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Ein Weckruf: Brauchen wir eine neue Beziehungsgesellschaft?

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TALKING YOUNG PEOPLE
Kelvin Murray via Getty Images
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Herzenskälte, Einsamkeit, der Triumpf des Egoismus, Armut an Zeit, Depressionen nehmen seit Jahren zu. Man kann sich fragen, ob es je eine Gesellschaft gegeben hat, in der so wenig Gemeinschaft war und in der soziale Beziehungen so anfällig und wenig nachhaltig waren. Was wir heute haben: Eine Gesellschaft, in der Komfortdenken, Nutzenkalkül und Ego-Orientierung den sozialen Raum beherrschen.

Alle reden davon, wir müssten die natürliche Umwelt wiederbeleben und vor Zerstörung bewahren. Wer aber redet von der Wiederbelebung unserer sozialen Umwelt? Woran liegt es, dass Solidarität und Sozialität in den westlichen Demokratien längst verschwunden sind, wie der amerikanische Soziologe Robert D. Putnam sagt?

Werte des Wirtschaftsektors sind zu persönlichen Werten geworden.

Einsamkeit und Atomisierung von Gemeinschaft findet man vor allem dort, wo der Wirtschaftsektor, Wirtschaftswachstum und wirtschaftlicher Status eine große Rolle spielen und wirtschaftliche Werte zu Werten der ganzen Gesellschaft und der persönlichen Lebensführung geworden sind. Wenn Gewinndenken (was bringt mir der andere?), Marktwertdenken (welchen „Marktwert" habe ich bei dem anderen?), Wirtschaftlichkeits- und Kostendenken (wäre ein anderer Partner oder Freund nicht noch günstiger, produktiver für mich?), zu den vorherrschenden Werten werden, dann ist es kein Wunder, wenn Herzenskälte und Einsamkeit entstehen.

Wirtschaft beherrscht aber nicht nur die Herzen. Sie beherrscht auch die Zeit. 24-Stunden-Verfügbarkeit, Jobwechsel, Ortswechsel, machen gemeinsame Verabredungen, dauerhafte Beziehungs- und Freundesnetze, ja oft sogar das gemeinsame Essen am häuslichen Tisch unmöglich.

Bequemlichkeitsdenken

Etwas einzukaufen ist bequemer als (mit anderen) etwas selber zu tun. Mit den seelischen Problemen der Kassiererin im Ladengeschäft muss man sich nicht auseinandersetzen, ja man muss sie nicht einmal grüßen. Dieses Bequemlichkeits- und Komfortdenken hat sich inflationär verbreitet. Man möchte soziale Beziehungen bequem und komfortabel haben. Statt sich selbst um andere zu kümmern, schickt man sie lieber zum Profi, beispielsweise zu einem Psychotherapeuten.

Hat das Kind Probleme in der Schule, schickt man es zur Nachhilfeeinrichtung. Fühlt man sich einsam, der bequemste Weg: Auf ins Internet oder ans Smartphone, ein bisschen chatten oder posten, da kann man sich ja jederzeit wieder ausklicken! Macht der neue Freund Probleme, es gibt ja soviele Alternativen auf dem Beziehungsmarkt! Wieso selber kochen mit anderen, ausgehen beim zum Italiener ist einfacher! Wieso mit den Kindern spielen, Freizeitpark ist bequemer.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Befriedigende und nachhaltige Beziehungen gibt es nicht ohne zeitlichen Aufwand und Auseinandersetzung mit dem anderen und seiner Unvollkommenheit.

Selbstverwirklichung

Einsamkeit entsteht auch aus einer völligen Überschätzung des Glücks aus Selbstverwirklichung. Die Selbstverwirklicher arbeiten dauernd Checklisten ab, wie sehr der andere ihren Bedürfnissen und Zielen entspricht. Man muss sich nur einmal Kontaktanzeigen und Partnerbörsen ansehen. Deren Anforderungskatalog an kulturellen Interessen, gemeinsamen Hobbys, Aussehen, Achtsamkeit, Sinnlichkeit usw., sind meistens länger als die bei einer Stellenanzeige für eine gesuchte Führungskraft.

Statt „unser Glück" immer mehr „mein Glück." Ich als „Lebensunternehmer", ich als „Ich-AG", ich als „Gesamtkunstwerk." Wenn aber alle nur „ICH" sagen, wo bleibt dann das „DU" und das "WIR"? Kein Wunder, dass sich die Chancen, mit anderen eine gelingende Gemeinschaft zu bilden, bei diesen Ansprüchen rapide verkleinern und sich heute Paare aus Anlässen trennen, über die ihre Großeltern nur gelacht hätten.

Empathie und Robustheit

Wahrscheinlich geht heute eine größere Anzahl von Menschern empathischer und achtsamer miteinander um, als es in der Geschichte jemals der Fall war. Eigentlich begrüßenswert. Das Problem ist nur: Oft führt mehr Empathie zu mehr Empfindlichkeit beim anderen. Sein Anspruchsdenken an die Berücksichtigung seiner Bedürfnisse steigt schneller als die Achtsamkeit des anderen es kann. Ohne Robustheit, Resilienz, Konfliktfähigkeit geht es nicht!

Warum sind soziale Kontakte so wichtig?

Wenn Liebende sich im Regen küssen, bekommen sie selten eine Erkältung. Woran liegt das? Ihr Körper sagt sich: „Hui, das Leben ist schön, es lohnt sich zu leben!" und produziert Abwehrstoffe gegen Krankheitserreger. Fühlt man sich nicht auch wie neu belebt, wenn man mit andern feiert, obwohl man vorher so müde war, dass man es sich überlegt hatte? Vergeht nicht die Zeit wie im Fluge, wenn man zusammen ein Spiel spielt? In der Glücksforschung ist unbestritten, dass soziale Kontakte, Familie und Freunde zu den wichtigsten Glücksfaktoren gehören.

Menschen, die in einer guten Partnerschaft leben und gute Freunde haben, sind zufriedener als andere, wenn aus diesen Beziehungen das Selbstwertgefühl gestärkt wird und Bedürfnisse befriedigt werden nach Geliebt- Werden, Kameradschaft, materieller Hilfe, Information und Rat, gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamen Aktivitäten. Freunde und Familie können beruflichen Stress ausgleichen und so seine negativen Folgen vermindern. Eine gute Partnerschaft und Freunde sind für die Lebenszufriedenheit weit bedeutsamer als die finanzielle Situation, Arbeit, Wohnung, Freizeitaktivitäten .

Dass Glück aus qualitätsvollen Beziehungen und Freundschaft entsteht, wussten schon die klassischen Philosophen. Lassen wir einige von ihnen sprechen: Epikur: „Freundschaft ist der wichtigste Weg zum Glück". Descartes: „Bin ich der Ansicht, dass das größte Gut des Lebens darin besteht, sich im Gespräch mit Personen zu erfreuen, die man schätzt."

Der Hirnforscher Damasio: Kooperatives Verhalten aktiviert Hirnregionen, die an der Freisetzung von Dopamin und Lustverhalten beteiligt sind. Kulturen mit einem hohen Maß an kooperativen Verhalten sind evolutionär erfolgreich.

Das alles bestätigt auch die medizinische Forschung: Menschen, die in guten Beziehungen leben, sind weniger von Krankheiten gefährdet, erholen sich schneller und haben eine höhere Lebenserwartung als einsame Menschen. Frühgeborene Babys, die man streichelt, können den Brutkasten oft früher verlassen als andere.

Setzt man in der Krebstherapie zusätzlich Gesprächskreise ein, verbessert sich die Lebenserwartung gegenüber einer rein medizinischen Betreuung. Soziale Kontakte beeinflussen die Lebenserwartung mindestens so stark wie regelmäßiger Sport, Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck.

Einsamkeit und Angst

Der Psychologe Wolfgang Schmidbauer hat eine neue „Generation Angst" ausgemacht. Die Deutschen geben heute dreimal so viel für Versicherungen aus wie vor 20 Jahren. Ein Grund: Wer viel an ökonomischem Wohlstand angesammelt hat, dessen Angst wächst, ihn zu verlieren. Wer Gesundheit und Körperfitness sich zum hohen Gut erhoben hat und als Statussymbol für soziale Anziehungskraft, dessen Angst wächst, sie zu verlieren.

Einer der größten Angstauslöser aber ist die Vereinzelung der Menschen, sagt Jürgen Markgraf, der die gesellschaftlichen Gründe von Angst untersucht. Und er weiß, dass der wichtigste Schutzfaktor gegen Angst stabile soziale Beziehungen sind.

Die gibt es aber immer weniger. Noch nie war die Zahl der Single-Haushalte größer.

Familienkontakte reduzieren sich auf WhatsApp-Kontakte. Der berufliche Konkurrenzkampf führt zu einem Anstieg von Mobbing. Trifft man sich mit Freunden und Bekannten, dann geschieht dies oft in vorsichtiger Höflichkeit unter Ausgrenzung belastender Themen, um ja die wenigen fragilen Beziehungen nicht zu gefährden.

Trauer bei einem Todesfall wird zwar zugestanden, aber sie darf nicht zulange dauern und nicht zuviel vom anderen fordern. Kommt jemand ins Krankenhaus, so fragt er sich bange, wer ihn wohl noch besuchen wird, wenn seine Krankheit länger dauert. Oder, was würde passieren, wenn er arbeitslos wird? Wie schnell würde es gehen, bis ihn seine Freunde behandeln, als ob er eine ansteckende Krankheit hätte und sich von ihm abwenden?

Kein Wunder, dass Depressionen sich zu einer Volkskrankheit entwickeln. Sollte es einmal eine wirklich schwere wirtschaftliche Krise geben, dann wird sich die Armut an sozialen Netzen und Kontakten als Katastrophe erweisen.

Ist der Umschwung schon im Gange?

Die Zahl der Menschen nimmt zu, die sich fragen: Was nützt mir die schönste Luxusküche, wenn sich nicht Freunde bei mir zum Kochen und Essen versammeln? Was nützen Überstunden für wirtschaftlichen Status und Erfolg, wenn der Partner oder die Partnerin über mangelnde Zeit und Zuwendung klagen und sich scheiden lassen? Was ist das für ein Leben, bei dem Freunde nur schwer gemeinsame Zeit für gemeinsame Unternehmungen finden? Was ist das für eine Gesellschaft, in der man dauernd am psychischen und zeitlichen Limit lebt?

Zwei Drittel der Jugendlichen nennen Freundschaft und menschliche Wärme als besonders wichtige Werte. Immer mehr Senioren erkennen, dass zur Sicherung eines guten Alters nicht nur Rente und private Vermögensbildung gehören, sondern auch soziale Netze und ein persönlicher Freundeskreis, für die man eben auch vorsorgen muss.

Eine Kontaktgesellschaft ist eine Gesellschaft das gemeinsamen Tuns

Wir sollten die soziale Infrastruktur der Begegnungen und gemeinsamen Unternehmungen neu aufbauen: In der Familie (Banales wie gemeinsames Essen und Spielen ...). In der Stadt (nicht nur Geschäfte, Restaurants, Kinos, Theater ..., sondern mehr Orte, an denen man sich - bezahlbar - zu gemeinsamen Tun treffen kann). In der Gesellschaft (nicht nur das Bruttosozialprodukt als Erfolgsmaßstab, sondern auch Lebensqualität).

Eine qualitätsvolle Beziehungsgesellschaft lässt sich nicht mit einer Konsumgesellschaft verwirklichen. Beziehungen sind an gemeinsame Werte und an gemeinsames Tun gebunden, angefangen bei Gesprächen. Beim generationsübergreifenden Wohnen helfen sich Junge und Alte gegenseitig bei Bedarf. Jogging- und Marathon-Gruppen verbindet körperliche Herausforderung. In Bürgerprojekten werden soziale und ökologische Anliegen vorangetrieben. Anlass für Gemeinschaft ist oft ein gemeinsames Projekt und Anliegen. Anschließend tritt das Projekt oft in den Hintergrund, die Begegnung in den Vordergrund.

Ein Vertrag zwischen unvollkommenen Menschen

Wie kann man gut miteinander leben? Es gibt kaum etwas Komplizierteres. Gerade bei Bürgerprojekten, bei denen es um hohe Werte geht, seien es Umweltschutz oder bessere Schulen, sind nicht wenige enttäuscht, dass jeder sein eigenen Süppchen kocht, wie sich Egoismen, persönliche Interessen und Machtspiele zeigen, nicht anders als im Beruf. Auch Freunde, Familie, der Partner, die Partnerin enttäuschen manchmal die eigenen Ideale. Die Enttäuschung aber liegt an den eigenen Idealen, also an einem selbst.

Gelingende Gemeinschaft funktioniert, wenn man von menschlicher Unvollkommenheit ausgeht. So könnte ein Vertrag zwischen unvollkommenen Menschen lauten: " Ich bin unvollkommen. Du bist unvollkommen. Du und ich können nicht immer, wie wir es uns eigentlich wünschen. Du und ich haben Träume und Sehnsüchte. Ich bin nicht nur gut. Du bist nicht nur schlecht."

Auszug aus dem Buch: Helmut Saiger, Kontakte statt Kulisse. Miteinander gut leben statt nur viel haben. Zu amazon

Mehr über den Autor erfahren Sie auf seiner Homepage.

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