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Plädoyer für eine gesellschaftlich akzeptierte Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik in ganz Europa

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INTEGRATION REFUGEES
killerbayer via Getty Images
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Leben wir bereits in einer Gesellschaft mit verschiedenen Parallelgesellschaften oder ist das nur ein theoretisches Konstrukt der Öffentlichkeit? Ich meine, ja, wir leben bereits in Parallelgesellschaften mit politischen, religiösen und ethnischen Minderheiten, vor allem in den urbanen Regionen Deutschlands.

Wenn die veröffentlichten und nie wirklich eindeutigen Zahlen zutreffen sollten, leben inzwischen gemessen an der Gesamtbevölkerung allein in Deutschland bis zu 20% Einwanderer, Flüchtlinge und Migranten. Darin eingeschlossen sind neben den Hauptgruppen der Türken und Russlanddeutschen, Rumäniendeutsche und Menschen aus dem Balkan, aber auch Emigranten und Flüchtlinge aus arabischen und afrikanischen Ländern.

Zuletzt aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, dem Iran und Irak - faktisch aus dem gesamten Nahen Osten bis nach Indien. Sie stehen mit wachsender Anzahl der „schrumpfenden" einheimischen Bevölkerung gegenüber. Es ist also nicht die Frage, ob wir uns ändern müssen bzw. sollen, bunter werden wollen, wir sind es bereits.

Der US-Historiker Niall Ferguson behauptete gerade in einem aktuellen Beitrag in "Die Welt", "Deutschland wird ein nahöstlicheres Land sein" - in nächster Zukunft bis zur Mitte des Jahrtausends. Eine steile These gegenüber Deutschland und letztlich Europa, auch im Vergleich zur Geschichte der USA als Einwanderungsland, worauf Ferguson letztlich abhebt. Belege hat er keine für seine These, nur den Spiegel in die US-Geschichte.

Deutschland ist Einwanderungsland Nummer 1

Fakt bleibt aber, seit den 1990er Jahren ist Deutschland das Einwanderungsland Nummer 1 in Europa. Ein Einwanderungsland allerdings ohne langfristige stabile politische Steuerung und Perspektive für viele Einwanderer und Flüchtlinge.

Anzunehmen, dass jene vielen Menschen aus anderen Kulturkreisen sich dann auch noch Problem- und nahtlos der "deutschen Mentalität, Kultur und Demokratie" anpassen, es sich ausschließlich um "gut ausgebildete, Steuerzahlende und letztlich billige Arbeitskräfte" handele, die sehr herzlich von der Bevölkerung und von Arbeitgeber aufgenommen werden, ist nicht nur naiv, eine solche Vorstellungen bleibt theoretisches Konstrukt, arglos im Geiste gegenüber jeder Realität. Solche Annahmen grenzen trotz unablässiger Wiederholung durch Teile von Politik und Medien sogar an gezielter Realitätsverlogenheit.

Integration vom Millionen und gesellschaftliche Partizipation - geht das?

Nur eine Minderheit der zu uns Kommenden, aus welchen Gründen auch immer sie kommen mögen, wird unsere "Leitkultur" als erstrebenswert erachten und vielleicht danach handeln. Alle anderen ziehen sich auf ihre traditionellen Clankulturen, auf religiöse Fundamente und/oder in ethnisch geprägte Räume zurück.

Berlin ist voll von diesen Räumen. Und die meisten Menschen mit "Migrationshintergrund" sehen auch nicht ein, warum sie ihre aus der jeweiligen Heimat mitgebrachten sozialen und kulturellen Hintergründe verleugnen sollten. Sie flüchten, emigrieren oder wandern besonders gern nach Deutschland ein in der Hoffnung, hier vor allem ökonomisch sicher oder gar "bessergestellt" leben zu können als in ihren Herkunftsländern - auch dank des deutschen Sozialsystems. Das ist nicht verwunderlich und schon gar nicht verwerflich.

Dennoch: wir drohen in unseren Bemühungen zur Integration der Zuwanderer und Flüchtlinge zu scheitern (http://www.welt.de/politik/ausland/article156177607/Syrer-bezahlen-Schleuser-fuer-Rueckkehr-nach-Hause.html). Vor allem, weil ökonomische Erwartungen von allen Seiten nicht per se erfüllt werden, erfüllt werden können. Gelingt die soziale und ökonomische Partizipation der Flüchtlinge und Zuwanderer besonders auf diesem Gebiet nicht, heißt es dann, die deutsche Gesellschaft insgesamt sei der Verursacher des Scheiterns der Integration.

Medien teils fremdenfeindlich eingestellt

So jedenfalls präsentiert sich die Sichtweise vieler nach Deutschland aktuell geflüchteter und eingewanderter Menschen, wenn ihre Hoffnungen nicht erfüllen. Aber auch in den Medien ist oft zu hören, die deutsche Mehrheitsgesellschaft sei nach wie vor mehr oder weniger fremdenfeindlich eingestellt. Ja, das muss man einräumen mit Blick auf die aktuellen politischen Verhältnisse. Zum Teil ist sie sogar rassistisch eingestellt.

Es verwundert daher nicht, wenn zahlreiche Menschen politische Vorschläge als absurd empfinden, wonach es richtig wäre, zukünftig in Schulen verpflichtend türkisch und/oder arabisch zu lernen. So einige belesene Professoreneliten und Migrationsoptimisten stimmen da gern ein.

Tatsächlich verdrängt die aktuelle Politik, dass nach wie vor eine wenn auch knappe Mehrheit der Deutschen (laut Umfragen immerhin bei knapp mehr als 50%) eine nichtgesteuerte Einwanderung- und/oder Flüchtlingspolitik nicht wünscht und ablehnt. Gleichzeitig kritisieren Integrationsbeauftragte und Willkommenshelfer die verbreiteten Ressentiments gegen Flüchtlinge und Einwanderer.

Sie werfen der Zivilgesellschaft ein Versagen vor und nicht der politischen Elite mit ihrer aktuellen Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik. Diese Politik ist aktuell auch eher davon gekennzeichnet, dass sie eben keine zukunftsorientierte und von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptierte Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik ermöglicht.

Die Jahrhundert-Aufgabe Integration

Die Integration von Millionen Menschen mit anderen kulturellen, religiösen und ethnischen Wurzeln kann deshalb nur gelingen, wenn die Partizipation am demokratischen System und am wirtschaftlichen Wohlstand der gesamten Bevölkerung zu Gute kommt. Insofern ist die aktuell größte politische Herausforderung eine auf zwei Seiten gerichtete.

Möchte man die Akzeptanz der Zuwanderung, ob geregelt oder nicht, in der Breite der Bevölkerung vorantreiben, dann muss vor allem auch die einheimische Bevölkerung am ökonomischen Wohlstand beteiligt werden. Wenn nicht, sinkt die Akzeptanz gravierend. Und, es verpufft jeder Hinweis darauf, dass insbesondere Deutschland eines der reichsten Länder sei.

Subräume eine kulturelle Bereicherung?

Ähnlich bildet sich das ab in der Forderung und Diskussion über die Annahme unserer so genannten „Leitkultur" durch Einwanderer und Flüchtlinge. Von den meisten Einwanderern und Flüchtlingen wird unsere „Leitkultur", weder das Wort noch die Diskussion darum, weder begriffen noch wird sie voraussetzungslos angenommen.

Im Alltag präsentiert sich jedenfalls das Nebeneinander der Kulturen in den zahlreichen ethnischen Subräumen daher zumeist anders als in den theoretischen Verrenkungen der „deutschen Diskussionskultur". Die Ansprache von z.B. Mitbewohnern aus anderen Kulturkreisen mit oder ohne deutschen Pass zur Einhaltung unserer „Gepflogenheiten", sei es z.B. die Mülltrennung und/oder -vermeidung, das Zuparken von Straßen, Fußwegen und Hauseingängen, illegale Straßenrennen sowie Drogen- und Prostitutionshandel u.v.m. scheitert erfahrungsgemäß sehr oft.

Oft sind es aber auch die Medien selbst, die dies sichtbar machen durch ihre Berichte über Kriminalität, Gewalt und darüber entfachte Diskussionen, z.B. zuletzt bei der Diskussion über das Drogenparadies Görlitzer Bahnhof in Berlin oder das aktuelle Burka-Verbot in verschiedenen Schwimmbädern in Deutschland. Besonders gern wird dann in den Leitmedien grundsätzliches darüber im Namen der Bevölkerung ohne die Bevölkerung diskutiert.

In der Lebenswelt vor Ort wird dagegen Verunsicherung und gegenseitige Ablehnung sichtbar, nicht selten einhergehend mit völligem Unverständnis für die jeweils andere Seite.

Das entlädt sich dann teilweise sogar in enthemmter Gewalt. Und es eröffnet quasi rechtsfreie Räume im Rahmen „kultureller" Gegensätzlichkeit. Besonders in den urbanen Räumen wird das täglich fühlbarer. Begleitet und befeuert wird das ohnehin von großem Misstrauen und von Missverständnissen. Inzwischen hat man den Eindruck, man weiß ja nie, ob da jemand mit Waffen herumläuft. Sicherheitsgefühl sieht anders aus.

Deutsche ziehen weiter aus ökonimisch schwachen gebieten weg

Die immer wieder aufgetischte Mär, die Bevölkerung in den Zuwanderungszentren in den alten Bundesländern sei viel offener für ein kulturelles Neben- und Miteinander, tabuisiert den auch dort dominierenden ökonomischen, sozialen und kulturellen Niedergang ganzer Regionen im Westen - zumeist am sichtbarsten, wo in Stadtteilen inzwischen die Bevölkerungsmehrheit von Migranten mit und ohne deutschen Pass gestellt wird.

Deutsche, die die Chance hatten und haben, aus den sozialen Brennpunkten und kulturellen Subräumen wegzuziehen, haben das in Scharen getan und werden es weiter tun, sobald sich die Chance ergibt. Denn was in den kulturellen Subräumen sichtbar wird neben den sozialen und ökonomischen Problemen, ist, dass in ganzen Stadtvierteln die einst einheimische deutsche Bevölkerung zur Minderheit geworden ist und dass gemessen an der einstigen Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung diese Stadtviertel inzwischen weitgehend ethnisch entmischt sind.

Diese vorwiegend eingedeutschten Migranten und Zuwanderer können und/oder wollen mancherorts selbst bis in die dritte Generation kaum deutsch sprechen, weil sich viele unter ihnen auf ihre kulturellen Subräume zurückziehen. Was in den siebziger Jahren als „kulturelle Bereicherung" gewissermaßen politisiert als Errungenschaft verstanden wurde, dominiert inzwischen ganze Stadtteile mit quasi von der Mehrheitsgesellschaft abgekoppelten Subräumen. Es scheint: Berlin-Neukölln ist inzwischen überall.

Alles nur Neurosen einer idealisierten "Willkommenskultur"?

Suchen wir mal in Berlin ein Restaurant, wo es außer Schnitzel, Bulette und Leberkäse in Imbiss-Qualität noch wirklich traditionelle und regionale deutsche Gerichte gibt. Eher finden wir selbst in alteingesessenen Berliner Bezirken inzwischen in allen Variationen und an allen Ecken mehr Pizza- und Dönerbuden neben Asiaten und amerikanischem Fast Food. Touristisch umfassend erschlossen dominieren in manchen Stadtteilen Berlins im Alltag inzwischen bis zur Unkenntlichkeit der deutschen Sprache neben arabischer Sprache, Turksprachen, Russisch und Polnisch inzwischen auch die Anglizismen die Stadt.

Ein furchtloser Vorschlag von politischer Seite in Berlin schlug daher kürzlich vor, Englisch zur zweiten Amtssprache bei Behörden und Verwaltung einzuführen. Kann man wohl machen. Türkisch ist dort längst angekommen. Vielerorts auch Polnisch. Doch nicht nur in Berlin scheint das amerikanische Vorbild `Cinatown` angekommen zu sein. Chinatown ist ein Viertel des New Yorker Stadtbezirks Manhattan. Auch in mancher Region der alten Bundesrepublik ist der „Importschlager" Cinatown seit Jahren Alltag.

Über solche Praxisbezüge hinaus stellt sich die Frage, was ist demgegenüber unsere verpflichtende historische Rolle und wie kann das künftige Miteinander aller Menschen in einem Multikultiland der Parallelgesellschaften in Deutschland gelingen. Welche „kulturellen Werte" und welche Kongruenzen zählen noch? Was davon ist geeignet für eine gemeinsame Identität aller hier lebenden? Deutscher Fußball ohne Nationalsymbole?

Fest steht, das Misstrauen vieler Deutscher gegenüber kulturellen, sozialen und ethnisch überformenden Veränderungen scheint mit Blick auf die Heftigkeit der öffentlichen Debatte jedenfalls größer geworden zu sein. Viele Menschen sind spürbar unduldsamer geworden in einer umfassend spürbar schwieriger gewordenen Lebenswelt. Auf der anderen Seite bekommen die Menschen im Land von den Medien schonungslos die Neurosen einer idealisierten „Willkommenskultur" vorgetragen.

Politische Le(h)erformeln

Die politische Klasse sieht sich inzwischen regelrecht genötigt, das eigene Volk erziehen zu wollen, ja fast schon in pathologischer Starre vor sich herzutreiben als „Pack" aus Furcht vor so viel Gegenwind aus vielen Bevölkerungsgruppen in der Gesellschaft. Deshalb vorverurteilt man, lässt aburteilen, um so zu verharmlosen, was bereits im Ansatz gescheitert ist - eine geregelte und gesellschaftlich akzeptierte Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik.

Eine solche gesamtgesellschaftlich akzeptierte Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik mit klaren Regeln der Zuwanderung unter Einhaltung der Regeln bei eindeutigen Konsequenzen wäre also die richtige Antwort auf die z.T. chaotischen Zustände, die gesellschaftlichen Verwerfungen und rechtspopulistischen Anfeindungen.

Stattdessen verteilt die politische Elite moralische Brandbomben in der Anleihe an eine Jahrhundertschuld die offenbar Tausend Jahre gültig sein soll. Und wenn von politischer oder anderer Seite auf Kritiker, Mahner und Rufer in der Wüste der moralischen Gleichschaltung eingegangen wird, dann heißt es schnell, sie alle seien weltfremd, gefährdeten die Demokratie und spalten das Land.

Das alles seinen nur „Ängste", unnötige Ängste, die da vorgetragen würden. Inzwischen heißt es aber auch: diese „Bedenken" und „Ängste" müsse man „ernst nehmen". Aber bringt es auch Lösungen? Nein! Es ist ein rhetorisches Instrument zur Rechtfertigung der Doppelbödigkeit einer gescheiterten Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik. Die meisten dargebotenen Antworten bleiben daher politische Le(h)erformeln.

In so einer Situation sehen besonders politisch rechts einzuordnende Kritiker und Kräfte ihre Chance auf eine politische Zukunft. Sie vertreten gegenüber den etablierten politischen Eliten eine Politik der Kritik, die das „Fremde" ausschließen möchte, zumindest aber einkapseln soll. Und das trifft auf einen durch jene altgedienten politischen Eliten gedüngten Boden.

Und so wird es vermutlich zu weiteren politischen Verwerfungen kommen, wenn die verschiedenen divergierenden politischen Strategien weiter so unsozial, kulturell überfordernd und postökonomisch gegenüber der eigenen Bevölkerung agieren. Sichtbare Alternativen zu dieser Politik bleiben jedenfalls bis dato aus trotz AFD.

Denn in der aktuellen Politik herrscht entweder gegenseitige Blockade oder politischer „Einheitsbrei" nach dem Motto: linke Tasche - rechte Tasche, um nicht an den Rand der politischen Mitwirkungsmöglichkeit gespült zu werden. Gerade das vermittelt den Eindruck, dass es gegenwärtig die Angst in der Politik selbst ist, die den politischen Motor antreibt. Die Nutznießer einer solchen ängstlichen Politik sind wohl vorübergehend allein die Parteien am rechten oder linken Rand. Und das trotz zahlreicher Versuche der Ausgrenzung der politischen Gegner aus dem politischen Geschäft durch die demokratischen Eliten.

Der Flüchtling als Konjunkturpaket

Es bleibt daher zu befürchten, dass die aktuell verantwortlichen Politiker vor dem Hintergrund der politischen, sozialen und ökonomischen Verwerfungen die Verlierer der Geschichte sein könnten. Eine zentrale Erkenntnis Platons, dem großen griechischen Staatsgelehrten und Philosophen, war, bezogen auf die Aufeinanderfolge politischer Staatsgebilde, dass der Demokratie eine Diktatur folgt.

Das bezieht sich freilich auf die politischen Erfahrungen Platons in antiker Zeit, wo er das Scheitern der attischen Demokratie und die nachfolgende Herrschaft von Autokratien und antiker Diktaturherrschaft als Zeitzeuge miterleben konnte. Sein Lösungsansatz daraus, dass allein die „besten der Gesellschaft", die größten Philosophen also, die Gesellschaft in seiner Idealvorstellung anleiten sollten, erfüllte sich nicht. Und auch für die Gegenwart scheint das kaum tauglich. Denn wer entscheidet, wer die Besten der Gesellschaft sind? Es wäre eine "neue" oder andere Form des Totalitarismus.

In Folge der bisher völlig verfehlten Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik verschärfen sich unabhängig von Platons Staatenlehre in unserer Gegenwart die sozialen und ökonomischen Konflikte trotz eines postulierten „Reichtums" der Gesellschaft. Die dramatische Zunahme von Obdachlosigkeit in urbanen Zentren, das sichtbare und unsichtbare Arbeitslosenherr, der Mindestlohn für Arme, die rudimentäre Rente vieler alter Menschen und die gescheiterte Bildungspolitik (Liberalisierung, Ökonomisierung und Entwertung) sind da nur einige Reizworte von vielen aktuellen Themen in Deutschland.

Die zahlreichen gegensätzlichen Studien zur sozialen und ökonomischen Lage im Land, in Europa und darüber hinaus erleichtern da jedenfalls kaum die Orientierung für den Bürger, weil die beobachtete Realität in Teilen so gravierend davon abweicht. Es kommt hierbei offenbar allein auf den Standpunkt des Betrachters an, zu was für einem Ergebnis man da jeweils kommt, kommen will. Was aber mit großer Wahrscheinlichkeit noch folgen wird, ist, dass es zu einer weiteren Einschränkung unserer bürgerlichen Freiheiten kommen wird im Namen der Terrorbekämpfung.

Deren zentraler Auslöser ist insbesondere in Europa die gescheiterte europäische Asyl- Migrations- und Einwanderungspolitik. Alte politische Wünsche und Strategien zur umfassenden Kontrolle der Bevölkerung, ihrer Überwachung und Durchdringung aller Lebensräume finden dennoch und offensichtlich noch ihre Verwirklichung. Vieles davon ist bereits Realität, was Orwell in seinem Klassiker „1984" vorwegnahm.

Warum sollte also "der Staat" auch auf „Bewegungsmuster", auf die „Erkenntnis über religiöse und politische Einstellungen" oder die Rasterfahndung verzichten? Google, Youtube und Facebook sind mit der umfassenden Entschlüsselung ihrer Nutzer schon längst in der zweiten Jahrhunderthälfte des 21. Jahrhunderts angekommen. Die allzu bekannten Lemminge der Konsumtion sind auch allzu bereit, sich einen eingebildeten Vorteil zu erkaufen im freiwilligen Tausch gegen ihre Daten. Und dieses Konsum- und Überwachungsparadies öffnet sich nun den Millionen von Flüchtlingen, Asylantragstellern und Einwanderern.

Es sind eben nicht nur die Schlepper, die an dem Elend dieser Menschen verdienen. Auch die Wirtschaft verdient an ihnen mit, und schafft temporär Arbeitsplätze. Vor allem die aktuelle Masse an Flüchtlingen gilt inzwischen als besonderer Wirtschaftsfaktor hierfür. Sie und ihre zahlreichen staatlichen und karitativen Versorgungseinrichtungen werden deshalb von der Wirtschaft besonders geschätzt.

Als zumeist auszubildende Arbeitskraft und als kulturelle Bereicherung gelten sie der Wirtschaft dagegen bisher kaum etwas. Da bleiben die Flüchtlinge und Migranten eher ausgeschlossen wegen sprachlicher Mängel und kaum fachlicher Voraussetzungen, was beides Investitionen erforderte. Und diese Investitionen sollte bitteschön wieder der Staat übernehmen, also der Steuerzahler.

Es stellt sich damit die Frage, für wen oder was ist die aktuelle Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik wirklich gut? Und Andere fragen da nicht ganz zu Unrecht, wer zahlt die Zeche eigentlich?

Das demokratische Gemeinwesen - vorprogrammiertes Versagen?

Die Stabilität eines demokratischen Gemeinwesens hängt lesen konnten unmittelbar vom Grad der Partizipation des Einzelnen ab. Die darüber stehende theoretische und politisch vertretene Doktrin ist zugleich darauf festgelegt, dem Einzelnen rhetorisch eine idealisierte persönliche Individualität und eine geradezu mystische Art von Selbstbestimmung zu unterstellen, ja, sogar über alles andere zu stellen.

Eine wesentliche Voraussetzung für die Verwirklichung der unterstellten Selbstbestimmung und individuellen Freiheit ist aber, dass es den Staat nichts kosten darf. Dann ist faktisch alles erlaubt, ja möglich, was nicht strafrelevant belegt ist oder verfolgt wird.

Gleichzeitig wird die Bevölkerung unablässig konditioniert, pädagogisiert, moralisiert und psychologisiert. Es wird gern vom „Wir" gesprochen und meint damit vor allem die zahlende Bevölkerung in ihrer Gesamtheit. Der Einzelne bleibt dabei in seinem Verhältnis zum Staat und umgekehrt das Abbild dieser Entwicklung. Abgeleitet davon könnte es auch heißen: „Der Staat ist allmächtig, weil er da ist".

Tatsächlich ist „der Staat", das abstrakte Wesen, das sich insbesondere durch Verwaltung und Bürokratie auszeichnet, hier und nur hier für den einzelnen Bürger als existent spürbar. Gleichzeitig befinden sich „der Staat" und seine Administration gegenüber dem Massenansturm von Flüchtlingen in scheinbar ohnmächtiger Verfassung - so jedenfalls die weit verbreitete Gefühlslage vieler Bürger. Ein unkontrolliertes „Überrennen" der Staatsgrenze, des Verwaltungs- und Bürokratiesystems sowie eine idealisierte „Willkommenskultur" wären sonst kaum möglich (gewesen).

Die Prognose lautet daher: ohne einen durchgreifenden ökonomischen und sozialen Interessenausgleich, national und in ganz Europa - ohne das linke-Tasche-rechte-Tasche-Prinzip - und ohne ein langfristig angelegtes Einwanderungsgesetz, national und in Kooperation mit ganz Europa, wird der demokratische Staat mit seiner aktuellen Flüchtlingspolitik mindestens mittelfristig auf ganzer Linie scheitern oder aber zumindest sehr geschwächt aus der aktuellen Lage hervorgehen.

Ein politisch, sozial und kulturell zusammengewachsenes Europa, wie es sich die Väter dieser großartigen Idee vorstellten, wird es dann nicht geben.

Die aktuellen ökonomischen Verteilsysteme auf EU-Ebene reichen jedenfalls nicht aus, um politische Strategien zur Regulierung der Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik in Europa durchzusetzen. Dies gelingt nur, wenn der ökonomischen Basis in ganz Europa die oben genannten politischen Prinzipien folgen - nämlich ein auf europäischer Ebene vollzogener ökonomischer und sozialer Interessenausgleich, der die nationale Geschichte der Mitgliedsländer respektiert und nicht nur administriert.

Und dazu gehört eben auch die politische gewollte Regulierung der Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik. Diese Politik muss aber auch für jene Einwanderer und Flüchtlinge den politisch akzeptierten Ausschluss bedeuten, die den europäischen Prinzipien und Werten der Demokratie entgegenstehen und die allein wirtschaftliche Motive zu Migration antreibt. Wer sich bei der aktuellen Einwanderungs- und der Flüchtlingspolitik insgesamt allein auf zeitgemäße religiöse Grundsätze oder Menschenrechte beruft, klammert die Existenz der oben genannten demokratischen Prinzipien und Werte aus.

Eine allein theoretische Diskussion über das „Recht auf Flucht, Migration und Zuwanderung" ohne Realitätsbezug spaltet jedenfalls die Bevölkerung und die europäischen Nationen eher, als dass sie sich der zeitlich begrenzten Willkommenskultur zuwendet. Darüber hinaus schwächt es die Demokratie in ganz Europa anstatt allgemeine Akzeptanz zu befördern.

Diesem europäischen Gesamtproblem kann deshalb nur eine allgemein akzeptierte Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik gegenüber gestellt werden, um die gegenwärtigen politischen Verwerfungen und die voraussehbare Spaltung Europas in Zukunft zu verhindern bzw. zu überwinden.

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