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Apple unter Tim Cook: Ein sterbender Schwan?

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Der Chef von Apple, Tim Cook, wettert gegen die Europäische Union. 13 Milliarden Euro Steuern soll er nachzahlen. Er sagt, das sei „politischer Mist".

Aber damit kurbelt Cook nur tĂĽchtig an der Nebelmaschine.

Mehr nicht. Denn ganz gleich wie hoch am Ende die Steuernachzahlung ausfallen wird: Am Ende ist der Kunde der Dumme. Denn Steuern sind in den Augen eines jeden Unternehmens nichts anderes als Kosten und damit Teil der Preiskalkulation. Dann wird das iPhone 7 eben ein paar Euro teurer. Was soll's? Schließlich sind Apples Geräte seit jeher im Hochpreissegment angelegt.
Warum aber Tim Cook nun den Rächer der Steuergeplagten mimt?

Ganz einfach. Sein Unternehmen hat ein, zwei, drei Problemchen, die er anders nicht kaschieren kann. Und diese sind durchaus von Interesse fĂĽr den Anleger.

Bereits Anfang 2013 war absehbar, dass es Apple nach dem Tod von Steve Jobs nicht mehr ganz so leicht auf dem immer härter umkämpften Smartphone-Markt haben würde.

Zu abhängig war man in Cupertino von Jobs' Persönlichkeit als Macher und Verkäufer. Als dieser vor neun Jahren das iPhone in die Welt setzte, begann ein furioser Technologie-Wettlauf voller Lizenzstreitigkeiten und Gerichtsprozesse. Doch seitdem haben einige Hersteller ein starkes eigenes Profil aufbauen können. Android-Geräte wurden immer leistungsfähiger und überholten das iPhone in vielerlei Hinsicht.

Schauen wir uns zunächst die Geschäftszahlen etwas genauer an.

Die Smartphone-Sparte war im Jahr 2015 für 66 Prozent des Konzernumsatzes verantwortlich, gefolgt von der Mac-Sparte mit elf und dem iPad mit zehn Prozent. Nord- und Südamerika ist mit einem Anteil von 40 Prozent die wichtigste Umsatzregion. Zwischen Januar und März 2016 konnte Apple seinen Umsatz leicht um 1,7 Prozent erhöhen. Der Gewinn kletterte parallel um 1,9 Prozent. Dienstleistungen waren dabei der viel stärkere Antreiber als die Hardware-Abteilung.

Gar nicht so schlecht schauen zur Zeit noch die aktuellen Werte der Apple-Aktie aus. Bei einem momentanen Kurs von 105,44 Dollar weist das Papier ein relativ niedriges gutes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10,3 auf. Das bedeutet, dass eine Investition in diese Aktie in etwas mehr als zehn Jahren wieder eingespielt wäre, wenn sich die Gewinne in gleichem Maße wie zuletzt entwickeln. Das niedrige KGV kann aber auch ein deutliches Zeichen dafür sein, dass der Markt zukünftige Gewinneinbußen für Apple vorwegnimmt. Das Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV) steht bei sehr guten 7,8. Zur Erinnerung: Investoren-Legende Benjamin Graham sah Aktien erst ab einem KCV von 15 als überbewertet an. Und auch das Verhältnis von Kurs und Buchwert (KBV) ist mit 4,4 beachtenswert. Die 4,4 bedeutet hier, dass jeder Dollar, der als Sachwert in den Büchern des Unternehmens steht, an der Börse 4,4 Dollar kostet. Das ist gar kein schlechter Wert, vor allem im Vergleich zu anderen Technologieunternehmen.

Die Eigenkapitalquote Apples sank zwar in den vergangenen vier Jahren um fast 25 Prozenpunkte, ist mit einem Stand von zuletzt 41,1 Prozent aber ausgesprochen hoch. Apple ist relativ unabhängig von Banken und anderen Geldgebern, durch Zinszahlungen nicht allzusehr belastet und wäre auch in einer Flaute handlungsfähig.

Eine solche Flaute ist jedoch, aufgrund der zuletzt eher glücklosen Unternehmenspolitik, gar nicht unwahrscheinlich. Es ist absehbar, dass sich das Wachstum bei Umsatz und Gewinn in den kommenden Jahren deutlich abschwächen wird.

Denn heute hat Apple zwar noch viel Geld und gute Zahlen, aber keine guten Ideen.

Das neue MacBook, die Apple Watch und auch die neue Version des Apple TV sind allesamt keine Renner. Auch das iPhone 6 hinkt den Erwartungen hinterher. Die Verkaufszahlen sind schlecht. Die Umsatzzahlen sind nur noch beim Musik-Streaming-Dienst befriedigend. Während hier allerdings Marktführer Spotify neun Millionen zahlende Kunden vorweisen kann, hinkt Apple mit vier Millionen noch recht weit hinterher.

Und auch das hochgelobte Projekt „Titan" leidet. Apple wollte damit ein gewichtiges Wörtchen im Bereich der selbstfahrenden Autos mitreden. Doch der Starttermin ist immer noch nicht sicher, weil angesehene Manager, beispielsweise der von Daimler abgeworbene Johann Jungwirth, dem Unternehmen schnell wieder den Rücken kehrten. Zudem wurden nach Insider-Informationen bereits einige Dutzend Mitarbeiter entlassen. Ein Kassenschlager von Apple ist also auch auf diesem Gebiet nicht allzufrüh zu erwarten. Und auch das am vergangenen Mittwoch vorgestellte iPhone 7 wurde von der Fachpresse nicht mehr ganz so euphorisch aufgenommen wie seine Vorgänger. Viele Alleinstellungsmerkmale hat das Gerät nicht mehr. Die einzige „Sensation": Apple lässt die Klinkenbuchse weg. Aber ist weniger wirklich immer mehr?

Wenn weiterhin gute neue Ideen ausbleiben, wird die Abhängigkeit Apples vom iPhone ganz schnell zu seiner Achillesferse.

Apple lebt von viel Phantasie und vor allem Nostalgie bezüglich der guten alten Zeiten unter Steve Jobs. Und dass Tim Cook nun Scheingefechte auf dem politischen Feld austrägt statt sich um seine Produkte zu kümmern, ist kein gutes Zeichen.

Der Markt nimmt einfach wenig RĂĽcksicht auf ehemalige Fast-Monopolisten.

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