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Ohne Fahnen können wir gleich die ganze EM vergessen

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GERMAN FOOTBALL FANS
Anadolu Agency via Getty Images
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Wir konnten in den vergangenen Tagen wieder einmal feststellen, dass sich Fußballgroßereignisse offensichtlich sehr gut eignen, um in Deutschland die Grundsatzfrage diskutieren zu können: „Wer oder was ist eigentlich patriotisch?" So formulierten jetzt zwei Protagonisten ihre Definition eines „guten" Patriotismus, die wahrscheinlich die Außenlinien dieser Debatte bilden.

Auf der Rechten: AfD-Vize Alexander Gauland, der mit seiner - im schlechtesten Sinne - „großväterlichen" Definition von Blut-und-Boden-Deutschen erklärt hat, die Nationalmannschaft sei schon lange nicht mehr „im klassischen Sinne" deutsch.

Abgesehen davon, dass Gauland nach eigenem Bekunden so wenig vom Fußball versteht, dass ihm der Name Boateng angeblich nicht geläufig war, ist festzustellen, dass schon in der heldenhaften Weltmeistermannschaft von 1954 migrationshintergründig gekickt wurde.

Der aus dem rumänischen Banat stammende Abwehrspieler Josef „Jupp" Posipal musste auf die Teilnahme am ersten Nachkriegs-Länderspiel 1950 gegen die Schweiz verzichten, weil seine Staatsangehörigkeit zu diesem Zeitpunkt noch ungeklärt war. So viel zum klassisch deutschen Nationalspieler.

Wer jubelt denn hier eigentlich vor wen?

Die Frage sei an dieser Stelle gestattet: Jubeln die AfD-Sympathisanten nur bei deutschen Toren, wenn Schweinsteiger oder Müller Torschützen sind? Gilt dies auch, wenn Özil oder Khedira den Assist geliefert haben?

Auf der Linken: Die Grüne Jugend, die das fröhliche Schwenken der schwarz-rot-goldenen Fahnen auf der Fanmeile betont undifferenziert in den Bereich des Nationalismus gerückt hat - was in der verkrampft-verklemmten grünen Weltsicht zu folgendem führt: „Im Rahmen eines Sportturniers wird somit das nationale Kollektiv betont und von anderen Gruppen abgegrenzt", so die grünen Jugendlichen aus Berlin. Aha.

Wenn eine solche Gruppenbildung also abgelehnt wird, müssen wir zwangsläufig auf die Bildung von Mannschaften - und damit auf Wettbewerbe insgesamt - verzichten. Denn der Sinn einer Gruppe besteht darin, dass es eine Abgrenzung gegenüber anderen gibt. Das gilt nicht nur für Nationalmannschaften, sondern auch für die Grüne Jugend.

Abgesehen davon wäre es dann nur konsequent, wenn die Grüne Jugend mit derselben Vehemenz dafür streiten würde, dass weder in Deutschland noch sonst auf der Welt das Fahnenschwenken von Italienern, Brasilianern, Türken, Albanern etc. zum Zwecke der Unterstützung des jeweiligen Nationalteams gestattet ist. Es wäre eine ehrenwerte Aufgabe für die Grüne Jugend, diese weltweite Verantwortung zu übernehmen.

Zu bedenken ist aber, dass diese Belehrungen von linker Seite den gegenteiligen Effekt haben. Würden wir ohne die stetig betriebene Selbstkasteiung selbstbewusst (das heißt nicht: unkritisch!) mit unseren Symbolen umgehen, gäbe es womöglich weniger verklemmte nationalistische Spinner und rechtsradikale Vollpfosten.

Die riesigen Begrüßungsfahnen am Newark Liberty International, am OR Tambo international in Johannesburg oder am Vancouver International Airport - ich finde sie einfach toll. Ich mag es, dass Spanier, Franzosen oder Italiener ihre Gesichter zur EM in ihren Nationalfarben bunt bemalen, gleichfarbige Perücken aufsetzen und fröhlich ihre Nationalhymnen schmettern!

Gegenseitige Fahnenliebe

Ich bin Deutscher und Europäer, mein Lebenspartner Amerikaner. Wir mögen „unsere" Flaggen. Wir feiern den 4. Juli zusammen und Joe sagt nicht nur am 3. Oktober stolz: „I'm also a little german". Und wenn er mal die deutsche mit der belgischen Flagge beim Eurovision Song Contest verwechselt, macht das auch nichts.

Auch wenn Gauland und die Grüne Jugend in seltsamer wie trauter Eintracht den gegenteiligen Eindruck vermitteln: Deutschland ist schön, ein klasse Land im Herzen Europas, weltoffen und tolerant. Und wir alle müssen dieses tolle Land gegen plumpe, nationalistische Ewiggestrige verteidigen - auch indem wir zu unserem Land stehen und das sichtbar machen - ja auch mit Fahnen.

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