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Dr. Helmut Kohl Headshot

"Wir sind ein Volk" - meine Rede vor der Ruine der Frauenkirche

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FRAUENKIRCHE
Getty
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Mein Schlüsselerlebnis im Prozess der deutschen Wiedervereinigung war der Besuch in Dresden am 19. Dezember. Als ich mit meinen Begleitern auf der holprigen Betonpiste des Flughafens Dresden-Klotzsche landete, wurde mir schlagartig bewusst: Dieses Regime ist am Ende. Die Einheit kommt!

Tausende von Menschen erwarteten uns auf dem Flughafen, ein Meer von schwarz-rot-goldenen Fahnen wehte in der kalten Dezemberluft - dazwischen eine fast vergessene weiß-grüne Fahne des Landes Sachsen. Als die Maschine ausgerollt war, stieg ich die Rolltreppe hinab und sah Modrow, der mich etwa zehn Meter davon entfernt mit versteinerter Miene erwartete. Da drehte ich mich zu Kanzleramtsminister Rudolf Seiters um und sagte: »Die Sache ist gelaufen.«

Zehntausende säumten die Straßen, als wir in die Stadt fuhren, ganze Belegschaften waren der Arbeit ferngeblieben, ganze Schulklassen standen hier und jubelten uns zu. Auf den Transparenten stand: »Kohl, Kanzler der Deutschen« oder: »Bundesland Sachsen grüßt den Kanzler«. Modrow, der neben mir im Auto saß, wirkte sehr befangen.

Vor dem Hotel Bellevue wurden wir von einem Menschenmeer regelrecht eingeschlossen. Immer wieder wurde »Helmut, Helmut« gerufen, »Deutschland, Deutschland« oder »Wir sind ein Volk«, aber auch, ich solle zu den Menschen sprechen.

Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, eine Rede zu halten, doch jetzt stand für mich fest, dass ich zu den Menschen sprechen musste. Der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer schlug vor, ich könne vor der Ruine der Frauenkirche sprechen.

Während mein Büroleiter Walter Neuer mit kräftiger Unterstützung einiger Dresdner Funktionäre alles für meinen Auftritt vorbereitete, konferierte ich mit dem Ministerpräsidenten zunächst unter vier Augen im Hotel Bellevue. Modrow vertrat die bekannten Ansichten der DDR- Führung, während ich auf die ebenfalls bekannte Position der Bundesregierung verwies. Wir stimmten darin überein, dass der Reformprozess unumkehrbar sei.

Die schwierigste Rede meines Lebens

Am späten Nachmittag zog ich mich mit Eduard Ackermann, Horst Teltschik und Juliane Weber in mein Hotelzimmer zurück, um mich auf meine Rede vor der Ruine der Frauenkirche vorzubereiten. Vor dem Hotel standen noch immer Tausende und riefen im Chor: »Helmut Kohl ans Fenster - ohne die Gespenster.«

Ich war innerlich sehr angespannt, weil mir bewusst war, dass dies eine der schwierigsten, wenn nicht die schwierigste Rede überhaupt in meinem Leben werden würde. In entsprechend angespannter Verfassung brachte ich die Stichworte für meine Ansprache zu Papier, hoch konzentriert, denn es kam auf jedes Wort an. Jeder falsche Zungenschlag wäre in Paris, in London oder in Moskau als nationalistisch ausgelegt worden. Ich musste auch unter allen Umständen vermeiden, die Emotionen aufzuwühlen und die Stimmung unter den Zehntausenden weiter anzuheizen.

Plötzlich stellte ich mir die Frage: Was wäre, wenn die Menge statt der dritten Strophe des Deutschlandlieds »Einigkeit und Recht und Freiheit«, unsere Nationalhymne, plötzlich die erste Strophe mit der Zeile »Deutschland, Deutschland über alles« anstimmen würde? Die Augen der gesamten Weltöffentlichkeit waren ja in diesen Stunden auf Dresden gerichtet. Zahlreiche, auch ausländische Journalisten waren anwesend, und fast alle Fernsehstationen hatten ihre Berichterstatter entsandt.

Alles, was als Ausbruch nationalistischen Überschwangs gedeutet werden konnte, hätte der Sache der Deutschen gewiss schweren, wenn nicht verheerenden Schaden zugefügt. Das durfte auf keinen Fall passieren!

Da kam mir der Gedanke, mit dem Generalvikar der Hofkirche Kontakt aufzunehmen, den ich Jahre zuvor nach einer Messe in Dresden getroffen hatte. Er erklärte sich sofort bereit, uns einen Kantor, einen Vorsänger, zu schicken. Der sollte das alte Kirchenlied »Nun danket alle Gott« anstimmen, falls irgendjemand aus der Menge anfinge, die erste Strophe des Deutschlandlieds zu singen.

Emotionsgeladene Stimmung vor der Frauenkirche

Nur mit einigen Notizen in der Tasche drängte ich mich durch die Menschenmenge. Meine Sicherheitsbeamten hatten Mühe, mir den Weg zu bahnen. Auf dem Platz vor der Kirchenruine hatten sich 100 000 Menschen eingefunden. Ein wogendes Meer schwarz-rot-goldener Fahnen umgab mich. Es war eine unglaubliche, emotionsgeladene, aber überhaupt nicht fanatische Stimmung.

Vor der kleinen, provisorisch zusammengezimmerten Bühne traf ich den herbeigerufenen Kantor Konrad Wagner, der in der kurzen Zeit vergeblich versucht hatte, einen Posaunenchor zu organisieren, und nun ganz verzweifelt war, weil er meinte, es würde ihm sicher nicht gelingen, diese unübersehbar große Menschenmenge dazu zu bewegen, mit ihm ein Kirchenlied anzustimmen.

Als ich die Treppe zur Holztribüne hinaufstieg, spürte ich, welch große Hoffnungen und Erwartungen die Menschen in mich setzten. Ich rief den Landsleuten einen herzlichen Gruß ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der Bundesrepublik Deutschland zu. Schon bei diesen Worten kam großer Jubel auf. Mit einer Geste gab ich zu verstehen, dass ich weitersprechen wollte. Es wurde sehr still. Dann fuhr ich fort:

»Das zweite, was ich sagen möchte, ist ein Wort der Anerkennung und der Bewunderung für diese friedliche Revolution in der DDR. Es ist zum ersten Mal in der deutschen Geschichte, dass in Gewaltfreiheit, mit Ernst und Ernsthaftigkeit und in Solidarität die Menschen für die Zukunft demonstrieren. Dafür danke ich Ihnen allen sehr, sehr herzlich.«

Wieder kam tosender Applaus auf, wieder wurde es ganz still, als ich weitersprach. Es sei eine Demonstration für Demokratie, für Frieden, für Freiheit und für die Selbstbestimmung unseres Volkes, sagte ich, um anschließend fortzufahren:

»Und, liebe Freunde, Selbstbestimmung heißt auch für uns in der Bundesrepublik, dass wir Ihre Meinung respektieren. Wir wollen und wir werden niemanden bevormunden. Wir respektieren, was Sie entscheiden für die Zukunft des Landes [...]. Wir lassen unsere Landsleute in der DDR nicht im Stich. Und wir wissen - und lassen Sie mich das auch hier in diese Begeisterung, die mich so erfreut, hinein sagen -, wie schwierig dieser Weg in die Zukunft ist. Aber ich rufe Ihnen auch zu: Gemein- sam werden wir diesen Weg in die deutsche Zukunft schaffen.«

Dann trug ich den 100.000 die Ergebnisse meiner Gespräche mit dem DDR-Ministerpräsidenten vor und sagte, dass wir noch im Frühjahr einen Vertrag über die Vertragsgemeinschaft zwischen der Bundesrepublik und der DDR abschließen wollten. Außerdem sei eine enge Zusammenarbeit auf allen Gebieten geplant:

»Wir wollen vor allem auf dem Feld der Wirtschaft eine möglichst enge Zusammenarbeit mit dem klaren Ziel, dass die Lebensverhältnisse hier in der DDR so schnell wie möglich verbessert werden. Wir wollen, dass die Menschen sich hier wohl fühlen. Wir wollen, dass sie in ihrer Heimat bleiben und hier ihr Glück finden können. Entscheidend ist, dass in Zukunft die Menschen in Deutschland zueinanderkommen können, dass der freie Reiseverkehr in beide Richtungen dauerhaft garantiert ist. Wir wollen, dass sich die Menschen in Deutschland überall, wo sie dies wollen, treffen können.«

Ich hatte den Eindruck, dass die vor der Ruine der Frauenkirche Versammelten schon auf ein vereintes Deutschland blickten. Diese Möglichkeit begeisterte sie und weniger die Ergebnisse meiner Verhandlungen.

So brandete zwar großer Beifall auf, als ich von den freien Wahlen sprach, die alsbald in der DDR abgehalten werden sollten, aber die Begeisterung, als ich den Menschen die sich dadurch eröffnenden Perspektiven auf- zeigte, war geradezu unbeschreiblich:

»Sie werden eine frei gewählte Regierung haben. Dann ist der Zeitpunkt gekommen zu dem, was ich konföderative Strukturen genannt habe - das heißt gemeinsame Regierungsausschüsse, damit wir mit möglichst viel Gemeinsamkeit in Deutschland leben können. Und auch das lassen Sie mich hier auf diesem traditionsreichen Platz sagen: Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation. Und, liebe Freunde, ich weiß, dass wir dieses Ziel erreichen können und dass die Stunde kommt, wenn wir gemeinsam dafür arbeiten, wenn wir es mit Vernunft und mit Augenmaß tun und mit Sinn für das Mögliche.«

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch:
"Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung. Meine Erinnerungen", 416 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag 978-3-426-27655-6, 19,99€ (D) / 20,60€ (A) / sFr 28,90, e-book (mit Suchfunktion): 10,99 €
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