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Babydesign - so kann es morgen sein

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COUPLE TALKING DOCTOR
Buero Monaco via Getty Images
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Die Erzählung meines Freundes blieb mir im Gedächtnis haften. Seine Eltern hatten mehrere tausend Dollar dafür bezahlt, dass bei ihrem Sohn die Asthma verursachenden Gene pränatal abgeschaltet wurden. Wie hatte es damals mit dem Baby-Design angefangen?

Zu Beginn hatte es nicht so richtig geklappt. Bezahlte ein Elternpaar für ein absolutes Gehör für seinen Nachwuchs, so konnte der zwar jeden Sechzehntel-Ton erkennen, aber trotzdem kein Instrument spielen oder gar komponieren, geschweige denn, dass er sich für Musik interessierte. Es konnte sogar passieren, dass er stattdessen ein sehr penibler Mensch wurde, der jeden Sechzehntel- Gesichtsausdruck bei den anderen danach untersuchte, ob man ihm Böses wollte.

Dann gab es Fortschritte. Ich sah mir auf der Mediawand eine Reportage über ein junges Paar an, das sich einen Jungen wünschte und den Berater eines Babydesign-Service aufsuchte. Regias, so hieß der Berater, bat das Paar, aus möglichen Begabungsprofilen zu wählen.

„Analytische Fähigkeiten, wie sie ein Robot-Ingenieur braucht", meinte der Mann.
„Soll sein wie Jack X", sagte die Frau.
„Wer ist das denn?", erkundigte sich ihr Mann.
„Einfach perfekt ist er. Seit Wochen steht er ganz oben auf der Cyber-Star-Liste. Wenn unser Junge sein blendendes Aussehen hätte und seine erotische Stimme, dann wären alle Mädchen hin und weg von ihm", seufzte die Frau.
„Bist du auch von ihm hin und weg?", spöttelte der Mann.
„Bleib ernsthaft!"
„Soll sein wie Jack X ...", gab Regias in die Datenbank ein. Und so ging es weiter mit ihren Wünschen, bis Regias zu bedenken gab: „Sie haben ja fast alles an Hochqualitäten angekreuzt: erfolgreich, technisch begabt, toller Sänger, erotischer Mann .... Schauen wir uns einmal das Simulationsgramm an."

Ich sah, wie der Junge zuerst Robotik studierte. Wie er dann ein Popstar wurde. Ich sah, wie er seinen Eltern Vorwürfe machte, weil sie ihn zu einem Studium gezwungen hatten, das er nicht gewollt hatte. Ich sah, wie er nach ersten Erfolgen als Sänger scheiterte. „Es muss nicht so kommen", beruhigte Regias die zukünftigen Eltern. „Aber Sie sollten Ihrem Sohn mehr Freiheitsgrade für seinen eigenen Weg einräumen."

Hochbegabung für einen Beruf als Filmregisseur. Das wäre der Mann selbst gerne geworden. Und für wissenschaftliche Tätigkeiten. Die Frau hatte ihren Doktor machen wollen, bevor sie geheiratet hatten. „Unser Kind soll vor allem ein Winner-Typ sein, durchsetzungsfähig und charmant", einigten sie sich beide.

„Sie haben viele Eigenschaften angekreuzt, die sich die meisten anderen auch wünschen", beriet sie Regias. „Wenn Sie ein paar Merkmale verändern, dann würde Ihr Sohn immer noch dem gängigen Ideal entsprechen und trotzdem individuell werden." Das leuchtete dem Paar ein. „Mitfühlend könnte er sein", meinte sie, „das gibt es kaum noch heutzutage."

„Mehr Kreativität als andere, das macht zwar das Leben schwerer, aber vielleicht wird er dann doch noch ein Filmregisseur", überlegte der Mann. „Sie wissen ja, dass jede Eigenschaft kostet. Wir sind bis jetzt bei 20.000 Dollar angelangt", rechnete Regias zusammen. „Was, so viel?", erschrak der Mann. „Ich habe die Preise nicht gemacht", fügte Regias entschuldigend hinzu. „20.000? Das müssen wir uns nochmal überlegen!" Das Ehepaar verabschiedete sich. Ich sah, wie die Frau dem Berater einen bösen Blick zuwarf.

Tausende solcher Gespräche hatte es damals gegeben. Immer mehr Eltern fühlten sich verantwortlich dafür, das Glück und den Erfolg ihrer Kinder nicht vorgefundenen Genen und den Launen der Natur zu überlassen.

Dass man eines Tages seine bevorzugten Eigenschaften in jedem Alter von seinem Friseur nachträglich neu stylen lassen könne oder sie aus dem Internet bestellen, wie Regias scherzhaft vorausgesagt hatte, das gab es bis heute nicht. Dafür entwickelte sich die Human-Ressource-Industrie zum wichtigsten Wirtschaftszweig.

Am günstigsten waren schöne Brüste und pralle Hintern zu haben. Einnehmende Augen kosteten ab 5.000 Dollar. Für eine Million Gigabyte Information, die das Gehirn zusätzlich verarbeiten konnte, waren 25.000 Dollar fällig.

Neue Motivations-Energie und Wohlfühlpotenzial durch die neuronale Justierung der Botenstoffe samt Wellness-Kurzurlaub konnte man für etwa 50.000 Dollar haben. Relativ geringe Fortschritte wurden bis heute bei der Verbesserung der Beziehungsfähigkeit gemacht.

Die Eingriffe hatten Folgen.

Meine Zeitung titelte damals:

Darf Alpha noch mit Beta?

Die Regierung erwägt eine Verordnung zum Schutz vor den Folgen der Inkompatibilität zwischen Bevölkerungsgruppen. Sie begründet das mit den Ergebnissen eines Forschungsberichtes im Auftrag des Gesundheitsministeriums.

Danach könne nicht mehr ausgeschlossen werden, dass Kinder mit schweren Missbildungen auf die Welt kommen, wenn bei einem Elternteil die Gene durch Eingriffe in die Keimbahn optimiert wurden und der andere Elternteil nur über die ursprüngliche DNS verfügte. Der Bericht spricht sogar davon, dass gemeinsame Kinder eines Tages nicht mehr möglich sein könnten.

Unser Kommentar: Heute schon machen sich manche über die anderen lustig, die sich genetische Wunsch-Optimierung und Gehirn-Enhancement nicht leisten können. Denkfraktal, Langsam-Entscheider, Kommunikations-Saurier gehen als neue Schimpfwörter um. Oder einfach nur verächtlich: - Du Beta -. Was wird morgen sein? Wenn die Regierung weiter Angst erzeugt, werden sich Bürger vor den Betas schützen wollen.

So kam es auch. Keiner wollte mit Betas mehr Kontakt als unbedingt nötig haben. Sie fielen immer weiter zurück. Sie konnten in der Wissensgesellschaft von Alphaville nicht mehr mithalten. Anfangs kamen die meisten von ihnen noch in einfachen Dienstleistungsjobs unter, aber mit der Zeit wurden sie von Robotern verdrängt. Bis man kaum noch Betas in der Stadt sah. Man sagt, sie leben auf einer isolierten Insel in einem ärmlichen Quartier.

Auszug aus: Helmut Saiger: Morgen, Roman, tredition, Hamburg 2016, 216 Seiten
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