissen, was es genau ist und was es im echten Leben dazu braucht.

Ja, da ist Nähe mit dabei, körperlich und emotional, wir sind schließlich Menschen und keine Maschinen

Aber sei's drum, jedenfalls redete mein Vorredner, auch ein Kinderarzt, die ganze Zeit von Bondage. Und das war noch vor dem Hype um Shades of Grey. Aber das dürfte schon in etwa das sein, was die meisten Leute tatsächlich mit Attachment assoziieren: soooo viel Nähe, soooo viel Aneinanderkleben, soooo viel Fesselei!

Und die, die "AP" (was immer das ist) im echten Leben betreiben? Die erleben was anderes. Was Normales eben. So geht man doch mit Kindern um. So geht eben das Leben als Familie: sich was bedeuten, auf den anderen eingehen, seine Bedürfnisse ernst nehmen, ihn nicht in Not bringen oder sich über seine Bedürfnisse hinwegsetzen.

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Ja, da ist Nähe mit dabei, körperlich und emotional, wir sind schließlich Menschen und keine Maschinen. Aber da geht es genauso gut um Freiheit: Wer sich geborgen fühlt, will die Welt erfahren (später dann gerne auch mal ohne Mama und Papa).

Wer mit seinem Kind in eine echte Beziehung eintritt, wird nicht fesseln, sondern loslassen: Du darfst sein, wer du bist, du darfst dich äußern und wir nehmen das ernst. Da ist immer beides: Wurzeln und Flügel, Bindung und Freiheit.

Und genau das will ich damit sagen: Lassen wir da doch mal die Luft aus diesem "Attachment Parenting". Das ist keine Methode, keine neue Welle, und ein großmächtiges Handbuch für die richtige Wahl der Zutaten braucht es dafür erst recht nicht. Das ist einfach die normale Art, wie man mit Kindern lebt. Normal Parenting eben.

Der Text erschien zuerst auf Herbert Renz-Polsters Blog "Kinder verstehen".

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