BLOG

"Eine Spirale aus Nutzlosigkeit und Depression": So sieht das Leben für Langzeitarbeitslose in Deutschland aus

21/08/2017 15:38 CEST | Aktualisiert 22/08/2017 17:12 CEST
ullstein bild via Getty Images

Menschen wie ich sind Spielverderber für all diejenigen Politiker, die in schöner Regelmäßigkeit die wieder einmal gesunkenen Arbeitslosenzahlen bejubeln.

Im Juli waren 2,518 Millionen Menschen ohne Job - der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung. Es könnte also alles so schön sein.

Gäbe es da nur nicht uns, die Langzeitarbeitslosen. Jene knapp eine Million Erwerbslose, die einfach keinen Job finden.

Dabei lief bei mir lange Zeit alles nach Plan. Ich begann als technischer Zeichner, wurde dann Konstrukteur im Anlagenbau.

Bald leitete ich Projekte bei einem Rohrleitungsbauer und stieg sogar bis zum stellvertretenden Geschäftsführer auf. 1994 schließlich meldete der Betrieb Konkurs an - und ich wurde arbeitslos, zum ersten Mal in meinem Leben.

Zwei bis drei Einladungen - im Jahr

Zunächst bedrückte mich der Umstand weniger, war ich doch gut vernetzt, hatte beste Referenzen. Ich schrieb reihenweise Bewerbungen - mehr als 200 waren es allein in den Jahren 2003 und 2004.

Mehr zum Thema: Merkel verspricht, sich besonders um Langzeitarbeitslose zu kümmern - doch Schäuble schießt dagegen

Eingeladen wurde ich zu vielleicht zwei oder drei Gesprächen. Im Jahr. Absagen kamen dafür reihenweise ins Haus. "Überqualifiziert" sei ich, es habe schlichtweg "bessere Bewerber" gegeben. Mit anderen Worten: Ich war zu teuer, zu alt, zu erfahren.

Ich versuchte einen Neustart, ließ mich zum technischen Betriebswirt weiterbilden. Nahm schließlich an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen teil - und versetzte mir damit den Todesstoß.

Denn ABMs übersetzen Personaler in Betrieben gern mit "dem muss geholfen werden". Sprich: So einen wollen wir nicht. Bis 2005 konnte ich mich mit der Arbeitslosenhilfe und befristeten Tätigkeiten gut über Wasser halten. 2005 kam dann das Hartz-IV-System, und es wurde richtig bitter.

Viele Langzeitarbeitslose fühlen sich schuldig

Das Amt konnte mir in all der Zeit keinen einzigen Job vermitteln. Dennoch versank ich nicht in der Spirale aus Depression und dem Gefühl von Nutzlosigkeit, die 95 Prozent der Langzeitarbeitslosen zermürbt.

Ich bin schon immer selbstbewusst gewesen und sagte mir: Nicht ich bin das Problem, sondern das System. Über die Jahre eignete ich mir immer mehr Wissen an über die Mühlen des Arbeitslosenamtes.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png

Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Heute berate ich als Gewerkschafter andere Betroffene und engagiere mich politisch. Denn ich bin überzeugt: Wenn sich nichts ändert, werden nicht nur die Zahlen der Kurzzeitarbeitslosen wieder ansteigen.

In Deutschland wird Arbeitslosigkeit als individueller Fehler gesehen, damit fängt es an. Die Machtsymmetrie am Arbeitsmarkt ist vollkommen aus den Fugen geraten. Ältere Bewerber werden abgelehnt, jüngere ausgebrannt. Und die Hartz-Gesetze haben das Scheunentor für die Arbeitgeber ganz weit geöffnet.

Arbeitsmarktinstrumente wie kostenlose Praktika, Leiharbeit und Werkverträge müssen wieder einer gesetzlichen Kontrolle, die die Arbeitnehmer schützt, unterworfen werden.

Seit 2014 hat mein Status als Unvermittelbarer übrigens ein Ende. Ich bin seitdem Frührentner. Eine Sorge weniger für die Politik.

Das ist die Situation der Langzeitarbeitslosen in Deutschland:

Die Agentur für Arbeit gibt an, dass 2016 im Jahresdurchschnitt 2,69 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet waren.

Rund 37 Prozent der Arbeitslosen waren ein Jahr oder länger auf der Suche nach Arbeit.

Momentan ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen wieder zurückgegangen. Im Juni 2017 waren etwa 900 000 Menschen länger als ein Jahr arbeitslos - etwa 100 000 weniger als vor einem Jahr.

Langzeitarbeitslose Menschen werden vielerorts nur unzureichend betreut. Nach der offiziellen Statistik der BA betreut zurzeit ein Mitarbeiter eines Jobcenters 129 Langzeitarbeitslose.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Xing Klartext.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

id="huffPostGWW01"

z-index="999"

lang="de-DE"

units="m"

par="huffpost_widget"

geocode="52.52,13.38"

links="https://weather.com/de-DE/wetter/heute/l/$geocode?par=huffpost_widget">

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');