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Magic Beans, Flüchtlinge und zwei verliebte Kanarienvögel - die Bundeskunsthalle Bonn lädt ein ins Paradies

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Am 24.04.2015 öffnete die Bundeskunsthalle in Bonn ihre Pforten für eine ganz besondere Ausstellung: „Ärger im Paradies" - ein klangvoller Name, viel versprechend und kontrovers. 15 Künstlerinnen und Künstler erforschen Kunst und Natur, das Natürliche und das Künstliche.

Wo hört Natur auf, wo fängt das Künstliche an? Inbesitznahme, künstliche Landschaft, Garten und öffentlicher Raum im Gegensatz zum privaten Raum, sowie Verfremdung, die Zerstörung von Lebensraum und Verfall spielen eine zentrale Rolle.

Ort des Schauspiels ist das Paradies - unsere Erde. Der „Ärger" im Titel steht symbolisch unter anderem für negative Ereignisse, Erlebnisse und menschengemachte Katastrophen in diesem Paradies. Die Künstlerinnen und Künstler verschiedener Altersgruppen beziehen Standpunkte, provozieren, laden zum Mitmachen und zum Nachdenken ein.

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Farbige Tupfer vor Grauem Beton

Ein Vortrag von Rein Wolfs, Intendant und Kurator der Kunst- und Ausstellungshalle und von Susanne Kleine, Kuratorin der Ausstellung, gibt Aufschluss über Motive, Entstehung und Umsetzung des Ausstellungskonzepts. Die Ausstellung ist so konzipiert, dass sie verschiedene Räume in und um die Bundeskunsthalle mit einbezieht. Sie erstreckt sich über deren Foyer, den Vorplatz, den Innenhof und den Dachgarten.

Das Gebäude der Bundeskunsthalle gehört mit zum Konzept. Beispielsweise steht es in Beziehung zu den Zypressen in Töpfen, die auf dem Museumsvorplatz stehen, so Wolfs. Im Vortrag bringt er den Vergleich der Zypressen-Installation von Maria Loboda mit Soldaten, die vor einem festungsartigen Gebäude stehen. Im Innenhof ist eine Installation von Alvaro Urbano und Petrit Halilaj zu sehen. Sie heißt „For the Birds" - ein etwa 80 Meter langer Schlauch aus Maschendraht, der einem Kanarienvogelpärchen als Freifluganlage dient. Um den Vögeln ein annähernd angenehmes Lebensumfeld zu schaffen, wurden eigens ein Ornithologe und ein Veterinär als Berater bei der Umsetzung des Werks hinzugezogen.

Der Drahtschlauch ist mit einer Fensternische zur Bibliothek verbunden, die für die Vögel als Rückzugsraum dient. Arancia und Verde, die beiden Kanarienvögel, können tagsüber den Innenhof und einen Teil des Dachs der Kunsthalle aus der Vogelperspektive erkunden.

Dabei liefern sie den Zuschauern bewegte farbige Tupfer, die sich entlang des monochromen Gebäudes bewegen. Mit etwas Glück bescheren sie der Ausstellung auch Nachwuchs, der freudig erwartet wird.

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Die Verlorene Landschaft

Das Paradies kann Vieles sein - natürliche Landschaft aber auch eine nicht natürliche Umgebung wie der Dachgarten des Museums. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Eine Rolle spielt, was der Mensch mit dem Paradies anstellt. Einige der Werke haben eine politische Konnotation - sie thematisieren die aktuelle Flüchtlingsdebatte in Deutschland oder weisen auf Folgeschäden von Konflikten und Auseinandersetzungen hin.

So beispielsweise die Minigolfanlage von Ina Weber auf dem Dach der Kunsthalle. Sie kann tatsächlich zum Spielen genutzt werden. Die Spieler sind allerdings mit Nachbildungen von kriegsbeschädigten Gebäuden konfrontiert und müssen die Bälle in und um die Ruinen spielen. Im Dachgarten stehen auch 50 abgebrannte und abgestorbene Bäume aus einem Waldstück in Georgien, das 2008 während des Kaukasuskrieges verbrannte.

Vajiko Chechkhiani präsentiert mit „The Missing Landscape" die toten Bäume wie Zeitzeugen. Sie stehen stellvertretend für zu Schaden gekommene unbeteiligte Zivilisten. Menschliche und pflanzliche. Stellvertretend für das Paradies kann in dieser Ausstellung auch das Abstrakte stehen.

So wird aus der Morgenröte von Thea Djordjadze eine symbolhafte Skulptur, die auf dem Dach des Museums zu finden ist. Sie definiert den Raum und die Beziehung zwischen Objekt und Betrachter.

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Kunst Entsteht an der Person

Einige der Installationen werden erst durch die Interaktion mit den Besucherinnen und Besuchern zum Kunstwerk. Vor dem Museum am ehemaligen Bushaltehäuschen von Michael Sailsdorfer, auf dem Dach beim Gesangsgeschenk von Tino Seghal, bei den Heuballen von Michael Beutler, der Minigolfbahn oder der T-Shirt Installation von Rirkrit Tirvanija in Foyer ist die Mitwirkung der Besucher gefragt.

Auf vier Metallplatten, die wie Spiegelflächen glänzen, präsentiert Tiravanija große Haufen mit weißen, bedruckten T-Shirts. Ganz im Sinne der Tradition „Symbole der Demokratisierung" nutzt der Künstler die Kleidungsstücke. Seit den 1970er Jahren dienen sie als Träger von Sprüchen der freien Meinungsäußerung.

Das eigentliche Kunstwerk entsteht allerdings erst, wenn die Person, die sich das T-Shirt ausgesucht hat, es auch anzieht und in die Welt hinausträgt. Dies führt dazu, dass sich die Skulptur im Lauf der Ausstellung verändert.

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Sichtbar verändern wird sich auch das Werk „Astronauts Saw My Work and Started Laughing" von Petrit Halilaj.

Auf dem Dach stellt er mit seinem lebenden Bodenzelt aus „Magic Beans" auf Erde einen Bezug zum Thema Heimat her. Die Bohnen wachsen schnell an den Schnüren entlang. Zur Zeit stellt das Zelt noch einen öffentlichen Raum dar. Sobald das Laub der Bohnen dicht genug gewachsen ist, wird aus dem öffentlichen ein privater Raum. Auf der Rückseite des Zelts gibt es einen Eingang. Der Raum soll so viel Privatsphäre bieten, dass sich zwei Liebende darin lieben könnten.

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Heimatliche Küche bewahrt Identität

Auch die 10-stufige, treppenförmige Skulptur von Christian Philipp Müller im Außenbereich gegenüber dem Aufgang zum Dach der Bundeskunsthalle wird sich im Verlauf der Ausstellung verändern. Mit seinem Werk „Observatorium" bezieht er sich auf die Anzahl der Asylanträge, die 2014 in Deutschland gestellt wurden.

In der Skulptur sind die Länder mit der höchsten Flüchtlingsquote in Deutschland repräsentiert. Syrer sind mit 22,7 % mit Abstand die höchste Gruppe. Gefolgt von Menschen aus Serbien, Eritrea, Afghanistan, Albanien, dem Kosovo, Bosnien und Herzegowina sowie Mazedonien, Somalia und dem Irak.

Jede Stufe repräsentiert ein Land aus dem Asylsuchende stammen und ist bewachsen mit einer anderen Pflanzenart. Die Samen der Pflanzen stammen aus den Herkunftsländern, beispielsweise Kichererbsen aus Syrien oder Hirse aus Eritrea. Mit seiner Skulptur berührt der Künstler verschiedene Aspekte der Flüchtlingsthematik.

Er setzt sich auseinander mit der Frage nach Heimat, Zugehörigkeit und Identität. Die Nutzpflanzen spielen als Zeichen für gelebte Kultur eine zentrale Rolle. Heimatliche Küche kann so zu einem Stück bewahrter Identität werden.

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Durch die Blume Gesagt

Zum Abschluss dieser Ausführung reicht Maria Loboda ihren Blumenstrauß. Zu sehen ist dieser im Foyer der Kunsthalle. Er heißt den Gast Willkommen, ist schön anzuschauen, erfreut das Auge und bereitet Wohlgefühl. Irritation könnte auftreten, wenn man die Beschreibungen der Pflanzen liest.

Die Künstlerin verwendet in ihrer Installation Gewächse, die allesamt eine negative Bedeutung haben. Sie werden als Synonyme für Krieg, Eifersucht, Arroganz, Verachtung usw. verwendet. So werden - durch die Blume gewissermaßen- eher Schmähungen transportiert statt der erwarteten wohlgemeinten Geste.

Nicht alle Künstler fanden im Text Erwähnung. Ihre Leistung, ihre Kreativität und ihre Werke werden dadurch nicht geschmälert. Die Ausstellung ist sehenswert, gut konzipiert, wohl durchdacht und inspirierend.

Bis zum 11. Oktober können sich Besucherinnen und Besucher noch mit den Werken von Michael Beutler, Vajiko Chachkhiani, Thea Djordjadze, Petrit Halilaj, Maria Loboda, Christian Philipp Müller, Olaf Nicolai, Tobias Rehberger, Natascha Sadr Haghighian, Michael Sailstorfer, Tino Sehgal, Rirkrit Tiravanija, Alvaro Urbano und Ina Weber auseinander setzen.


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