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Wir tragen Verantwortung: Jede Kaufentscheidung zählt

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Jeder Mensch konsumiert Lebensmittel. Im Idealfall hat er sich vor deren Kauf über die Herstellung informiert und entscheidet sich bewusst - zum Beispiel für ökologisch nachhaltig Produziertes. Das bedeutet Einfluss und Macht für jede/n - leider wird dieses Potenzial unterschätzt und bleibt oft ungenutzt. Zum Nachteil für die Umwelt, die Artenvielfalt, die Bedingungen in der Lebensmittelproduktion und letztlich für unser aller Lebensqualität.

Die negativen Folgeerscheinungen wie Massentierhaltung oder Monokulturen erfordern andere Produktionsmodelle. Eines davon ist die Community Supported Agriculture (CSA), die in den späten 1970er Jahren in den USA entstand. In Deutschland ist sie bekannt als gemeinschaftsgetragene oder auch solidarische Landwirtschaft.

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Die CSA-Bewegung

Der Kern des Ansatzes: Käufer landwirtschaftlicher Produkte unterstützen direkt einen landwirtschaftlichen Betrieb. Sie finanzieren das Jahresbudget des Hofs durch ihren regelmäßigen Mitgliedsbeitrag. Im Gegenzug dazu erhalten sie auf dem Hof produzierte Lebensmittel. Damit tragen sie die Verantwortung für die Geschicke des Hofs mit, teilen sich nicht nur die Lebensmittel, sondern auch die Risiken wie Ernteschäden.

Ein ganz konkretes Beispiel für ein gut funktionierendes Modell ist der CSA-Hof Pente (www.hof-pente.de) bei Bramsche im Osnabrücker Land. Für die Idee der solidarischen Landwirtschaft begeisterten sich Tobias Hartkemeyer und seine Frau Julia sehr schnell - doch für die Umsetzung musste Überzeugungsarbeit bei der bereits bestehenden Hofgemeinschaft geleistet werden.

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Auf Informationsveranstaltungen warb die kleine Gemeinschaft neue Mitglieder. Am 01. Mai 2010 startete das Projekt mit über 100 Interessierten, die inzwischen auf 250 Mitglieder angewachsen sind. Sie haben die Möglichkeit zur Mitgestaltung bei wichtigen Entscheidungen wie Investitionen, der Anbauplanung oder dem Umgang mit Krisen.

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Mitgliedschaft verändert Konsumverhalten

Hartkemeyer erzählt, dass die Mitglieder die Vielfalt auf dem CSA-Hof auf verschiedene Weise erleben können. Einmal pro Woche holen Sie Gemüse, Eier und Brot auf dem Hof ab. Saisonbedingt und je nach Verfügbarkeit gibt es auch Fleisch, Sauerkraut oder Honig.

Für die meisten bedeutet die Mitgliedschaft eine Umstellung ihres Konsumverhaltens, denn der Hof produziert regional vorkommende Gemüse und Kräuter, die auf die Saison abgestimmt sind. Das erfordert besonders im Winter und im Frühling, bevor die frischen Gemüse geerntet werden können, Kreativität für den Kochtopf.

Je weiter der Winter fortschreitet, desto weniger Frisches hat der Gemüseacker zu bieten. Bislang wäre es aber immer nahtlos gelungen, nach dem Winter die neuen Salate und frühe Gemüsesorten zu ernten, so Julia Hartkemeyer. Die Mitglieder erhalten in der Kohl- und Rote Beete-Zeit über die Lebensmittel hinaus Unterstützung mit Kochrezepten und Tipps und Tricks aus der hofeigenen Küche.

Das Getreide für das Brot wird auf den Feldern um den Hof angebaut und in einer Bäckerei am Ort gebacken. Da es sich um einen Demeter-zertifizierten landwirtschaftlichen Betrieb handelt, gehören Tiere - auf Hof Pente Rinder, Schweine, Schafe, Hühner und Bienen - mit zum landwirtschaftlichen Konzept. Sie liefern den Dünger für die Felder, Fleisch, Eier und Honig für die Mitglieder.

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Lebenslernort und Ökologie mit Zukunft

Oft sind wir uns gar nicht im Klaren darüber, dass wir mit unserem Konsumverhalten mitbestimmen, ob die Artenvielfalt in unserem Land eine Chance hat oder nicht. Monokulturen, der Einsatz von Fungiziden, Pestiziden und bestimmten Düngemitteln wirken sich negativ auf die Artenvielfalt aus.

Der Preis für die konventionell hergestellten Lebensmittel berücksichtigt nicht die Kosten für die Umwelt, da Lebensmittel gerade in Deutschland so günstig wie möglich sein sollen. Auswirkungen von Chemikalien auf Boden- oder Wasserqualität, der stete Rückgang nutzbarer Acker- oder Waldflächen wird bei der Preisbildung nicht berücksichtigt. Die Folgekosten tragen nicht die Produzenten sondern letztendlich die Allgemeinheit. Künftige Generationen bezahlen den Preis.

Hartkemeyer sieht im Modell der ökologischen Landwirtschaft die einzig mögliche landwirtschaftliche Nutzungsform mit Zukunft. Hof Pente ist für den Agrarökonomen und Pädagogen nicht nur die landwirtschaftliche Produktionsstätte für ökologische Lebensmittel, sondern ein Lebenslernort für Jung und Alt.

Er ist überzeugt davon, dass jeder bereit ist, das zu schützen, was er wertschätzt. Damit die Mitglieder sich ihrer Rolle und Verantwortung als Konsumenten bewusst werden, Vielfalt im Angebot von Lebensmitteln und in der Natur erleben und einen direkten Bezug zu dem herstellen, was sie verzehren, gibt es verschiedene Angebote auf dem Hof.

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Jeder kann sich bei Aussaat, Ernte oder anderen Aktivitäten rund ums Jahr einbringen. Er erlebt, wie Schweine, Schafe, Rinder und Hühner leben und mit welchen Herausforderungen die Landwirtschaft im Jahreszyklus konfrontiert wird. Dabei spielt das soziale Engagement jedes Einzelnen eine Rolle.

Der Hof bietet einen Raum für die Gestaltung von Sozialprozessen und ehrenamtliches Engagement. Damit das Lernen schon im Kindesalter beginnen kann, richtete die Gemeinschaft eine Kindertagesstätte, den Kinderbauernhof, ein. So erleben bereits die ganz Kleinen die Erhaltung von Vielfalt, die Produktion ihrer Nahrung und wie sich die Gemeinschaft aus Mensch und Tier gestaltet - mit allem was dazu gehört.

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Wertgeschätzt - UN zeichnet Hof aus

Im April 2015 bekam der CSA Hof Pente eine ganz besondere Auszeichnung für seine Arbeit. Die Vereinten Nationen nahmen ihn in die Reihe der „offiziellen Projekte der UN Dekade Biologische Vielfalt" auf. Damit würdigten sie den Anstoß vom Hof zum Umdenken und zur Werterhaltung von Natur und Landschaft.

Hartkemeyer betont, dass die Auszeichnung nicht nur dem Hof und seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen verliehen wurde, sondern insbesondere den 250 Mitgliedern. Durch ihr regelmäßiges Engagement und die Finanzierung des Jahresbudgets fördern sie die Arbeit auf dem Hof. Ihr Vertrauen ermöglicht die Pflege und Kultivierung der Landschaft mit all ihrer Vielfalt.

Die konsequente Umsetzung des CSA-Konzepts auf Hof Pente ist ein konkreter Beweis, dass Umdenken in der landwirtschaftlichen Produktion möglich ist und dass jede und jeder Einzelne durch sein Engagement und seine Kaufentscheidungen zur Erhaltung der Vielfalt, dem Schutz der Umwelt und der Lebensqualität sofort und unmittelbar beitragen kann.

Man muss dazu nicht notwendigerweise auf dem Land leben - Initiativen, die den Anbau und Vertrieb von ökologischen Lebensmitteln fördern gibt es inzwischen vielerorts, diesbezügliche Informationen sind im Internet leicht zu finden. Wer mehr über den Ansatz der solidarischen Landwirtschaft erfahren möchte, kann sich unter www.solidarische-landwirtschaft.org weiter informieren.


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