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Die Bildungsnation geht unter? Das ist Unsinn!

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bokan76 via Getty Images
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Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat angekündigt, Milliarden in die Digitalisierung von Schulen zu stecken und es dauert nicht lange, da melden sich die Kritiker zu Wort, die darin den Untergang der abendländischen Bildung sehen.

Josef Kraus etwa, Präsident des Lehrerverbandes, spricht von "Kollateralschäden", weil Schüler nur noch in Häppchen lernen würden und die soziale Kommunikation unter Schülern leide. Der Psychologe Manfred Spitzer redet gleich von der Verdummung der Schüler. Wie immer steckt sicherlich auch ein Körnchen Wahrheit in dieser Kritik.

Wenn ich das Geschehen auf dem Schulhof betrachte, sehe ich zunehmend junge Menschen in über das Handy gebeugter, affenartiger Haltung. Sie nehmen ihre Umwelt nicht mehr wahr und sind daher auch nicht mehr zu sozialer Interaktion fähig. Das ist schade, aber nicht nur Sache der Schule, sondern vor allem der Eltern. Sie müssen ihre Erziehungsaufgabe wahrnehmen und ihre Kinder über Gefahren, aber auch Nutzen der Medien aufklären.

Und die Schule? Wie sollen Lehrer auf die rasante Entwicklung der neuen Medien reagieren, die ja nicht nur die Gegenwart, sondern vor allem die Zukunft unserer Schüler bildet? Sollen wir uns etwa auf die Vermittlung von Klassikern wie Goethe, Schiller, Kant oder die Vermittlung der Differential- und Integralrechnung zurückziehen? Ist es das, was Josef Kraus will?

Wissen allein ist nicht mehr genug

Nein, Goethe, Schiller und Kant reichen heute eben nicht mehr. Und dass Handys allein für den "Untergang der Bildungsnation" sorgen, ist so sicherlich Unsinn. Für mich als Lehrerin kann es nicht um ein entweder oder, sondern um ein sowohl als auch gehen.

Ich muss meine Schüler in ihrem Lern-und Entwicklungsprozess unterstützen, indem ich ihr kognitives, soziales, sprachliches, ästhetisches, soziales und kulturelles Wissen fördere und ihnen damit eine Teilhabe an unserer Gesellschaft ermögliche.

Das heißt eben auch: Ich muss ihnen zeigen, wie sie mit modernen Medien umgehen und ihre Zukunft gestalten können. Für Herrn Kraus ist das "Kompetenzgelaber", wie er in einem Interview kürzlich anmerkte.

Aber die Schüler brauchen eben Kompetenzen, denn mit Wissen allein lassen sich die Herausforderungen der digitalen Zukunft nicht bewältigen.

Wir dürfen digitale Medien nicht mehr verteufeln

Dazu ist es aus meiner Sicht natürlich auch wichtig, dass sie klassische Literatur wie Schillers "Wilhelm Tell", Goethes "Faust", moderne Literatur, die historischen Hintergründe der Entwicklung unserer Demokratie oder Folgen der Globalisierung kennen. Das ist für viele meiner Schüler heute eine große Herausforderung, weil sie umgeben von digitalen Medien aufwachsen und einer Flut von Reizen ausgesetzt sind, die ich in meiner Kindheit nicht bewältigen musste.

Aber anstatt digitale Medien nun zu verteufeln, kann ich sie für mich nutzen, um Schüler für die Inhalte des Unterrichts zu motivieren und diese für sie verstehbar und handhabbar zu machen.

Wenn Schüler Medien aus ihrer Lebenswirklichkeit einsetzen, indem sie kleine Handy-Videos zur Funktionsweise des Marktes erstellen oder wenn wir uns verschiedenen Sprachniveaus über das Verfassen von WhatsApp-Nachrichten nähern, dann sind Schüler motiviert und mit Spaß bei der Sache und sehr wohl in der Lage, sich sinnvoll mit Inhalten zu beschäftigen und diese vertieft zu begreifen.

Dazu bedarf es nicht mehr dem Auswendiglernen oder sturem Pauken von Inhalten. Kinder und Jugendliche lernen darüber hinaus auch, in welcher Weise Medien außerhalb von Smartphone-Spielen nutzbar sind. Und damit etwas für ihre Zukunft, die sie auch medial gestalten müssen.

Deshalb ist es unverzichtbar, Schulen digital auszustatten.

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