BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Heinz-Peter Meidinger Headshot

Der Weg zum Abitur wird immer einfacher - und das schadet nicht nur den Schülern

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CLASSROOM
Caiaimage/Chris Ryan via Getty Images
Drucken

An zahlreichen Gymnasien in Deutschland läuft etwas falsch. Und zwar gewaltig. Denn der Weg zur allgemeinen Hochschulreife wird vielerorts immer einfacher.

In Hamburg kann beispielsweise kein Schüler in den Klassen 7 bis 10 mehr durchfallen, in Berlin wird ein Teil der Gymnasiasten beim Übertritt leistungsunabhängig einfach ausgelost. Notenbeschränkungen gibt es hingegen nur noch in zwei Bundesländern - in Bayern und Brandenburg.

Sonst gilt: Jeder, der aufs Gymnasium will, der kann auch aufs Gymnasium.

Manche Schulministerien zwingen ihre Gymnasien dazu, es ihren Schülern leichter zu machen

Seit über 30 Jahren beschäftige ich mich mit unserem Bildungssystem, seit 14 Jahren bin ich Vorsitzender des Philologenverbandes, seit diesem Jahr Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Deshalb weiß ich: Das ist ein Problem.

Denn nicht jedes Kind, das ein Gymnasium besucht, ist auch für diese Schulform geeignet. Wenn sich das abzeichnet, sollte man frühzeitig über einen Schulwechsel nachdenken.

Schließlich gibt es neben dem Gymnasium auch noch andere Wege, ein Abitur oder ein Fachabitur zu erreichen - über die Realschule und anschließend die Fachoberschule zum Beispiel, über Gesamtschulen oder auch das berufliche Schulwesen.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Doch manche Schulministerien zwingen ihre Gymnasien geradezu dazu, es ihren Schülern leichter zu machen, um sie auf der Schule zu halten. Bloß nicht abschulen, heißt die Devise. Die Folgen: Die fehlgeleiteten Schüler erleben einen Misserfolg nach dem anderen und das Niveau sinkt.

Heute erreichen fast 80 Prozent der Fünftklässler das Abitur, während es vor einigen Jahren nur zwei Drittel waren. Das ist einerseits erfreulich, andererseits zeigen die ständig steigenden Studienabbruchsquoten, dass es um die Studierfähigkeit so mancher Abiturienten offensichtlich nicht gut bestellt ist.

Trotzdem werden die Noten der Abiturienten immer besser: Früher war ein 1,0-Abschluss etwas ganz Besonderes, heute haben einige Universitäten in beliebten Studiengängen weniger Plätze als Bewerber mit diesem Notendurchschnitt.

Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten

Ich bemerke außerdem, dass sich die Einstellung von Eltern und Schülern verschiebt. Es geht nicht mehr nur darum, das Abitur zu schaffen - heute ist es viel wichtiger, mit welchem Schnitt es geschafft wird. Da wird mit Lehrkräften über Einzelnoten gestritten und diskutiert, die den Abiturschnitt drücken könnten.

Wir müssen wieder darüber nachdenken, was "Gymnasium" bedeuten soll. Ein Gymnasium soll nun mal erhöhte Anforderung an kognitive Grundfähigkeiten, Leistungsbereitschaft und Abstraktionsvermögen stellen.

Ich persönlich bin dafür, jedem Kind die Möglichkeit zu geben, an das Gymnasium zu gehen, das dafür geeignet und motiviert ist. Um das festzustellen, haben wir zwei Möglichkeiten.

Die erste wäre auf gute Leistungen an der Grundschule zu setzen, also den Übertritts-Notenschnitt, wie wir es in Bayern und Brandenburg heute noch haben. In Bayern liegt er bei 2,33, was ich entgegen vieler Stimmen als nicht zu hart finde.

Mehr zum Thema: Dieser Fall eines Schülers hat mir gezeigt, was fast alle meine Kollegen falsch machen

Schließlich schafft es so ein Kind auch mit einer 3 in Deutsch oder Mathe auf's Gymnasium.

Die zweite Möglichkeit wäre, eine Probezeit einzuführen, nach der das aufnehmende Gymnasium nach einem oder zwei Jahren über das Bestehen entscheidet. In Hessen gibt es beispielsweise dann die Möglichkeit der Querversetzung an eine andere, geeignetere Schulart.

Es ist kein Manko, Alternativen zu nutzen

Auf den Eignungsaspekt nicht völlig zu verzichten - das ist mir persönlich sehr wichtig. Wenn das Lernen und der Schulbesuch zur Qual wird, weil man trotz regelmäßigen Lernens die geforderten Leistungen nicht erbringen kann, ist es oft für Schüler und Eltern eine Erleichterung, die Schule zu wechseln.

Genauso wichtig ist dabei jedoch auch die Durchlässigkeit in die andere Richtung. Auch ein Realschüler sollte bei sehr guten Leistungen jederzeit an ein Gymnasium wechseln können.

Es wird heute oft so getan, als wäre ein Nichtübertritt auf ein Gymnasium oder ein Schulwechsel von dort ein Scheitern. Oder es wird der Eindruck erweckt, mit dem Übertritt werde endgültig über die weiteren Lebenschancen entschieden. Das ist grober Unfug.

Mehr zum Thema: Ich habe als erster in der Familie studiert und bin wütend über die Chancenungleichheit an deutschen Unis

Heute gibt es in allen Bundesländern verschiedene Alternativen. Es gibt auch neben dem Gymnasium Wege zur allgemeinen Hochschulreife, die manchmal sogar für Spätentwickler erfolgversprechender sein können.

Es ist kein Manko, diese auch zu nutzen. Wer einigermaßen intelligent ist und die Hochschulreife ernsthaft anstrebt, um studieren zu können, der bekommt sie in aller Regel auch

Es muss nicht immer das Gymnasium sein. Auch über einen beruflichen Abschluss wie den Facharbeiterbrief ist der Weg zur Hochschule heute weit offen. Für so manche Eltern und Kinder in Deutschland wäre dies sicherlich um einiges stressfreier.

Von Heinz-Peter Meidinger, Präsident des deutschen Lehrerverbandes.

Das Gespräch wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.