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Ich als Lehrerpräsident könnte heulen, wenn ich in eine deutsche Schulklasse gehe

08/12/2017 16:25 CET | Aktualisiert 09/12/2017 08:39 CET

In Deutschland gibt es eine gefährliche gesellschaftliche Spaltung, über die wir viel zu wenig sprechen.

Jeder, der heute in eine Grundschulklasse kommt, bemerkt sie: Es ist die Spaltung zwischen denjenigen, die lesen können - und denjenigen, die das Lesen kaum beherrschen.

Oben im Video: Der Philosoph Richard David Precht erklärt, warum wir keine Bildungsreform sondern eine Bildungsrevolution brauchen

Die Schere zwischen diesen beiden Gruppen geht immer weiter auf.

18,9 Prozent der deutschen Viertklässler erreichen, wenn überhaupt, nur die untersten zwei Stufen der Lesekompetenzskala - 2001 waren es nur 16,9 Prozent. Das zeigt eine aktuelle Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu-Studie).

Zeitgleich steigt die Zahl der besonders lesestarken Kinder von 8,6 Prozent (2001) auf 11,8 Prozent, wie der Spiegel berichtet.

Verheerende Folgen für die Zukunft dieses Landes

Diese Entwicklung, für die mit Sicherheit die Grundschullehrkräfte am wenigsten können, macht mich wütend. Denn sie hat nicht nur verheerende Folgen für unsere Kinder, sondern auch für den Zusammenhalt und die wirtschaftliche Zukunft dieses Landes.

Lesen-Können ist die Grundvoraussetzung für alles Weitere, in der Schule, aber auch im späteren Leben. Ohne Lesekompetenz gibt es keine Chance, jemals ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Wer die nicht mitbringt, wird niemals schulischen Erfolg haben. Kinder, die nicht richtig lesen können, werden später mit großer Wahrscheinlichkeit Probleme im Beruf haben und sich nicht am gesellschaftlichen Leben beteiligen können. Und es sind vor allem diese Kinder, die oft aus prekären familiären Verhältnissen kommen - so vererbt sich Armut.

"Wer hat, dem wird gegeben werden"

Auf der anderen Seite: Kinder, die gut lesen können, werden später mit höherer Wahrscheinlichkeit auch Erfolg im Beruf haben und Verantwortung in unserer Gesellschaft übernehmen. In der Lernpsychologie nennen wir das den Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben werden.

Eigentlich hätte die Politik schon lange auf diese Entwicklung reagieren müssen.

Doch aktuell sieht es nicht so aus, als ob sich die Lage in den kommenden Jahren entspannen würde.

Mehr noch: Sie wird sich weiter verschärfen - denn die Schulen haben derzeit kaum die Rahmenbedingungen und die personellen Voraussetzungen, um dieser Entwicklung entgegenwirken zu können.

Bereits im Jahr 2016, gerade zum Erhebungszeitraum der IGLU-Studie, setzte in deutschen Grundschulen der Lehrermangel ein. 400 Lehrerstellen waren allein an Bayerns Grund- und Mittelschulen im Februar diesen Jahres nicht besetzt. Das berichtete der Bayerische Rundfunk.

4 Ursachen für die Leseschwäche

Die Folge: Stunden fallen aus, in vielen Bundesländern wird aus Not unzureichend qualifiziertes Personal eingestellt. Oft handelt es sich dabei um Personen, die keine pädagogische Ausbildung haben. Keine guten Voraussetzungen, um der eingangs beschriebenen Entwicklung an unseren Grundschulen entgegenzuwirken.

Aber was sind eigentlich die Ursachen der zunehmenden Leseschwäche bei einem wachsenden Schüleranteil?

Mehrere Faktoren sind hierbei entscheidend:

1. Es ist uns nicht gelungen, den stark wachsenden Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund, wo zuhause nicht Deutsch gesprochen wird, so zu fördern, dass diese dem Unterricht sprachlich folgen können.

2. Das so genannte kulturelle Kapital spielt eine ganz entscheidende Rolle, ob jemand ein Gut- oder Schlechtleser wird. In Elternhäusern, in denen mehr als 100 Bücher vorhanden sind, schneiden die Kinder in der Grundschule beim Lesen und auch sonst signifikant besser ab als Kinder, deren Eltern wenig oder keine Bücher besitzen. Dabei geht es um Lernfortschritte von über einem Jahr.

3. Offensichtlich sind auch manche Methoden der Lese- und Rechtschreibdidaktik dabei nicht besonders erfolgreich, schwächere Schüler erfolgreich zu fördern.

4. Vor allem, und das ist das Wichtigste, fehlt es in Deutschland an einer umfassenden vorschulischen Sprachförderung. Selbst bei höchstem Engagement sind Grundschullehrkräfte damit überfordert, die bereits bei Schuleintritt bestehenden Sprachdefizite zu beheben.

"Segregation und Kriminalität drohen"

Die Schere zwischen gut und schlecht ausgebildeten Schülern, Gut- und Schlechtlesern, wird irgendwann unsere gesamte Gesellschaft spalten. Wenn wir nicht versuchen, die Unterschiede auszugleichen, droht uns Perspektivlosigkeit für einen großen Teil der Gesellschaft.

Uns drohen Segregation und Kriminalität. Und ein Auseinanderdriften der Gesellschaft, was zu Frustration, Orientierungslosigkeit und politischem Extremismus führt. Andere Länder demonstrieren heute schon, wohin diese Entwicklung führen kann.

Deshalb ist mir, wenn ich heute in eine Klasse gehe, in der eines von fünf Kindern nicht richtig lesen kann, zum Heulen zumute.

Um die Leseungleichheit im Land nicht weiter wachsen zu lassen, hilft eigentlich nur eines: Bessere vorschulische Bildung.

Ich bin für eine bundesweite Einführung von Sprachstandstests, wie sie es bereits in einigen Bundesländern ansatzweise gibt. Dabei werden alle Kinder vor ihrem vierten Lebensjahr getestet. Hat ein Kind signifikante Defizit in der Sprachentwicklung, muss es einen entsprechenden Förderkurs besuchen.

Als diese Tests dort zum ersten Mal durchgeführt wurden, fiel das Ergebnis ernüchternd aus. Erheblich mehr Kinder bräuchten eine Förderung als staatliche Mittel dafür da waren und sind.

Es spricht viel dafür, die Tests für ganz Deutschland einzuführen. Nur so können wir bereits vor der Einschulung große Unterschiede feststellen und eliminieren. Die Tests allein helfen aber noch nicht. Es kommt dann darauf an, dass diese Kinder bis zum Schuleintritt auch intensiv sprachlich gefördert werden.

Nur so können wir Deutschland vor einer Spaltung bewahren.

Der Text wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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