Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Heike Pander Headshot

„Landunter" in Bonn

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

2016-06-05-1465148969-7038141-IMG_8240.jpg

Am gestrigen Samstag trat im Stadtteil Mehlem der Mehlemer Bach, ein kleines und sonst eher unscheinbares Rinnsal, ĂĽber die Ufer. Der alte, enge Kanal war mit den Wassermassen ĂĽberfordert, Keller liefen voll. Nach 2010 und 2013 war es fĂĽr die Menschen in Mehlem die dritte Ăśberschwemmung in relativ kurzer Zeit.

Am Nachmittag gegen 17 Uhr hörten wir auf dem Weg zu einer Feier die Sirenen der Feuerwehrfahrzeuge, die in Richtung Mehlem unterwegs waren. Wir dachten uns noch „so schlimm war der Regen doch diesmal gar nicht" und fuhren weiter.

2016-06-05-1465149023-9978788-IMG_8245.jpg

Heute sahen wir die Bescherung beim Sonntagsbrötchen holen: der Ortskern in Mehlem ist abgesperrt, überall blockieren Fahrzeuge von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk die Straßen. Lange Schläuche wurden ausgelegt, Generatoren arbeiten auf Hochtouren.

Wassermassen ĂĽberfordern Infrastruktur

Das Wasser kam dieses Mal aus höher gelegenen Gegenden aus dem Wachtberger Raum auf den kleinen Ortsteil zu. Die alte und viel zu eng dimensionierte Kanalisation schaffte es nicht, die Wassermassen aufzunehmen. Zu allem Übel riss weiter unten in Höhe der Rüdigerstraße aufgrund des enorm hohen Wasserdrucks ein Kanal.

2016-06-05-1465149084-6908926-IMG_8253.jpg

Das austretende Wasser floss nicht mehr geordnet in den Rhein sondern unterspülte einige Häuser. Die Anwohner mussten evakuiert werden. Inzwischen konnten einige wieder in ihre Häuser zurück kehren. Bei zwei Häusern wird das weitere Vorgehen noch abgestimmt.

Weitere Schäden befürchtet

Die Stadt befürchtet weitere Risse im Kanal, denn Gewitter sind für den Sonntagnachmittag vorhergesagt. Der Rhein führt derzeit ebenfalls Hochwasser, die Wassermassen aus dem Mehlemer Kanal können nicht richtig abfließen. Infolgedessen kann auch der Kanal nicht zuverlässig untersucht werden.

2016-06-05-1465149145-6151274-IMG_8258.jpg

Das Aufräumen in der Mainzer Straße am Mehlemer Bachs läuft auf Hochtouren. Auch am Nachmittag werden noch immer vollgelaufene Keller leergepumpt. Erste Müllberge türmen sich am Straßenrand. Wer kann, hilft sich mit kleinen Generatoren selbst und pumpt das Wasser in die Kanalisation.

Nächste Gewitterfronten ziehen auf

Während sich am Himmel schon die nächste Gewitterwand aufbaut und noch die Schäden des Vergangenen Abends beseitigt werden, bereiten sich die Mehlemer auf die nächste Welle vor. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk haben vorsorglich weitere Pumpen installiert, um bei erneutem Hochwasser den Druck vom überfüllten Kanal zu nehmen.

2016-06-05-1465149193-3565883-IMG_8270.jpg

Einige Ladenbesitzer vermuten, dass es dieses Mal Geschäfte etwas weiter oberhalb vom Bach treffen könnte. Die von der Feuerwehr zur Verfügung gestellten Sandsäcke sind nach kürzester Zeit verteilt.

Zwischen den Aktivitäten tummeln sich Schaulustige, die sich selbst ein Bild von der Lage machen wollen. Die Eisdiele im Ortskern hat Hochkonjunktur. Sie ist selbst Opfer des Hochwassers - der Keller war am Vorabend vollgelaufen.

Vorbeugen zahlt sich aus

Anwohner Reinarz lebt direkt am Mehlemer Bach. Auch ihn hat es in diesem Jahr wieder erwischt. Allerdings lange nicht so schlimm wie in den letzten Jahren. Er hatte GlĂĽck. Eine aufmerksame Nachbarin warnte ihn rechtzeitig. Er brachte seine Fahrzeuge aus der Gefahrenzone in Sicherheit und schloss die Wasserschotten am Haus.

2016-06-05-1465149242-47668-IMG_8251.jpg

„Der Mehlemer Bach kommt mir nicht noch einmal ins Haus" sagt er entschlossen und zeigt auf seine Schotten. „Ich habe gut vorgesorgt und mir den Hochwasserschutz einbauen lassen". Eine weise Entscheidung, denn dieses Mal wurde nur die Wiese im Garten geflutet.

Situation im Griff

Die Helfer haben die Situation im Griff. Obwohl dies auch kommuniziert wird, machen sich die Anwohner Sorgen. Das GerĂĽcht ist im Umlauf, dass bei einer weiteren Ăśberschwemmung das Hochwasser aus dem ĂĽberfĂĽllten Kanal abgepumpt und ĂĽber die SiegfriedstraĂźe in den Rhein abgeleitet werden solle.

2016-06-05-1465149288-1784601-IMG_8250.jpg

Ein Feuerwehrmann entschärft sofort und erklärt geduldig, dass im Bedarfsfall Wasser unterirdisch über einen weiteren Kanal geleitet wird, der genug Kapazität hätte, um die Anliegerstraßen nicht zu gefährden. Besonders Misstrauische haben sich trotzdem vorsorglich mit bereitgestellten Sandsäcken versorgt, die für andere Einsatzzwecke gedacht waren.

Das Rote Kreuz versorgt die Helfer mit Lebensmitteln. Alleine gestern wurden 600 warme Mahlzeiten und heute 500 FrĂĽhstĂĽcke verteilt. Personen wurden in Mehlem zum GlĂĽck keine Verletzt.

Entlastungskanal lässt auf sich warten

Neben Frustration ist Unmut in Mehlem bei den Anwohnern deutlich zu spĂĽren. Vom Entlastungskanal im kleinen Park, der an den Mehlemer Ortskern angrenzt, ist die Rede. Die Bauarbeiten sind seit einiger Zeit im Gange, zwei Baubabschnitte sind fertig. Ab 2017 sollte der neue Kanal Entlastung und besseren Schutz vor Ăśberschwemmungen bringen.

Die Bauarbeiten verzögerten sich. Nach derzeitiger Planung wird das letzte Teilstück erst 2018 fertiggestellt. Bürgermeister Ashok Sridharan war schon da, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Nun hofft man in Mehlem, dass die Stadt ein Einsehen hat und die Arbeiten schneller zum Abschluss bringt.

2016-06-05-1465149351-4997207-IMG_8277.jpg

Auch Godesberg trifft es schwer

Aber nicht nur Mehlem hat es dieses Mal getroffen - auch in Bad Godesberg schlugen die Starkregenfälle aus dem Meckenheimer Raum zu. Der Godesberger Bach trat über die Ufer und überflutete die Godesberger Innenstadt. Drei Personen wurde verletzt.

Besonders hart traf es neben zahlreichen Kellern auch die Fronhofer Galerie. Das dortige Parkhaus stand komplett unter Wasser. Das eintretende Wasser löste an einer Stromverteilerstation Kurzschlüsse aus, die Stromversorgung wurde unterbrochen. Zeiweise waren 1.000 Haushalte betroffen.

Seit Samstag ist die Feuerwehr mit bis zu 700 Personen in Mehlem und Godesberg im Einsatz. Die nächste Unwetterwarnung ist raus, Regen hat schon eingesetzt. Die Lage ist angespannt - bleibt zu hoffen, dass es für die betroffenen Regionen glimpflich ausgeht.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: