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So stehen die Hoffnungen auf einen HIV-Impfstoff

30/11/2015 15:19 CET | Aktualisiert 30/11/2016 11:12 CET
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Nur die älteren Generationen erinnern sich noch daran: scheinbar gesunde Freunde und Verwandte wurden plötzlich krank, ihr Zustand verschlechterte sich täglich, bis sie an einer bis dato mysteriösen Erkrankung verstarben. Jeder kannte jemanden. Eine HIV-Diagnose war ein Todesurteil.

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1987 wurde das erste Medikament zugelassen; 1995 kam dann der Durchbruch mit einer Kombination von verschiedenen Medikamenten. Seitdem ist die Wissenschaft sehr weit gekommen. Durch Anstrengungen und die Zusammenarbeit von Patienten, Klinikern, Wissenschaftlern, staatlichen Einrichtungen und Pharmafirmen besteht heute ein ganzes Arsenal an HIV-Medikamenten.

Die HIV- Erkrankung wurde von einem Todesurteil zu einer zwar nicht heilbaren, aber gut lebbaren, chronischen Erkrankung. Die Lebenserwartung von gut behandelten HIV-Patienten hat sich zunehmend der der Normalbevölkerung angeglichen und andere Erkrankungen wie Herz- oder Krebserkrankungen rücken in der Patientenversorgung wieder in den Vordergrund.

Mit rund 70.000 HIV-infizierten Menschen in Deutschland scheinen wir HIV im Griff zu haben. Wirklich? -Nein. Nicht nur steigen die HIV-Neudiagnosen in Deutschland seit Jahren an, sondern es leben alleine im südlichen Afrika rund 27 Millionen HIV-Infizierte. Das sind so viele Menschen wie alle Einwohner der Niederlande und Belgien zusammen.

Kein Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten

Das wäre nicht so schlimm, hätten die Patienten Zugang zu lebenswichtigen Medikament. Über diesen Luxus verfügen allerdings nur weniger als 40%. Daher versterben pro Jahr noch circa 1,2 Millionen Menschen an AIDS-assoziierten Erkrankungen. Eine abstrakte Zahl, die man nicht wirklich begreifen kann.

Aber diese Zahl bedeutet in einigen Ländern den Verlust ganzer Generationen; die Jungen, Starken, Gebildeten, die das Rückgrat der Wirtschaft und Gesellschaft bilden. Es geht also auch um soziale Verantwortung, die wir als westliche, ökonomisch-führende Nation gegenüber den armen Ländern tragen.

Bisher konnten derartige Epidemien alleine mit Hilfe von Impfstoffen beherrscht werden, und so bleibt auch bei HIV ein effektiver Impfstoff die einzige langfristige Hoffnung. Schon im alten China hatte man erkannt, dass pulverisierter Schorf aus Pockenläsionen in die Nase eingebracht, nur eine milde Form der Pocken auslöste und dadurch ‚Immunität' gegen die Pockeninfektion bewirkte.

Moderne Impfung

Diese Form der frühen Impfung hat sich im 18. Jahrhundert dann auch in England und Europa durchgesetzt. Aber erst Edward Jenner war es, der die moderne Form der Impfung erfand. Jenner nahm Eiter von einer an Kuhpocken erkrankten Magd und gab diese in eine Wunde des Gärtnersohnes James Phipps. Der Junge wurde krank, aber erholte sich bald wieder.

Wochen später infizierte er den Jungen mit Eiter der gefährlichen echten Pocken, der Junge war offensichtlich durch die vorhergehende Prozedur geschützt. Die Idee der Impfung war geboren. Durch das Einbringen eines weniger virulenten, abgetöteten Erregers oder Bestandteile eines Erregers wird das Immunsystem ‚trainiert' und ‚lernt', wie es am besten mit infektiösen Erkrankungen umgeht.

Nach diesen oder ähnlichen Mechanismen wurden bisher rund 35 Impfstoffe entwickelt und auf dem Markt zugelassen. Für HIV ist ein vergleichbares Verfahren indessen nicht möglich. Weder ist es möglich, abgetötete HIV-Erreger als Impfstoff zu verwenden noch kann das komplexe Oberflächenprotein des HI-Virus, das eine Trimerstruktur hat, leicht nachgebaut werden.

Hinzu kommt eine hohe Diversität von HIV, ein Glykosierungs-Schild, dass das Oberflächenmolekül umgibt, sowie die Latenz des Virus. Denn wenn HIV erst einmal im Genom der Wirtszelle integriert ist, kann es nur noch schwer vom Immunsystem erkannt werden. Trotz alledem gibt es einen Hoffnungsschimmer.

Erfolgreicher HIV- Impfstoff

Nach Jahren des Misserfolgs hat 2009 ein HIV-Impfstoff eine 30 prozentige Effektivität gezeigt. Das bedeutet, dass eine von drei geimpften Personen durch den Impfstoff geschützt war (RV144 trial). Mehr noch, im ersten Jahr nach der Impfung war der Schutz doppelt so hoch, allerdings nicht von Dauer.

So wie innerhalb eines halben Jahres die Immunität verloren ging, so verschwand auch der Schutz vor der HIV-Infektion. Trotzdem wurde damit bewiesen: ein HIV Impfstoff ist potentiell möglich. Dieser Erfolg kam insofern überraschend, als man in der Fachwelt nach jahrelangem Theoretisieren eher pessimistisch gestimmt war, nicht zuletzt, weil zuvor ein anderer Impfstoff, von dem man eher einen Erfolg erwartet hätte, nicht funktioniert hatte (STEP trial).

Hier wie dort machten die Ergebnisse jedoch eindrucksvoll deutlich, wie viel wir über das Immunsystem noch zu lernen haben. Obwohl das Prinzip der Impfung bereits über Hunderte von Jahren angewendet wird, wissen wir bis heute nicht, was genau einen Impfschutz bewirkt und was nicht.

Das Immunsystem mit seinen unzähligen Bestandteilen aus Zellen, Proteinen und Botenstoffen ist ein komplexes, ineinander verwobenes Netzwerk, das wir noch kaum verstanden haben. Wir ahnen, was wir induzieren müssen, aber wie wir das gezielt realisieren können, bedarf weiterhin der Forschung.

Vorgehen bei der Impfstoffforschung

Wir können sogenannte Korrelate der Protektion messen, aber ob wir damit erfassen, was wirklich für den Schutz verantwortlich ist, ist nicht bekannt. Der Erfolg des ersten moderat erfolgreichen Impfstoffes versorgte das HIV-Forschungsfeld mit neuer Energie. Mehrere Phase-I-Studien sind auf den Weg gebracht, neue Konzepte werden in den kommenden Jahren getestet.

Hierbei kristallisieren sich mehrere Vorgehensweisen heraus: Vektoren, die Bestandteile von Genen in sich tragen und diese dann für eine Weile im Körper produzieren, um eine Immunantwort zu induzieren, sowie die Erforschung und der Nachbau des HIV- Oberflächenproteins gp120, kombiniert , ‚prime and boost' oder alleine.

Hinzu kommt die Testung von Zusatzstoffen, genannt Adjuvanzien, die die initiale Reaktion des Immunsystems optimal triggern. Das HIV-Impfstoff-Feld ist in den letzten Jahren merklich zusammengerückt, haben doch gerade die großen Impfstoffstudien gezeigt, wie viel sich potentiell gemeinsam erreichen lässt.

Nur Teamarbeit kann erfolgreich sein

Kein Wissenschaftler verfügt heute über die Möglichkeiten, einen HIV-Impfstoff alleine zu entwickeln, geschweige denn in Produktion zu bringen und zu testen. Klinische Impfstoffstudien sind teuer, die Erforschung der induzierten Impfantworten kompliziert und arbeitsaufwendig und die Entscheidung über die erforderlichen nächsten Schritte können nur gemeinsam innerhalb der Gruppe der Forscher getroffen werden.

Auch die Komplexität des Immunsystems lässt sich nur im Team wirklich begreifen. Es gibt also viel zu tun. Die einzelnen Schritte sind langsam und mühsam, und es ist nicht vorhersehbar, ob ein nächster Schritt ein Fort- oder ein Rückschritt sein wird. Kann man also überhaupt von Hoffnung reden?

Ich weiß es nicht, aber unsere soziale Verantwortung denen gegenüber, die am schlimmsten von der HIV-Epidemie betroffen sind und sich aufgrund fehlender Finanzmittel ein Leben in Würde nicht leisten können, gebietet es die Forschung voranzutreiben, gleich ob von Erfolg oder Misserfolg beschieden.

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