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Festa dell Opera - Brescia im Ausnahmezustand

21/10/2015 13:16 CEST | Aktualisiert 21/10/2016 11:12 CEST

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Capitolium, Mitternachtsvorstellung

Wenn die Temperaturen im September wieder angenehmer sind, findet in Brescia das Festa dell Opera statt. Ansonsten eher beschaulich, zeigt sich die Stadt in einem ganz anderen Licht: reges Treiben belebt die Straßen, Plätze und Innenhöfe. Offen präsentiert sich die Oper dem Volk, nicht hinter verschlossenen Türen - jeder ist willkommen, denn die Veranstaltungen sind kostenlos für alle.

Nicht nur das mittelalte, etablierte und wohlsituierte Bürgertum sondern Jung und Alt und sogar Haustiere sind mit von der Partie, wenn Brescia die Oper zelebriert. Den ganzen Tag finden an den verschiedensten Orten - auf Balkonen, in Innenhöfen, auf den über die Stadt verteilten Piazzas und sogar im innerstädtischen Weinberg - Opernevents statt. Bekannte Künstler genauso wie Newcomer geben sich an diesem Tag ein Stell-dich-ein, wenn das Festa dell Opera seinem Namen alle Ehre macht.

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Konterfei Maria Callas

Gesangsgenuß bevor der Hahn kräht

Brescia, eine sonst eher beschauliche Stadt, verwandelt sich am Tag der Festa dell Opera in ein lebhaftes, pulsierendes Opernzentrum - fröhlicher Ausnahmezustand bestimmt das Stadtbild. Gezeigt werden nicht nur die beliebten Klassiker von Puccini oder Verdi sondern auch Stücke der zeitgenössischen Oper. Bereits zum Morgengrauen erfreuen die ersten Gesänge am Teatro Romano das Ohr.

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Schulorchester, Palazzo della Loggia

Eine Arie im Bus

Geschäftiges Treiben belebt die Stadt - buntes Volk drängt sich durch enge mittelalterliche Gassen und über historische Piazzas, vorbei an antiken Tempelresten, Renaissancefassaden, barocken Kirchen und den Resten faschistischer Architektur.

Zwischen Einkäufen, beim Essen oder Flanieren in den einladenden Einkaufsstraßen lauscht man verzaubert Opernklängen aus unterschiedlichsten Stücken. Bis nach Mitternacht findet Oper an unerwarteten Orten statt: auf dem Balkon, im Bus, im Weinberg, auf Pflegestationen im Krankenhaus, im Kaufhaus, in Kirchen, Innenhöfen, Privathäusern, im Teatro Grande, Teatro Romanum und zu guter Letzt auch am Capitolium.

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Fresken im Nonnenchor, ehem. Benediktinerkloster San Salvatore

Eine Stadt mit Geschichte

Auf fast 3000 Jahre Geschichte blickt die lombardische Bezirkshauptstadt. Strategisch günstig liegt sie zwischen Mailand und Verona, nur etwa 20 Autominuten vom Gardasee und selbst Venedig ist in weniger als zwei Stunden zu erreichen.

Das historische Stadtzentrum beherbergt zahlreiche Kunstschätze und architektonische Sehenswürdigkeiten. Besonders stolz ist man in Brescia sowohl auf das antike römische Forum mit Capitolium und römischem Teatro als auch auf das ehemalige Benediktinerkloster San Sebastiano - Santa Giulia.

Das im Kloster gelegene Museum Santa Giulia beherbergt über 11.000 Kunstwerke und archäologische Fundstücke. Seit 2011 wird das Kloster zusammen mit Teilen des römischen Forums auf der Liste der UNESCO Weltkulturerbe geführt. Brescia macht jedoch nicht nur dank seiner Sehenswürdigkeiten von sich Reden. Es ist auch die Heimat des Mille Miglia, eines der bedeutendsten Oldtimerrennen weltweit.

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Teatro Grande, Außenansicht

Das Teatro Grande

Eine besondere Sehenswürdigkeit ist das Teatro Grande. In dessen Foyer konnte man in diesem Jahr zur Festa - wenn man zu den glücklichen gehörte, die rechtzeitig einen Platz ergattern konnten - eine gekürzte Version der Oper „La Traviata" von Guiseppe Verdi hören.

Der Raum war gut gefüllt mit Opernfans - diesen Höhepunkt in einem der schönsten Theater Oberitaliens lässt man sich nicht entgehen. Seit vier Jahren nimmt die Bevölkerung das Festa dell Opera begeistert an. Im Nachgang zum Opernevent gehen die Verkaufszahlen für Veranstaltungstickets im Teatro Grande jedes Jahr nach oben.

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Teatro Grande, Ehrentribühne

Das Foyer ist reich mit Fresken ausgestattet - doch das eigentliche architektonische Highlight ist der Innenraum im Empirestil. Das Teatro sollte zu Ehren von Napoleon Bonaparte, den man in Italien auch „Il Grande" nannte, Il Grande Teatro heißen.

Napoleon jedoch erschien nicht zur Eröffnung. Dies trug man ihm nach und strich das „Il" aus dem Namen. Heute ist es über die Landesgrenzen hinaus bekannt für hochkarätige Operninszenierungen und Konzerte.

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Teatro Grande, Bühne

Freude und Drama kompakt

Die Atmosphäre im Foyer ist heiter und gelöst, die Unterhaltung ist in vollem Gang, das Publikum in freudiger Erwartung. Das Flügelspiel von Alessandro Trebeschi leitet die Vorstellung ein. Jung und Alt wird still - die Künstler betreten ihre Bühne.

Dank der gekürzten Version geht es gleich zur Sache - während einer Feier in ihrem Haus bekommt Violetta (Anna Bordignon), Kurtisane im Paris des 19. Jahrhunderts, einen Hustenanfall und zieht sich in ein ruhiges Zimmer in ihrem Haus zurück.

Alfredo (Oreste Cosimo) nutzt die Gunst der Stunde und erklärt ihr seine Liebe. Sein Vater (Stefano Cianci) ist gegen die Liaison, macht den Liebenden das Leben schwer und hat erst ein Einsehen, als es längst zu spät ist.

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Teatro Grande, Foyer, 1. Akt, „La Traviata"

Das Publikum fiebert von Anfang an mit. Anders als in Deutschland zelebriert man hier die Oper und schnell wird es emotional. Gänsehaut pur. Ganz offen wischt man sich im Publikum die eine oder andere Träne aus den Augenwinkeln - nicht erst beim Finale, wenn Violetta tot in die Arme ihres verzweifelten Geliebten Alfredo sinkt. Begeisterter, nicht enden wollender Applaus beschließt die Aufführung - euphorisch feiert das Publikum die Künstler und nur ganz langsam leert sich der Raum.

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Teatro Grande, Foyer, Finale „La Traviata"

Oper wohin man hört

Weiter geht es zum nächsten „Opern Hot Spot". Von überall tönt schöne Musik - Chöre, Musikgruppen, Instrumental - und Gesangssolisten geben ihr Bestes. Sogar auf dem größten innerstädtischen Weinberg Europas kann man den Klängen aus dem Gefangenenchor der Oper Nabucco von Guiseppe Verdi lauschen. Zu übersehen ist das Festa dell Opera nicht - überall in der Stadt leuchten die großen Plakate von den Wänden - selbst das "Opernauto" ist dekoriert.

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"Opernauto", Festa dell Opera 2015

Eigens für dieses Großereignis schuf man eine Berlucchi Perlwein Sonderedition, die ganz zum Anlass passt. Das Konterfei von Maria Callas ziert den edlen Tropfen. Die große Operndiva des letzten Jahrhunderts lebte mit ihrem Mann Giovanni Battista Meneghini zwischen 1950 und 1959 in Sirmione, das zur Provinz Brescia gehört. Die Stadt macht sich die Nähe zur großen Callas für diesen Event geschickt zunutze.

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Perlweinedition „Festa dell Opera 2015"

Die Innenstadt ist klein und selbst beim Mittagessen in einer Osteria begegnet man den Protagonisten. Während des ganzen Tages tauchen sie an den unterschiedlichsten Orten der Stadt auf.

Am Mehrfamilienhaus gegenüber vom Grande Teatro tun sich im obersten Stock die Balkontüren auf - vier Künstler und Künstlerinnen verwöhnen das Publikum auf der Piazza mit ihrem Gesang.

Lebendig geht es zu - die Stimmen der Sänger mischen sich mit schreienden Säuglingen, Hundekläffen und den Geräuschen der Stadt. Das gehört zum Open Air Spektakel dazu und tut ihm keinen Abbruch. Vielmehr schmiedet die Geräuschkulisse in der Stadt des Eisens eine äußerst lebhafte eigenwillige Komposition von lebendigem Operngenuss.

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Balkone gegenüber vom Teatro Grande

Serenade zum Abendessen

Die Sonne verschwindet langsam hinter den Dächern, doch längst ist das musikalische Treiben nicht vorbei. Das Publikum, inzwischen hungrig, begibt sich in die zahlreichen Trattorias, Osterias, Cafés und Restaurants im historischen Zentrum. Bei den Klängen einer Serenade vom Balkon frönt es nun nicht nur der Oper sondern auch dem vorzüglichen italienischen Essen.

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Serenade vom Balkon

Krönendes Finale am Capitolium

Den festlichen Abschluss des Tages bilden Höhepunkte aus verschiedenen Opern, die klangvoll und mit berauschender Akustik im Capitolium, direkt am römischen Forum, gesungen werden. Glücklich schätzt sich, wer auf der Brücke vor dem antiken Forum in der ersten Reihe einen der begehrten Plätze ergattern kann.

Eindrucksvoll ist die Ausleuchtung, stimmgewaltig geben die Sänger noch einmal alles für den krönenden Abschluss. Tosender Applaus hallt über den Vorplatz. Kühl ist es geworden in den Gassen und genauso zügig, wie er sich zum Finale füllte, leert sich der Platz nun wieder. Ein langes und ereignisreiches Opernfest geht zu Ende.

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Abschlussvorstellung, Capitolium, römisches Forum

Die Pressereise der Autorin fand auf Einladung des Fremdenverkehrsbüro Brescia statt.

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