BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Heike Pander Headshot

Unterwegs in der Wildnis

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

2017-11-02-1509634889-8620066-PanderElefanten_ow_0377.JPG

Unberührte Wildnis zu Fuß erkunden - davon träumte ich schon lange. Beobachtet habe ich wilde Tiere bislang aus dem vermeintlich sicheren Geländefahrzeug. Endlich habe ich zwei Kurse gebucht, die mich zusammen mit Gleichgesinnten "fit" machen für Begegnungen mit potenziell gefährlichen Tieren wie Elefanten, Büffeln, Löwen oder Leoparden. Dabei lerne ich Spuren lesen, gehe auf Pirschgänge, lerne tierisches Verhalten kennen und angemessene Verhaltensweisen darauf. Ich tauche ein in ein mir fremdes Ökosystem und will unberührte Natur erleben - fernab von Internet, Computer, lärmender Großstadt und Konsumüberangebot.

Mein Abenteuer beginnt in der Makuleke Konzession. Sie gehört zum Ökosystem des Krüger Nationalparks in der Limpopo Provinz in Südafrika. Zunächst starte ich mit einem einwöchigen Schnupperkurs. Am Tor zu meinem Glück, dem Pafuri Gate am Krüger Park, holen uns zwei Ranger im offenen Geländewagen ab. Auf der Fahrt sehen wir erste Greifvögel, bunt schillernde Gabelracken und in Panik aufstiebende Warzenschweine. Drollig trotten sie mit ihren steil aufgerichteten Schwänzchen ins schützende Gestrüpp davon.

Verhaltensregeln sind überlebenswichtig

Am Parkplatz zum Camp weist uns ein großes Schild darauf hin, dass es keine Zäune gibt. Wilde Tiere bewegen sich frei um die Zelte, die auf Pfählen stehen. Die Betreiber haben ganz im Sinne des Naturschutzes kaum feste Strukturen errichtet. Sollte das Camp abgebaut werden, hinterlässt es keine sichtbaren Spuren.

2017-11-02-1509634410-812215-Pander_Zelte_0438.JPG
Zelte im Camp, Makuleke, Südafrika

Den Anweisungen des Personals im Camp sei in jedem Fall Folge zu leisten - steht auf einem großen Schild, denn unser Überleben kann davon abhängen. Ich habe vor, mich für die bevorstehenden Begegnungen zu Fuß mit wilden Tieren aufs Beste zu wappnen.

Im Sicherheitsbriefing haben wir gelernt, wie wir uns verhalten müssen, damit wir die Tiere so wenig wie möglich in ihrer natürlichen Lebensweise stören. Hier sind wir die Eindringlinge. Zwei Naturführer mit Gewehren begleiten unsere sechsköpfige Gruppe auf unseren Wanderungen in den Busch. Im Gänsemarsch und ganz still erkunden wir unsere Umgebung. Die Verständigung funktioniert sehr gut über Handzeichen oder Schnipsen mit den Fingern. Lautes Rufen ist tabu - es könnte bei einer bedrohlichen Begegnung mit einem Tier zu dessen Angriff führen.

Am ersten Abend am Lagerfeuer lernen wir uns kennen - unsere Gruppe ist international besetzt, verschiedenste Berufe und Altersgruppen sind vertreten. Alle haben das gleiche Ziel: die Wildnis und ihre Bewohner besser kennen lernen. Lange hält es uns nicht am Feuer, denn alle sind müde und der nächste Tag beginnt früh.

Spuren lesen im Buch der Wildnis

Die ungewohnten Geräusche in der ersten Nacht halten mich wach im Zelt. Das Lachen der Hyänen lässt mich frieren. Paviane bellen, Schakale jaulen und ab und zu ruft ein Leopard tief und rau. Endlich künden Pastelltöne am Himmel den neuen Tag an, am Horizont geht feuerrot die Sonne auf. Kalt ist es, die Temperaturen bewegen sich im einstelligen Bereich. Am Gemeinschaftsdeck warten eine Tasse heißer Tee und ein paar Kekse auf mich. Gefrühstückt wird erst nach der Wanderung.

2017-11-02-1509634497-4473032-Pander_Walking_0261.JPG
Wandern im "Busch"

Inzwischen hüllt goldenes Licht die Landschaft ein und lässt sie magisch leuchten. Das Vogelorchester untermalt die friedliche Stimmung. Um 6:30 Uhr wandern wir los. Der Blick in den Sand verrät, wer in der Nacht um die Zelte geschlichen ist. Wir sehen Spuren eines Leoparden, von Hyänen, Pavianen, Impalas und jede Menge Abdrücke von Vogelfüßen. Eine Elefantenherde frühstückte an Mopane Sträuchern. Die Spuren lesen sich wie Text in einem Buch. So können wir wichtige Schlüsse ziehen für die bevorstehende Wanderung.

2017-11-02-1509634556-2937197-Pander_Loewenspur_0205.JPG
Löwenspuren

Alle Sinne sind gefragt in der Wildnis, denn wir wissen nie, auf wen wir treffen. Die Umgebung liefert weitere wichtige Hinweise. Hinterlassenschaften wie Dung oder verstreut liegende Zweige verraten, wer vor uns gegangen ist oder gefressen hat. Der Sonnenstand ist wichtig. Er hilft uns bei der Orientierung. Wenn möglich gehen wir so, dass die Sonne uns nicht blendet. Auch die Windrichtung ist entscheidend beim Wandern durch den Busch. Wilde Tiere haben gelernt, dass vom Menschen Gefahr ausgeht - in vielen Gebieten wurden sie exzessiv bejagt. Riechen sie uns, sind sie schnell weg oder greifen an. Flucht oder Angriff - das sind die vorherrschenden Programme. Zwischentöne scheint es nicht zu geben. Wir bekommen früh eingetrichtert, dass wir auf keinen Fall weglaufen sollen, falls es zu einer bedrohlichen Begegnung kommt. "Nur Essen läuft weg", betont einer unserer Ranger und führt weiter aus, dass die Tiere sich sonst zur Verfolgung animiert fühlen.

2017-11-02-1509636244-3946799-Pander_Spurenlesen_05142.JPG
Spurenlesen

Pafuri und seine wechselvolle Geschichte

Der Tag schreitet voran, Zikaden übernehmen den Gesang. Es wir heißer - die ersten Zwiebelschichten der Kleidung fallen. Außer Kondensstreifen von Flugzeugen am intensiv blauen Himmel sehen wir weit und breit keine weiteren vertrauten menschlichen Spuren. Hin und wieder stoßen wir auf Zeugnisse längst vergangener Kulturen: Tonscherben, Mahlsteine für Getreide und Pfeilspitzen. Erste Besiedlungsspuren datieren weit über eine Million Jahre zurück. Alle Objekte bleiben an Ort und Stelle. Das gilt auch für Steine, Pflanzen, Tiere und Knochen. Nähmen wir etwas aus dem geschützten Gebiet mit, wäre das Wilderei und damit strafbar.

Das Pafuri Gebiet durchlebte eine wechselvolle Geschichte. Über Jahrhunderte war es die Heimat der Makuleke. 1968 vertrieb die damalige Regierung die Menschen, das Land gehörte fortan zum Krüger Nationalpark. Nach dem Ende der Apartheid forderten die Makuleke erfolgreich ihre Heimat zurück. Seit 1998 können sie wieder darüber verfügen. Sie verzichteten zugunsten des Schutzgebiets auf eine erneute Besiedlung. Die Gemeinde entwickelte ein Konzept zur ökotouristischen Nutzung und verwaltet das Gebiet zusammen mit der Verwaltung des Krüger Nationalparks.

2017-11-02-1509634614-249943-Pander_Baobab_0086.JPG
Uralter Baobab, Makuleke, Südafrika

Um aus dem Schutzgebiet Einnahmen zu generieren, hat das zuständige Gemeindeorgan, die Community Property Association (CPA), im Schutzgebiet drei Konzessionen zur Bewirtschaftung vergeben. Die Lodges 'The Outpost' und 'Pafuri Camp' bieten Übernachtungen und verschiedene Aktivitäten in der Konzession an. Über EcoTraining können Naturinteressierte an Kursen und Ausbildungen für Naturführer teilnehmen. Aus dem erwirtschafteten Geld finanziert die CPA Infrastruktur und Maßnahmen im Gesundheits- und Bildungsbereich. Sie vergibt Stipendien an interessierte Gemeindemitglieder, die im Tourismus und Naturschutz Fuß fassen möchten. In den letzten Jahren haben so verschiedene einheimische Naturführer erfolgreich ihre Abschlüsse erworben. Die Camps sind wichtige Arbeitgeber für die Menschen aus den Gemeinden. Zugänglich ist die Makuleke Konzession nur für Touristen, die entweder in den beiden Lodges übernachten oder an Trainingskursen teilnehmen.

2017-11-02-1509634674-4339744-Pander_Elefant_0154.JPG
Gut getarnter Elefant beim Fressen

"Schwein gehabt"

Inzwischen schlagen wir uns durch das dichte Ufergestrüpp am Limpopo, direkt auf ein von Palmen gesäumtes Feuchtgebiet zu. Seit einigen Minuten bilde ich das Schlusslicht der Gruppe. Das Gelände ist etwas unübersichtlich, dichte Palmblätter reichen bis zum Boden. Die beiden Gewehrträger sind für meinen Geschmack zu weit weg. Fast alle haben den engen Korridor vorbei an den Palmen passiert - plötzlich ist links von mir ein Tumult im Gebüsch: ein Tier springt auf, Erde spritzt. Mir fährt die Angst durch Mark und Bein. Adrenalin pulst in meinen Adern - ich bin hellwach. Noch habe ich keine Ahnung, was sich neben mir gestört fühlt. Löwe, Leopard, Hyäne? Es grunzt - zum Glück „nur" ein Warzenschwein, das es bei akustischer Empörung belässt. Die Ranger sind auch etwas blass geworden. Hätten sie es im Ernstfall rechtzeitig bis zu mir geschafft? Ich denke lieber nicht weiter darüber nach und konzentriere mich stattdessen auf die Spuren vor mir.

2017-11-02-1509634732-7646232-Pander_Fieberwald_0058.JPG
Fieberwald, Makuleke, Südafrika

Nach der Wanderung genießen wir einen üppigen Brunch. Danach folgen täglich Vorlesungen zu verschiedenen Themen, beispielsweise Ökologie, Gesteinskunde, Botanik, Verhalten potenziell gefährlicher Tiere und weitere. Während der größten Hitze ist Ruhe im Camp. Am Nachmittag brechen wir auf zu einer weiteren Wanderung.

2017-11-02-1509634791-246964-Pander_Walking_05002.JPG
Wandern im hohen Gras

Unser Ziel ist ein natürlicher Damm, in dem Nilpferde leben. Zunächst geht es vorbei an felsigen Hügeln mit uralten Affenbrotbäumen, die auch als Baobabs bekannt sind. Zurzeit tragen sie kein Laub und recken ihre kahlen, knorrigen Äste in den Himmel. Archaisch und mitunter grotesk sehen sie aus. Auf mich haben sie die gleiche ruhige Wirkung wie langsam dahinziehende Elefanten, die sich auf ihren ausgetretenen Pfaden bewegen. Wir steuern auf fast mannshohes Gras zu - das müssen wir durchqueren, dahinter liegt der Damm. Ich hoffe, dass sich im Gras nichts Gefährliches versteckt. Der Lehmboden ist übersät mit riesigen Löchern - kraterartige, eingetrocknete Fußabdrücke aus der letzten Regenzeit. Am Wasser ist zwar viel los um diese Zeit aber auf Elefanten, Löwen und die Nilpferde warten wir heute vergeblich.

2017-11-02-1509635035-8520219-Pander_SundownerLimpopo_0530.JPG
Sundowner im Limpopo, Südafrika

Auf dem Rückweg sehen wir im glutroten Licht der Sonne Staub aufwirbeln. Zwei Büffel bewegen sich mit gesenktem Haupt auf die Wasserstelle zu. Der Rest der Herde folgt in einiger Entfernung. Wir sind besonders wachsam, denn mit Büffeln ist nicht zu spaßen. Langsam umrunden wir die Herde, bis wir in sicherer Entfernung auf gleicher Höhe mit den Tieren sind. Wir setzen uns auf die Erde. Das lässt uns weniger bedrohlich erscheinen. Die Tiere haben uns längst entdeckt. Eines hat sich neben dem anderen aufgebaut und beäugt uns misstrauisch. Eine furchterregende Wand. Einige Minuten lassen wir diese Begegnung auf uns wirken, dann brechen wir auf zurück zum Camp. Das Abendessen haben wir uns an diesem Tag redlich verdient - fast zehn Kilometer sind wir durch das Gelände gewandert. Am Lagerfeuer klingt ein aufregender Tag aus.

2017-11-02-1509634839-390941-Pander_Bueffel__0392.JPG
Afrikanische Büffel im Sonnenuntergang

Im Land der Giganten

Die erste Woche ist schnell vorbei. Ein Shuttle-Service bringt mich nach Mashatu in ein weiteres Training Camp. Das Gebiet liegt im Tuli Block im Süd-Osten Botswanas, etwa eine Autostunde von der südafrikanischen Grenze entfernt. Das Land ist in Privatbesitz und gehört zum Schutzgebiet im Northern Tuli Game Reserve. Hier nehme ich an einem Kurs teil, der Trails Guides ausbildet. Diese künftigen Ranger sind mit ihren Gästen hauptsächlich zu Fuß in der Wildnis unterwegs.

Wieder übernachte ich in einem Zelt. Dieses Mal steht es direkt auf der Erde. Die Gruppe nimmt mich freundlich auf, ich fühle mich willkommen. Unsere Wanderungen werden intensiver, das Tempo zieht deutlich an. Die Vorlesungen und damit auch das Lernpensum sind anspruchsvoller und auf dem Stundenplan stehen auch Schießübungen. Die Gruppe arbeitet zielstrebig auf die Prüfungen am Ende des Kurses hin.

2017-11-02-1509634967-3121665-Pander_Zelt_0614.JPG
Elefantenabdrücke im Boden beim Zelt

Inzwischen habe ich mich an die Geräusche der nächtlichen Besucher gewöhnt. Fast täglich bekommen wir im Camp Besuch von Elefanten, die sich im Schutz der Nacht durch das letzte Grün der Büsche fressen. Zu meiner Freude höre ich eines Nachts die tiefen Atemzüge eines schlafenden Elefanten neben meinem Zelt. Er fühlt sich offenbar so sicher, dass er sich für ein paar Stunden entspannt auf die Erde legt. Am nächsten Morgen sehe ich den Abdruck seines Körpers im Sand. Abgerissene, verstreut herumliegende Zweige sind stumme Zeugen seines Nachtmahls.

2017-11-02-1509635110-7190123-Pander_Mashatu_Tree_0085.JPG
Nyala Berry, Mashatu, Botswana

Mashatu ist das Land der Giganten: Elefantenherden, riesige Nyala Berries, die auch Mashatu Bäume genannt werden und Baobabs in grandioser Landschaft. Im Gegensatz zu Makuleke ist sie offener, weitläufiger und noch trockener. In dieser Gegend hat einst Cecil John Rhodes versucht, einen Teil der Strecke des Eisenbahnprojekts von Kapstadt nach Kairo zu verwirklichen. Doch Topographie und Klima erwiesen sich als ungeeignet für ein derartiges Projekt. Von seinem Besuch zeugen die Initialen auf einem einzeln stehenden Baobab auf Mmamagwa, einer kulturell für die Gegend bedeutsamen und beeindruckenden Felsformation.

2017-11-02-1509635163-9211916-Pander_Baobab_0772.JPG
Baobab auf Mmamagwa, Mashatu, Botswana

Mmamagwa - magischer Ort

Der Blick von oben in die weite Landschaft ist atemberaubend. Vor tausenden von Jahren haben von hier Menschen ihre Umgebung nach Beute oder Feinden abgesucht. Ihre Spuren und Artefakte sind geblieben. Zeitlos trifft es am besten - als hätten die frühen Bewohner ihr Leben an diesem Ort erst gestern verlassen. Das Gebiet gehört zum Einzugsgebiet von Mapungubwe, einem archäologisch besonders bedeutsamen Gebiet in Südafrika. Dort entstand um 1220 nach Christus das erste Königreich des südlichen Afrika.

Früh am Morgen starten wir eine unserer Wanderungen von hier. Kaum ein paar Meter haben wir zurückgelegt, da entdeckt unser Ausbilder frische Leopardenspuren. Spannung liegt in der Luft. 200 Meter entfernt fliegen Vögel auf und stoßen Warnrufe aus. In der Felswand direkt vor uns ist ein Jäger unterwegs - die Frage ist nur welcher? In einer Reihe stehen wir da, die Ferngläser an den Augen und sind mucksmäuschenstill. Es dauert keine fünf Minuten, dann hat der erste den Leoparden entdeckt, ein paar weitere Minuten später schon den zweiten. Auf einem Fels bequem ausgestreckt ruht sich anmutig ein Leopardenweibchen aus. Etwas weiter unterhalb ein graues, viel größeres Männchen. Ein beeindruckender Anblick. Immer wieder entziehen sie sich unseren Blicken. Angeblich sieht man einen Leoparden nur, wenn dieser auch gesehen werden will. Offenbar haben wir heute doppelt Glück.

2017-11-02-1509635216-2677775-Pander_Leopardin_0639.JPG
Leopardin, Mashatu, Botswana

Schießen will gelernt sein...

Abends kommt die Ankündigung: morgen ist Schießtraining. Alle fahren mit. Nicht auf einen Schießstand, sondern in die freie Natur an einen Ort hinter dem 'Secret Valley', dem verborgenen Tal - passend für den Zweck, wie ich finde. Wir sichern das Gelände mit roten Fähnchen ab, sollte sich wider Erwarten doch ein Safarifahrzeug mit Touristen hierher verirren. Dann bauen wir die Stellwände mit den Zielscheiben auf. Jeder bekommt Ohrstöpsel, denn Gewehrschüsse sind laut. Die Munition erscheint mir riesig - "das muss so" wird mir versichert, denn im Ernstfall soll sie Menschen vor angreifenden Elefanten, Büffeln, Löwen und anderen großen Tieren schützen. Aktiv gejagt wird nicht. Die Waffe kommt nur zum Einsatz, wenn sie die letzte und einzige Möglichkeit zum Schutz darstellt. Ich ringe mit mir, ob ich das Schießen ausprobieren soll. An sich lehne ich den Gebrauch von Schusswaffen ab. Einer nach dem anderen absolviert seine Übungen. Ich bin an der Reihe und gebe mir einen Ruck, setze mir die Kopfhörer auf und lasse mich von unserem Ausbilder in die Technik einweisen. Das Gewehr ist sehr schwer. Ich lade drei Patronen, lege an, ziele und drücke ab - der Rückstoß ist enorm. Drei Treffer - für einen Erstversuch beachtlich. Am blauen Fleck an der Schulter habe ich eine Woche Spaß. Ich belasse es bei dieser einmaligen Erfahrung.

2017-11-02-1509635785-7663506-Pander_Elefant_0682.JPG
Elefant verspeist dornige Akazien

Direkt auf die Raubkatze zu

Eine gefühlte Ewigkeit gehen wir nun schon über die rote, staubtrockene Erde. Bei jedem Schritt steigen kleine Wölkchen auf. Im Gepäck tragen wir die notwendige Verpflegung: Wasser, ein bisschen Proviant, eine Kopfbedeckung, Sonnencreme, Erste-Hilfe-Tasche, Fernglas und Kamera. Es scheint ein ruhiger Morgen zu werden - gesehen haben wir bislang nur ein paar Perlhühner, Paviane, Kudu Antilopen und zwei aufgeregte Warzenschweine. Still und einen Fuß fest vor den anderen setzend, hängt jeder seinen Gedanken nach oder beobachtet die Umgebung. Ein Brüller aus einem der dichten Büsche schräg vor uns zerreißt die Stille - keine 30 Meter entfernt. Jemand ist zu Hause und fühlt sich von uns gestört. Spuren hatten wir keine entdeckt, dennoch wissen wir jetzt: im Busch sitzt eine verärgerte Löwin. Deutlich gibt sie uns zu verstehen, dass wir hier unerwünscht sind. Wir lassen uns das nicht zwei Mal sagen und ziehen uns langsam in die Richtung zurück, aus der wir gekommen sind. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren und davon rennen. Das wäre das falsche Signal für das Raubtier und könnte es zum Angriff animieren. Großräumig umrunden wir das Gebüsch und setzen unseren Weg fort.

2017-11-02-1509635944-7724343-Pander_FieberwaldPause_0068.JPG
Pause im Fieberwald, Makuleke, Südafrika

Entlang des Motloutse folgen wir auf felsigem Untergrund jahrhundertealten Elefantenpfaden durch diese archaische Landschaft. Der Duft von wildem Beifuß liegt in der Luft. Wo sich die Flüsse Motloutse und Limpopo treffen, machen wir Rast. Hier gibt es noch ein paar wenige Wasserlöcher im sonst trockenen Flussbett. Sie werden regelmäßig von Elefanten aufgesucht. Wir setzen uns auf die Felsen und warten. Langsam nähert sich eine Herde durch die Mopane Sträucher. Immer wieder fasziniert mich, wie diese riesigen Tiere es schaffen, fast lautlos aus dem Gebüsch aufzutauchen - plötzlich sind sie einfach da. Ein winziges Baby, gerade ein paar Stunden alt, wird von der Mutter liebevoll beim Abstieg ins Flussbett unterstützt. Es ist noch ganz wackelig auf den Beinen. Die Herde strahlt eine Ruhe aus, die sich auf uns überträgt. Ich vergesse die Zeit - stundenlang könnte ich hier einfach nur sitzen und den Dickhäutern zuschauen.

2017-11-02-1509635295-9682559-Pander_Walking_0335.JPG
Wandern in der Wildnis, Mashatu, Botswana

Umweltbewusstsein ist wichtig

Im Klassenzimmer "Wildnis" lernen wir viel über das Ökosystem, in dem wir uns bewegen und seine Besonderheiten. Schutzgebiete sind Rückzugsräume. Jedes Lebewesen hat seinen Platz und trägt seinen Teil zum Erhalt bei. Wasser ist hier ein knappes Gut und Wilderei ist ein Problem. Vor allem aus den ärmeren Regionen außerhalb der Schutzzone und der Nachbarländer Simbabwe und Südafrika kommen Menschen und legen Fallen aus. Mehr als eine sammeln wir unterwegs ein und bewahren so ein Tier vor einem qualvollen Tod. Der Druck auf die geschützten Gebiete nimmt stetig zu. Weltweit drängen Armut, Gier nach Rohstoffen, Bevölkerungswachstum, und Ausbeutung die Wildnis zurück. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Menschen den Bezug zur Natur wieder herstellen und Möglichkeiten der Umweltbildung nutzen. Wird der Wert intakter Natur erkannt, gelingt es leichter, sie zu schützen.

2017-11-02-1509635342-8552889-Pander_Falle_0542.JPG
Unschädlich gemachte Schlinge

Vier Wochen verbringe ich mit Naturbeobachtung und Wandern in einer faszinierenden Umgebung. Dann heißt es Abschied nehmen für mich. Alle meine Erwartungen haben sich erfüllt: ich bin Elefanten, Löwen, Leoparden, Büffeln, Antilopen und vielen anderen Tieren begegnet. Durfte inmitten atemberaubender Landschaft faszinierende Sonnenuntergänge sehen. Habe mir ein fremdes Ökosystem erschlossen auf die meiner Meinung nach beste Art und Weise: zu Fuß. Ich bin eingetaucht mit allen Sinnen in diesen Lebensraum und verstehe, warum es so wichtig ist, dieses Kleinod, diese Wildnis zu schützen. Einen weiteren positiven Effekt hatte meine Reise in den Busch: Bereits nach wenigen Tagen bin ich ihn los, den Großstadtstress. Meine Sinne sind wieder wach. Entspannt bin ich und glücklich, dass ich Zeit an diesen magischen Orten verbringen konnte.

2017-11-02-1509634245-1127040-Pander_Baobab_0304.JPG
Baobab, Mashatu, Botswana

Die Reise fand mit freundlicher Unterstützung von EcoTraining Südafrika statt.

More: www.heikepander.com