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Die meisten Eltern machen bei ihren Kindern denselben großen Fehler

30/05/2017 13:56 CEST | Aktualisiert 30/05/2017 14:38 CEST
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Sie sind vielleicht 13 Jahre alt, tragen teure Kleidung und werden von ihren Eltern wöchentlich zum Flöten oder Reitunterricht gefahren. Nach außen hin ist alles gut. Bis sie irgendwann in der Psychiatrie landen - oder bei uns, im Heim.

Ich bin seit 18 Jahren Heimleiter eines Kinder- und Jugendheims in Berlin und etwa 20 Prozent unserer Kinder stammen aus Wohlstandsfamilien.

Gerade eher wohlhabende Eltern geben ihre Kinder, sobald etwas ist, in die Psychiatrie, bevor sie zu uns kommen. Allein in Berlin sitzen tausend Kinder mit der Diagnose "Schulverweigerung" in der Psychiatrie. Aber Schulverweigerung ist keine Krankheit.

Der wahre Grund, warum diese Kinder in der Psychiatrie sitzen, ist oft der fortschreitende Leistungsdruck. Ein Druck, dem diese Kinder nicht mehr standhalten können.

"Du bist nur wertvoll, wenn du viel leistest"

Es wäre falsch, an dieser Stelle der Schule und den Lehrern die Schuld zu geben. Meistens sind es die Eltern, die zu hohe Ansprüche an ihre Kinder stellen. Doch wenn Eltern ständig Leistung von ihren Kindern, zum Beispiel in Form guter Noten, erwarten, begehen sie einen großen Fehler. Ihr Kind könnte sein ganzes Leben lang darunter leiden.

Wenn wir den Selbstwert eines Menschen an seine Leistung knüpfen, dann vermitteln wir dem Menschen: Du bist nur wertvoll, wenn du viel leistest.

Das fördert ein Minderwertigkeitsgefühl. Mit Beginn des Jugendalters wird es zu vielen Problemen führen.

Kinder und Jugendliche reagieren mit Extremen

Spätestens dann werden die Kinder mit Extremen reagieren.

Entweder sie denken: Ich schaffe es sowieso nicht. Ich werde mein Abi nicht schaffen und wenn, dann kein gutes.

Oder sie tun gar nichts mehr, weil sie entmutigt sind. Oder träumen nur vor sich hin, sagen, sie werden mal Arzt, aber tun nie etwas dafür.

Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass sie wie verrückt Leistung erbringen und ihre sozialen Kontakte und sich selbst vollkommen vernachlässigen. Auch dieses Verhalten spricht für ein Minderwertigkeitsgefühl - ausgelöst durch fehlgeleitete Erziehung, durch Leistungsdruck.

Mehr zum Thema: Wie ehrgeizige Eltern ihre Kinder gefährden, ohne es zu merken

Die Jugendlichen definieren sich nur noch über ihre Leistung. Ihre Leistung bestimmt ihren Wert.

Sie haben das von ihren Eltern übernommen, die ihnen stets vermittelt haben: Das, was du erbringst, ist wichtiger als du selbst. Dadurch haben die Eltern, ungewollt, Maschinen erschaffen.

Eltern sollten sich keine erfolgreichen Kinder wünschen

Früher war das in gewisser Weise einfacher. Die Berufswege waren deutlich vorgezeichnet. Oft haben die Kinder einfach die Berufe der Eltern übernommen. Heute kann jeder theoretisch alles machen - aber das vergrößert auch den Druck.

Man kann alles entscheiden und muss auch alles entscheiden. Und natürlich wollen die Eltern immer noch, dass die Kinder mindestens so weit kommen wie sie selbst. Ein Kind aus einer Akademiker-Familie kann es deshalb besonders schwer haben. Vor allem dann, wenn es am liebsten Tischler werden würde.

Was Eltern konkret tun können, damit ihre Kinder dem Leistungsdruck nicht zum Opfer fallen, ist eigentlich einfach. Sie sollten nicht denken oder sagen: "Ich will, dass mein Kind erfolgreich wird."

Sondern stattdessen denken: "Ich will, dass mein Kind seine Persönlichkeit austrägt. Das Kind muss nicht meinen Wünschen entsprechen."

Alles, was die Beziehung zum Kind stört, ist falsch

Sie sollten die Persönlichkeit des Kindes so annehmen, wie sie ist. Das ist es, was Kinder selbstbewusst macht. Wenn sie merken, sie werden so akzeptiert, wie sie sind. Ihre Person ist wertvoll, nicht die Leistung, die sie erbringen.

Dadurch fassen Kinder eigene Ziele ins Auge. Und dazu gehört auch eine aktive Freizeitbeschäftigung. Nicht nur, ständig nur zu lernen. Wenn ein Kind nichts hat, das ihm wirklich Spaß macht, das ihm Bauchkribbeln bereitet, dann wird es sich irgendetwas anderes suchen.

Es wird anfangen zu klauen, Drogen zu nehmen oder sich selbst zu schädigen. Das kann auch durch einfache Dinge wie Schlafentzug oder Horrorfilme anschauen passieren.

Kinder sollten selbst entscheiden, was sie wollen

Wichtig ist, dass Kinder selbst entscheiden, was ihnen Spaß macht. Es ist falsch, wenn sie ständig gesagt bekommen "Tu dies, tu das". Wir wollen Kinder dadurch erziehen, aber haben die Person nicht wahrgenommen.

Wir hier im Heim glauben: Alles, was in der Erziehung die Beziehung zum Kind stört, ist falsch.

Die Eltern müssen darauf achten, dass die Beziehung zu ihrem Kind an erster Stelle steht. Nichts anderes.

Wenn ein Kind psychisch gesund aufwächst, wird es, - selbst dann, wenn es die Schule nicht schafft - trotzdem so viel mit in die Wiege gelegt bekommen, dass es das erreichen wird, was es erreichen will.

Der Text wurde von Amelie Graen aufgezeichnet.

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(lk)