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Die Menschen werden erst verstehen, was für Privilegien die EU brachte, wenn sie weg sind

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BREXIT
dpa
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Ich wurde mir der Vorteile meines EU-Reisepasses zum ersten Mal bewusst, als ich ungefähr neun Jahre alt war. Ich bin Belgierin. Meine Mutter ebenfalls, mein Vater stammt aus Malaysia und hat mittlerweile die belgische Staatsbürgerschaft.

Mein malaysischer Onkel - lasst ihn uns Edmund nennen (das ist nicht sein richtiger Name) - kam nach Belgien, um unsere Familie zu besuchen. Edmund hatte zwar ein Reisevisum, das ihm erlaubte, sich in der Schengenzone aufzuhalten, doch dieses galt nicht für England.

Wir wollten ein paar weitere Familienmitglieder - alle aus Malaysia und in England eingebürgert - in Portsmouth und Reading besuchen. Es gab keinen Eurostar oder Eurotunnel, deswegen nahmen wir die Fähre.

Manche Reisepässe sind mehr wert als andere

Bei der Ankunft kamen mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich problemlos durch die Grenzkontrolle. Edmund aber wurde die Einreise verweigert. Er wurde intensiv befragt (die ganze Sache begann gegen vier, fünf Uhr nachmittags und ging bis weit nach Mitternacht, ich glaube, bis etwa zwei Uhr morgens - wir saßen, zusammen mit meiner kleinen Schwester, die noch ein Kleinkind war, in einem kleinen Warteraum, wir waren erschöpft) und schließlich wurde entschieden, mein Onkel dürfe nicht einreisen.

Sie meinten, das Risiko, dass mein Onkel über sein Visum hinaus illegal im Land bliebe, sei zu hoch. Ich fand das ziemlich beleidigend, weil mein Onkel zwei erfolgreiche Unternehmen in Malaysia führte. Also bekam unser Onkel die Schlüssel zu unserem Haus in Belgien, während wir weiter nach England reisten.

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Manche Reisepässe sind mehr wert als andere. Sie erlauben dir, visafrei zu reisen. Vor allem EU-Pässe sind wertvoll, weil sie es dir erlauben, in 28 (bald 27) Ländern frei zu arbeiten, zu studieren, in Ruhestand zu gehen.

Als ich verstand, welche Privilegien ich mit meinem Reisepass hatte, wollte ich das unbedingt ausnutzen. Ich studierte in Belgien und den Niederlanden. Ich habe in den Niederlanden gearbeitet und lebe und arbeite nun in England. Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte.

Die Briten können nicht wertschätzen, dass die freie Einreise in beide Richtungen gilt

Am 23. Juni hat Großbritannien mit knapper Mehrheit dafür gestimmt, die EU zu verlassen. Der Hauptgrund dafür war Immigration (obwohl die Gründe dafür vielschichtiger waren, als die aktuelle Regierung es momentan darstellt). Die "Stronger in Europe"-Kampagne war ein PR-Desaster.

Mehr zum Thema: So... Und jetzt? Die Briten haben den Brexit eingeleitet - wie es jetzt weitergeht

Eine der Sachen, die sie nicht genügend betont hat ist, dass man als EU-Staatsbürger Privilegien genießt, die nun wegfallen. Die Briten können nicht wertschätzen, dass die freie Einreise in beide Richtungen gilt. Einige Briten in EU-Ländern haben für den Brexit gestimmt, weil sie nicht verstehen, welche Privilegien sie genießen, zum Beispiel Zugang zur lokalen Krankenversorgung.

Guy Verhofstadt (siehe Bild unten), Chefunterhändler des Europäischen Parlaments, arbeitet gerade daran, Briten, die in der EU bleiben wollen, eine außerordentliche Mitgliedschaft anzubieten. Sie müssten für diese Mitgliedschaft zahlen, aber dafür würden sie ihre Bewegungsfreiheit innerhalb der EU behalten.

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In Anbetracht der Tatsachen, dass Großbritannien es wiederholt abgelehnt hat, dass ich hier bleiben darf und dass Liam Fox uns die "wichtigste Spielkarte" der Brexit-Verhandlungen genannt hat, war mein erster Gedanke, dass das unfaire Vorteile für britische Staatsbürger sind.

48 Prozent der Briten haben nicht für den Brexit gestimmt

Sollte ich in Großbritannien bleiben, werde ich zum Staatsbürger zweiter Klasse. Die Kriterien, um die Staatsbürgerschaft zu erlangen, wurden gerade erst geändert, und nun muss ich gut über 1.000 Pfund zahlen, wenn ich sie erfüllen will.

Aber dieser erste Impuls, der beeinflusst war von Unsicherheit, Traurigkeit, Wut und dem Gefühl ausgenutzt zu werden, wurde bald von der folgenden Idee ersetzt: Eine außerordentliche Mitgliedschaft ist etwas, für das es wert ist zu kämpfen, und zwar deswegen:

48 Prozent der Briten haben nicht für den Brexit gestimmt. Kinder und die, die nicht wählen gegangen sind, haben nicht für den Brexit gestimmt. Es ist unfair, dass ihre Rechte ihnen ohne deren Zustimmung genommen werden.

Das war der Kern von Gina Millers Gerichtsfall: Nur das Parlament kann Staatsbürger ihrer Rechte entledigen. Obwohl Gina Miller den Fall gewonnen hat, zeigt die Schwäche unserer Parlamentsmitglieder, dass sie den Prozess de facto nicht unter Kontrolle haben.

Es könnte sein, dass ich ausgewiesen oder nicht mehr krankenversichert sein werde

Juncker sagt, dass die vier Freiheiten unantastbar seien, denn er will nicht, dass die EU zu einem Ort wird, an dem Lastwagen ohne Probleme über die Grenzen kommen, Staatsbürger jedoch nicht.

Die Bewegungsfreiheit ist genau der Grund, warum die EU nicht die schlimme, neoliberale Bastion ist, die linksradikale Brexit-Befürworter in ihr sehen. Die EU erlaubt normalen Menschen, ungeachtet ihrer Fähigkeiten, ein Leben in einem anderen Land aufzubauen, dass sie, aus welchem Grund auch immer, in ihrem Heimatland nicht haben können.

Eine außerordentliche EU-Mitgliedschaft würde Großbritannien mit der EU weiterhin verbinden und es Großbritannien im Endeffekt erleichtern, der EU wieder beizutreten.

Es kann natürlich auch sein, dass die Verhandlungen schlecht ausgehen und ich Großbritannien verlassen muss. Ich bin mir dessen bewusst. Es könnte sein, dass ich ausgewiesen oder nicht mehr krankenversichert sein werde, oder meine Kinder die Schule, die ich bezahle, nicht mehr besuchen dürfen.

Aber mit meinem EU-Reisepass in der Hand werde ich versuchen, mein Leben woanders wieder aufzubauen. Dasselbe sollte auch für die Briten möglich sein. Denn momentan sieht es so aus, als würden dunkle Zeiten auf sie zukommen.

Ich unterstütze die außerordentliche EU-Mitgliedschaft für Briten

Diejenigen, die die Brexit-Verhandlungen führen, vermitteln nun nach und nach die Erwartungen der Leute. Sie sagten in ihren Kampagnen, dass wir weiterhin Teil der europäischen Marktwirtschaft bleiben würden (ähnlich wie Norwegen, nur mit Restriktionen bei der Einwanderung), dann meinten sie, dass wir den CETA-Deal mit Kanada in zwei anstatt sieben Jahren durchbringen könnten, inklusive finanzieller Leistungen (Canada plus).

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Dann meinten sie, dass Großbritannien in der Lage sein würde, Abmachungen einzuhalten, indem es nur in die EU-Systeme einzahlen würde, von denen es profitiert, wie zum Beispiel Horizon 2020.

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Nun wird immer öfter darüber gesprochen, dass es keine Abmachungen dieser Art geben könne. Dieser langsame Rückzug zeichnete sich schon vor Verhandlungsbeginn ab. In dem Moment, in dem ich diesen Text schreibe, wurde Artikel 50 nicht einmal angerührt.

Die Konsequenz für Großbritannien wird sein, dass es zu einer schmutzigen Steueroase wird, ohne öffentliche Zuschüsse. Ein Vorgeschmack dessen sind das auseinanderbrechende Krankensystem und Schulen, die so heruntergekommen sind, dass sie nur noch an vier Tagen pro Woche unterrichten können.

Die Briten - inklusive derer, die für den Brexit gestimmt haben, ohne zu wissen, auf was sie sich dabei einlassen - verdienen eine Chance, diesem Schrecken entfliehen zu können. Deswegen unterstütze ich die außerordentliche EU-Mitgliedschaft für Briten.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei politicsmeanspolitics.

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