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Parkinson: Warum mir die Krankheit mehr gibt, als sie mir nimmt

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MAN BENCH
vladans via Getty Images
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"Was denkst du, sind es linke oder rechte Füße?" Sandra versteht nicht, wovon ich rede. "Diese Füße", sage ich, auf eine Reihe nackter, direkt über dem Knöchel amputierter Füße zeigend. Sie stehen entlang der Glaswand, auf der Hälfte des langen Ganges.

Auf jedem der braunen Füße ruht ein rotlederner Diplomatenkoffer. "Ob sie wohl alle gleich sind? Oder gerade nicht? Und denkst du, dass es Paare sind?" Sandra zieht mich mit sich, sie zerrt an meinem Ärmel. "Nun komm schon."

Fast lautlos fährt ein Elektro-Golfmobil an uns vorbei; auf der Rückbank, mit dem Rücken zum Pfleger, sitzt ein alter Mann, der sich mit beiden Händen an seinen Gehstock klammert. Als sie vorüber sind, sehe ich den Gärtner draußen, auf der anderen Seite des Glases. Er hackt die harte, trockene Erde in den Beeten zwischen den gebogenen Bändern aus rostbraunem Baustahl auf.

Hinter den Aufzügen müssen wir nach links. Ich melde mich an einem Schalter. Wir warten. Sandra blättert in einer Wohnzeitschrift. Ich bin in Gedanken noch bei diesen Füßen. Welche Schuhgröße haben sie wohl? Dann werden wir aufgerufen. Kurz darauf stellt mir eine junge Assistenzärztin endlos viele Fragen.

Fragen über Fragen

In einem kleinen Raum der Poliklinik, aus dem Lamellen das scharfe, sommerliche Sonnenlicht fernhalten, sitzt sie mir gegenüber, eine Frau so jung wie meine Tochter, mit einem Klemmbrett auf den Knien, einen Stift in ihrer kleinen rechten Hand. Zeile für Zeile arbeitet sie die Frageliste ab.

Was habe ich für Probleme? Haben sie an einer Körperseite angefangen oder beidseitig, rechts und links? Habe ich damit schon lange Schwierigkeiten? Habe ich Schmerzen? Welche Medikamente nehme ich ein? Bin ich manchmal deprimiert? Welcher Arbeit gehe ich nach?

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Ich kann in ihrer Anamnese kein System erkennen. Zweifelsohne gibt es ein System, so wie sich offenbar auch hinter dem Fragenskript einer Telefonhotline eine Logik verbirgt: Was haben Sie für Probleme? Haben Sie den Stecker eingestöpselt? Leuchtet nur das linke Lämpchen?

Ich frage mich, ob sie die Bedeutung dieser Füße kennt. "Welcher Arbeit gehen Sie nach?", fragt die Assistenzärztin noch einmal. "Ich bin Journalist", antworte ich.

Ich stolpere immer öfter. Auf dem Weg zum Markt stolpere ich über einen niedrigen Bordstein oder schief stehende Steinplatten, als ob ich am helllichten Tag - obwohl in Wirklichkeit stocknüchtern - aus einer Kneipe torkelte. Ich stolpere über meine Worte, wenn ich mich an meinem Speichel verschlucke.

Mein Gang wurde eckiger

Und ich stolpere über die Buchstaben auf der Tastatur meines Laptops; wenn ich schreibe, bleibt mein linker Zeigefinger am "a" oder am "s" hängen, sodass "ich sage" immer wieder zu "ich ssssaaaage" verkommt oder zu einer anderen unentwirrbaren Buchstabenkombination, weil ich mit links auch schon mal neben das "a" und "s" oder das "g" greife. Meine linke Hand ist widerspenstig. Sie zittert manchmal.

Eigentlich tut diese Hand das schon monatelang, vielleicht schon seit Neujahr. Trink mal ein bisschen weniger Kaffee, riet mir der Physiotherapeut, den ich wegen eines bohrenden Schmerzes im unteren Rücken aufgesucht hatte. Er behandelte mich mit Dry Needling. Das half gegen diese Schmerzen.

Ich setzte mich selbst auf eine Ration von zwei oder drei Tassen Kaffee beim Frühstück. Den Rest des Tages ignorierte ich den Automaten in der Zeitungsredaktion. Das Zittern der linken Hand ließ nicht nach.

Mein Gang wurde eckiger. Dass ich mich so linkisch bewegte, wurde mir erst bewusst, als ich an einem Sonntag mit Nina ein Stündchen über ein jahrhundertealtes Landgut am Rand unseres Dorfes spazierte.

Wir redeten über unsere Arbeit, meine Tochter und ich, über das Schreiben und den Journalismus, über eine ihrer Erzählungen, mit der sie nicht richtig vorankam, eine märchenhafte Geschichte über einen wortkargen Bauern und ein Mädchen.

Wann es mir bewusst wurde

Eines Morgens, ganz in der Frühe, schauen der Bauer und das Mädchen an einem Zaun über einen nebligen Polder. Das Mädchen fragt, was hinter diesem Nebel liege. »Wenn du dort hingehst«, sagt der Bauer, »sind dort Häuser. Schaust du zurück, dann ist dies hier verschwunden. Ich verschwinde.

Mein Haus und dein Haus, deine Eltern, der Stall und mein Hund. Alles ist fort.« Ich weiß noch, wie wir durch den Wald aus Eichen und Buchen gingen, an dem Landhaus einer adligen Familie vorbei, an den Äckern und dem Entenfang, an den Holunder- und Ilex-Sträuchern, an Parzellen sumpfigen Weidelands entlang und an dampfenden Pferden in hohem Gras.

"Das ist eine sehr schöne und ruhige Geschichte", sagte ich, "aber ich möchte wissen, was sich genau zwischen diesem Bauern und diesem Mädchen abspielt. Wie kommt es, dass sie so früh am Morgen an diesem Zaun stehen? Was haben sie da zu suchen? Wo sind ihre Eltern? Was ist da los?" "Schwing doch mal mit den Armen", sagte meine Tochter damals. "Was meinst du?" "Du gehst so langsam."

Ich wusste, dass sie recht hatte. Dass ich meinen linken Arm steif abgewinkelt an meinem Körper hielt, als wäre er in einer Armschlinge fixiert, und meine linke Hand, am liebsten zur Faust geballt, in meine Winterjacke steckte. Wir wanderten durch die herrlichste Landschaft, doch mein Blick heftete sich andauernd auf den staubigen Sandweg direkt vor meinen Füßen.

Sie sahen, wie ich mich abquälte

"Du musst mitschwingen. Dann fällt dir das Gehen leichter." Nina wurde ungeduldig. "Und jetzt auch die Füße höher heben." Was dachte sie, was mit mir los ist, meine Tochter? "Übertreib' es ruhig. Nur zu. Schwing!"

Ich habe Monate gebraucht, um in dieser Hirnambulanz zu landen. Meine beiden engsten Kollegen haben mich immer wieder gefragt, warum ich nicht mal zum Hausarzt ginge. Sie sahen, was Nina sah. Den steifen Gang. Diesen starren linken Arm. Mein ausdrucksloses Gesicht.

Sie müssen bemerkt haben, dass ich mit ihrem Arbeitstempo an den langen Tagen bei der Zeitung, die mächtig unter Druck stand, nicht mehr mithalten konnte. Sie sahen, wie ich mich damit abquälte, machten mir aber keine Vorwürfe. Sie müssen sich unbehaglich gefühlt haben.

Jetzt geh doch endlich mal zum Hausarzt. Immer wieder habe ich es verschoben. Zu beschäftigt. Zu müde. Zu gehetzt. Bis ich mich schließlich in die Ambulanz der Neurologischen Abteilung überweisen ließ.

Zwei Tage vor diesem Termin im Krankenhaus las Sandra den ersten Entwurf einer Geschichte, an der ich gerade schrieb, eine neue Anfangsszene für einen Roman, an dem ich schon jahrelang arbeitete.

Sie glaubte, acht der zehn Symptome wiederzuerkennen

Zwei Männer, ein abgehalfterter Journalist und ein superreicher Schachpromoter, stehen im engen vorsintflutlichen Lift des Hotels, in dem sie Zeuge eines Versuchs waren, den Weltrekord in Blindsimultan zu brechen. Der Schachspieler, der alle sechsunddreißig Stellungen im Kopf behalten musste, war mitten in der zweiten Nacht einfach eingenickt.

Beim Schreiben hatte ich an Jannes van der Wal gedacht, den Ex-Weltmeister, der dafür bekannt war, an den merkwürdigsten Orten einschlafen zu können. Dass er ein Damespieler und kein Schachspieler war, war mir egal. Es ging mir um einen Satz, um ein Zitat.

Jannes van der Wal ist jung gestorben. Zehn Jahre vor seinem Tod habe ich für die Zeitung ein Gespräch mit ihm geführt. Im Café Drie Gezusters erzählt er, was ihn so stört, an einer misslungenen Partie vielleicht, oder am irdischen Dasein: "Ich kann die andere Seite einfach nicht erreichen." "Taugt es etwas?", fragte ich meine Frau. "Vielleicht", antwortete Sandra. Die Liftszene habe jedenfalls Drive.

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Dennoch war Sandra an dem medizinischen Begriff hängen geblieben, mit dem ich - nebenbei, wie ich dachte - deutlich machen wollte, dass der Journalist, ein Alkoholiker und Teilzeitjunkie, der sich als Betrüger und Fantast seine Sporen verdient hatte, leicht zitterte und manchmal stolperte. Ich hatte ihm, außer dem zwanghaften Hang zum Fabulieren, einen Tremor verpasst.

Im Internet las Sandra, dass ein Tremor eine ständige Schüttelbewegung von einem oder mehreren Körperteilen ist, die durch eine unwillkürliche Muskelkontraktion verursacht wird. "Ein Tremor ist nicht lebensbedrohlich, aber manche Menschen schämen sich dafür, weil sie alltägliche Verrichtungen weniger gut bewältigen können."

"Google das selbst doch auch mal", schlug Sandra mir vorsichtig vor. Ich tat es an dem Abend vor dem Termin in der neurologischen Abteilung. Ich fand die Symptomliste. Das Zittern. Die Beschreibung, wie beim Gehen ein Arm nicht mehr mitschwingt. "Du riechst schon seit Jahren fast nichts mehr", sagte Sandra.

Sie glaubte, acht der zehn Symptome wiederzuerkennen. "Das mühsame Sprechen, bei dem sich zu viel Spucke im Mund sammelt, habe ich in letzter Zeit auch." "Das wusste ich nicht", sagt Sandra. Neun von zehn. Zur Verstopfung sagte ich nichts.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Da stirbst du nicht dran" von Henk Blanken. Es erschien beim Verlag patmos.

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