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#NewWork - zwischen Spiritualität, elitärem Scheiß und dringender Notwendigkeit

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WORKING PEOPLE
Tom Merton via Getty Images
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Meine Beschäftigung mit dem Thema „New Work", also der Frage, wohin sich unsere Arbeitswelt entwickelt, zieht sich nun schon eine ganze Weile hin.

Dabei - das ist mein wesentlicher Fokus - steht die Veränderung im Bereich der Sozialwirtschaft im Vordergrund, die sich in einigen Punkten stark, in anderen Punkten so gar nicht unterscheidet von den „allgemeinen" Veränderungen, die sich auch für alle anderen Arbeitsfelder ergeben.

In den letzten Wochen und Monaten beschleichen mich jedoch einige Zweifel, was das Konzept und die bisherige Umsetzung insgesamt angeht.

Das Konzept New Work

Das Konzept „New Work" geht auf den amerikanischen Professor Frithjof Bergmann zurück, der New Work als Alternative zu unserem bisherigen und zunehmend an seine Grenzen geratenen Lohnarbeitssystem beschreibt.

Bergmann ist seit 1958 an der University of Michigan in Ann Arbor tätig, wurde dort Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie, später auch für Anthropologie. 1999 wurde er emeritiert.

Außerdem ist er Gastdozent an der Universität Kassel. Konkret, allerdings sehr verkürzt geht es Bergmann in seinem Konzept „New Work" darum, dass das Lohnarbeitssystem, so wie wir es kennen, schon von Grund auf zu den in unserer Gesellschaft zunehmend verstärkt auftretenden Problemen führt.

Markus Väth schreibt dazu sehr passend:

„Der New Work - Begründer Frithjof Bergmann stellt das Lohnarbeitssystem radikal in Frage und übt deutliche Kritik am heutigen Kapitalismus. Er ist Philosoph und will das Wesen der Arbeit vom Kopf auf die Füße stellen. Nur ein bisschen „agil sein" oder „digital transformieren" geht im Sinne des New Work daher genauso wenig wie „ein bisschen schwanger sein".

Das Konzept „New Work" basiert aus der Sicht von Bergmann darauf, das frühkapitalistische System der Lohnarbeit zu ersetzen durch ein System, das aus den drei Teilen

  • Erwerbsarbeit (1/3),
  • High-Tech-Self-Providing (Selbstversorgung, 1/3) und
  • einer Arbeit, die man wirklich, wirklich will (1/3) besteht.

Erwerbsarbeit

Hintergrund der Entwicklung des Konzeptes ist die Feststellung, dass die „klassische" Erwerbsarbeit insbesondere aufgrund der Automatisierungsprozesse zurück gehen wird.

Um aber die Arbeitsplätze nicht gleich zu verlieren, sondern eine finanzielle Basis für alle zu schaffen, soll im Konzept ein Drittel aus der in Zukunft noch zur Verfügung stehenden klassischen Erwerbsarbeit bestehen. Damit werden auch Anschaffungen möglich, die nicht durch die eigene Herstellung (siehe Selbstversorgung) oder nachbarschaftliche Netzwerke erzeugt werden können.

Selbstversorgung

Das zweite Drittel der zur Verfügung stehenden Zeit wird mit Selbstversorgung auf technisch höchstem Niveau zugebracht. Konkret geht es also nicht darum, ein paar Kartoffeln im eigenen Garten anzubauen.

Es geht darum, mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten Dinge des täglichen Lebens (angefangen von der Kartoffel bis hin zu bspw. technischen Geräten) herzustellen. Hinzu kommt, dass sich die Menschen zunehmend verstärkt Gedanken um den tatsächlich sinnvollen Konsum machen, wodurch sich der Bedarf automatisch reduziert.

Arbeit, die man wirklich, wirklich machen will

Als dritte Säule der Neuen Arbeit steht die Arbeit, die die Menschen „wirklich, wirklich machen wollen". Ausgehend davon, dass Arbeit grundsätzlich niemals endet, wenn man Arbeit als über das Lohnarbeitssystem hinausgehend definiert (bspw. Familie, Pflege, Landwirtschaft...), ist dieser Bestandteil des Konzepts „Neue Arbeit" als wesentlich anzusehen.

Wikipedia schreibt dazu: „Da Bergmann einen revolutionären Prozess zur Überwindung des Lohnarbeitssystems ablehnt, kann die Veränderung nur nach und nach erfolgen durch Menschen, die sich an dem orientieren, was sie wirklich, wirklich wollen und sich so allmählich unabhängiger machen vom Lohnarbeitssystem durch Selbstversorgung."

New Work als Spiritualität

Da es aber immer auch sinnvoll ist, sich mit den Ursprüngen zu befassen, lese ich gerade den „Klassiker" der New Work Literatur: „Neue Arbeit, neue Kultur", von eben dem schon erwähnten Frithjof Bergmann.

Das Buch ist spannend und mehr als lehrreich, auch wenn es sprachlich der amerikanischen Tradition wissenschaftlicher Literatur folgt: Es ist blumig ausgeschmückt, unterhaltsam und vor allem zu Beginn enorm düster und pessimistisch. Die Schreibweise muss einem liegen.

Vor allem aber - und das war und ist für das New Work Konzept vielleicht nicht besonders zuträglich - bewegt es sich immer wieder am Rande des Spirituellen. Es ist viel von „Gefühlen", „Intuition" und den tiefen menschlichen Wünschen der Menschen die Rede, einen wirklichen Mehrwert für die Gesellschaft leisten und nicht nur „einem Job" nachgehen zu wollen.

Auch wenn man die obige Beschreibung der drei Säulen der Neuen Arbeit liest, kann einem schon mal „schwummrig" werden: Selbstversorgung? Abschaffung des Lohnarbeitssystems? Was will ich denn überhaupt wirklich, wirklich tun?

Alles Fragen, die sich vielleicht in einem Yoga-Retreat ausprobieren und diskutieren lassen. Aber hier? Bei uns? Bei „Made in Germany" und einer permanent auf Wachstum setzenden High-Tech-Gesellschaft?

Niemals.

Kurz: Aus dieser Perspektive und in der Diskussion mit anderen fällt mir immer wieder auf, dass ich selbst schnell in Gedanken abrutsche, die die (Grund-)Idee des New Work auch ohne diesen „Esoterik-Touch" vermitteln. Das ist aber gar nicht einfach, denn es geht um „Grundwerte" oder Haltungen, es geht um Gefühle, um Gespür, um Intuitionen.

Es geht vielleicht darum, seine eigene Spiritualität, verschüttet unter Erwartungen, Erziehung, Anforderungen, wiederzuentdecken.

New Work als elitärer Scheiß

In meinen Sozialen Medien, in den Blogs und Netzwerken, die ich so verfolge, in meinen Filterblasen sozusagen, zeigt sich auf der anderen Seite, dass New Work auch irgendwie ein "elitärer Scheiß" (sorry für den Ausdruck) zu werden droht.

So kostete beispielsweise die Veranstaltung zum New Work Award, der am 30.03.2017 in Berlin von der Plattform XING vergeben wurde, 713 entspannte Euros (inkl. Mwst., zur Info). Ja, das war der Preis für den Tag, von 09.30 Uhr bis 18.00 Uhr, inklusive After Show Party.

Frithjof Bergmann sprach übrigens auch bei der Veranstaltung, das sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, dass die Veranstaltung im Jahr 2018 in der Elbphilharmonie in Hamburg stattfinden wird. Das wird nicht billiger...

Vielleicht ist es meiner sozialpädagogisch angehauchten Grundhaltung, vielleicht ist es auch meinem Leben als Familienvater von drei Kindern, vielleicht ist es aber auch einfach nur dem gesunden Menschenverstand zu verdanken, dass ich das Gefühl habe, dass 713 Euro komplett, aber wirklich so dermaßen am eigentlichen Ziel von New Work vorbeischießen.

Auch wenn man sich das vielleicht selbst denken kann, hier noch eine kurze Erläuterung dazu: Bei einem Netto-Einkommen einer vierköpfigen Familie von 3.500 Euro (was in etwa dem Durchschnitt einer vierköpfigen Familie in Deutschland entspricht) würde ein Fünftel des Einkommens für den Besuch der eintägigen Veranstaltung draufgehen, Reise- und Übernachtungskosten noch nicht einberechnet.

Das wäre in meinem Fall locker machbar! Meine Kinder müssten nur ca. zwei Wochen auf ihr Essen verzichten.

Gut, blödes Beispiel!

Es ist doch viel wahrscheinlicher, dass die Menschen, die sich da (und bei verschiedenen anderen Veranstaltungen ähnlichen Kalibers) treffen, von ihren Firmen hingeschickt werden oder die ganze Kiste - aus einer Beraterperspektive - als Networking-Event betrachten.

Da fallen die 700,- Euro nicht so ins Gewicht, können steuerlich irgendwie verrechnet werden. Also, alles kein Stress, im Grunde harmlos!

Wirklich?

Zum einen entscheiden sich wahrscheinlich nur Firmen zu einer Teilnahme, die auf dem Weg zu einer neuen Arbeitskultur schon recht weit sind (warum sollten sie sonst überhaupt von dem Event Notiz genommen haben, geschweige denn Geld dafür aufbringen).

Zum anderen - das betrifft dann vor allem die Berater - trifft man die Menschen aus seiner eigenen Filterblase. Mit denen klopft man sich dann gemeinsam auf die Schulter und feiert bei der After Show Party die enormen Erfolge im Bereich der Neuen Arbeit.

Die Menschen aber, die es eigentlich betreffen sollte, die Menschen also, deren Jobs durch die nächste Automatisierungswelle mal eben vernichtet werden, die Menschen also, die tagein tagaus 40 Wochenstunden ihrer Lebenszeit in Krankenhäusern, in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, in Kindergärten und Altenhilfeeinrichtungen verbringen, also die Menschen, die vielleicht wirklich einen Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft leisten, bekommen von dem ganzen Tamtam gar nichts mit.

Und viel dramatischer:

Anstatt Verbesserungen in der Art der Zusammenarbeit, in der Wertschätzung ihrer Arbeit, in der Möglichkeit, menschenwürdige Arbeit menschenwürdig leisten zu können, erfahren diese Menschen, dass durch zunehmende Detailregelungen, Prozesssteuerung und Bürokratismus das genaue Gegenteil passiert:

Nicht nur die Menschen persönlich, auch die Organisationen steuern - pessimistisch formuliert - voll auf den kollektiven Burnout zu.

Ressourcenschonend? Menschenwürdig? Zukunftsfähig? Vieles, was unter dem Begriff „New Work" firmiert, ist von dem ursprünglichen Konzept „New Work" so dermaßen weit entfernt, da reicht sogar ein recht weit entfernter Horizont nicht aus, um noch etwas davon zu erahnen.

New Work als dringende Notwendigkeit

Kommen wir aber zu einem versöhnlichen Abschluss. Irgendwie, zumindest.

Denn, und das scheint ein wesentliches Problem zu sein, ist nicht klar, wie wir denn die dringend notwendige Idee einer Neuen Arbeit dahin bringen, wo sie wirklich gebraucht wird:

In die Betriebe, die Kindergärten, kleinen Einrichtungen. Damit die Menschen davon profitieren, die einen wesentlichen Beitrag für die Gesellschaft leisten.

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Ob die Neue Arbeit dabei so aussehen muss, wie von Bergmann ursprünglich angedacht, ob es Weiterentwicklungen sein können, ob vielleicht auch erstmal nur kleine Teile des Konzepts ausreichen, sei mal dahingestellt. Hier muss experimentiert werden. Dafür sind dann vielleicht auch „Leuchtturmveranstaltungen" wie beim New Work Award wichtig.

Wichtiger erscheint mir aber, weiterhin und verstärkt in den Organisationen nach dem „Warum" hinter den starren Prozessen, Regelungen und Hierarchien zu fragen und damit „von unten" an einer dringend notwendigen Veränderung der Arbeitswelt zu arbeiten.

Wir brauchen New Work!

Hoffentlich schaffen wir das...

Dieser Beitrag ist Teil der Themenreihe "New Work". Alle aktuellen Beiträge dazu findet ihr hier.

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