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Mord an der Alster

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Prolog

"Es ist, als wärst du ein Fremder. Du bist nicht der Mann, den ich mal geliebt habe. Ich erkenne dich nicht wieder." Mit diesen Worten hatte seine Frau am gestrigen Abend das Haus verlassen. Sie würde die Scheidung einreichen, so viel stand fest. Ihre letzten Worte ließen ihn nicht los: Ich erkenne dich nicht wieder.

Es war 7.50 Uhr. Der Mann stand im Treppenhaus eines baufälligen Wohnhauses im Osten Hamburgs. Vor ihm lag seine berufliche Zukunft in Trümmern, hinter ihm die Frage, ob er heute Abend zu seiner Frau zurückkehren dürfen würde. Ihm wurden die Knie weich. Er stützte sich auf dem Geländer ab, einem Holzkonstrukt, das unter seinem Gewicht zu zittern begann.

Im Haus gab es sieben Wohneinheiten; zwei pro Etage und eine Wohnung auf dem ausgebauten Speicher. Diese oberste Wohnung stand leer, seitdem dort kürzlich Asbest entdeckt worden war. Statt einer Modernisierung hatte der Eigentümer sich dafür entschieden, die Wohnung räumen zu lassen.

Die Tür war luftdicht versiegelt worden. Im Treppenhaus hallte es, und jedes Geräusch aus den Wohnungen konnte auf Zimmerlautstärke vernommen werden. Wenn man den Tag hier verbrachte, konnte man an allem Leben in den Wohnungen teilhaben und sich Stimmen, deren Eigentümer man nie gesehen hatte, ganz nah fühlen. Es gab sechs bewohnte Parteien in diesem Haus - zwei pro Etage. Im zweiten Obergeschoss wohnte eine junge Mutter mit zwei Kindern.

In diesem Moment stand vor ihrer Tür ein fremder Mann und dachte an all diese Dinge, während er darauf wartete, dass sich sein Puls wieder senken würde. Er klammerte sich weiterhin ans Treppengeländer. Draußen klatschte der Regen gegen den Backstein, und der Wind rüttelte an den alten Fensterscheiben.

Es war kalt, aber nicht die Art von Kälte, die man in Grad Celsius ausdrückte. Nein, es war jene nasse Kälte der Hamburger Herbstmorgende, die einem in die Knochen kroch und bei der man sich wünschte, niemals aus dem Bett aufstehen zu müssen.

Der Mann war bereits seit zwei Stunden auf den Beinen. Er war Sozialarbeiter beim Jugendamt und hatte zu viel gesehen. Als es zwischen seiner Frau und ihm zu kriseln begonnen hatte, hatte sie ihm immer wieder vorgehalten, dass es meist kranke Menschen und Tyrannen waren, die sich soziale Berufe aussuchten. Um ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Inzwischen redeten sie kaum mehr miteinander.

An jenem Morgen hatte die Tür zur Wohnung im Dachgeschoss offen gestanden. Das Asbestsiegel war vor einigen Tagen gebrochen worden. In der leerstehenden Wohnung saß die junge Frau am Boden. Der Staub, der aufgestoben war, als sie sich gesetzt hatte, schwebte auch jetzt - Tage später - noch in der Luft.

Die junge Frau hatte die Arme um die Knie geschlungen und weinte vor sich hin. Wenn man im Treppenhaus stand und angestrengt lauschte - ja, man musste ganz genau hinhören -, konnte man einzelne Worte herausfiltern.

Die Frau sah anscheinend Menschen um sich herum, deren Gesichter sie nicht erkennen konnte. Sie fragte jeden von ihnen, ob er der Vater ihrer Kinder sei. Die Kinder befanden sich in der Wohnung ein Stockwerk tiefer; außer ihnen bloß dicke schwarze Fliegen an den Fensterscheiben.

Der Mann stand vor der offenen Tür, einer Pforte ins Herz des Bösen. Eins wusste er sicher: Dass er keinen zweiten Blick hinein in die Wohnung verkraften würde, ohne den letzten Rest seiner selbst zu verlieren. Er erkannte sich nicht wieder. Er war nicht der Mann, der es einst verdient gehabt hatte, geliebt zu werden.

Ein Buchauszug aus Mord an der Alster: Ein Hamburg-Krimi.

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