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Leben wir in einem "entsicherten Jahrzehnt"?

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ARMUT DEUTSCHLAND
Reuters
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Leben wir in einem "entsicherten Jahrzehnt"?

In einer Zeit, in der nach den ersten Atomunfällen, einer Finanzkrise, verbunden mit den entsprechenden Auswirkungen auf die europäischen Arbeits- und Immobilienmärkte, wachsenden Sorgen aufgrund des Klimawandels und nicht zuletzt einer europäischen Krise, die u.a. durch eine hohe Anzahl von Geflüchteten aus den Krisengebieten der Welt entstanden ist, ist es da übertrieben von einem "entsicherten Jahrzehnt" (so Heitmeyer jüngst in einem Vortrag im Rahmen des NRW-Dialogs) zu sprechen? Welches sind die Quellen der (Un-)Sicherheit, die im Mittelpunkt der Debatte stehen?

Die Angst vor dem Abstieg

Da ist zunächst die Angst vor dem ökonomischen und sozialen Abstieg. Schon lange stellt die Wissenschaft eine zunehmende soziale Polarisierung und damit das Auseinanderdriften von Arm und Reich fest.

Armut ebenso wie Reichtum werden in Deutschland mehr noch als in anderen Wohlfahrtsstaaten vererbt. Insbesondere die Kinderarmut, dies zeigen u.a. die Studien der Freien Wohlfahrtsverbände, ist in den letzten Jahren überproportional gestiegen.

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Die Stadtsoziologie stellt zudem eine sozial-räumliche Segregation fest, was bedeutet, dass sich sowohl innerhalb der Städte als auch in Bezug auf ganze Regionen die ärmeren Bewohner (und mit ihnen die Kinder) in bestimmten Räumen konzentrieren. Segregation meint die ungleiche Verteilung von Menschen mit bestimmten Merkmalen (Einkommen, Bildungsstand, Herkunft) über eine Stadt oder auch Region.

Diese ungleiche Verteilung ist kein Zufall: Ärmere Menschen wohnen dort, wo sie günstigeren Wohnraum finden; Menschen im erwerbsfähigen Alter zieht es dort hin, wo sie Arbeitsgelegenheiten vermuten. So nehmen vor allem Entwicklungen auf den Arbeits- und Wohnungsmärkten Einfluss auf die Verteilung von Armut und Reichtum in der Stadt und in den Regionen der Länder.

Die Angst vor Kriminalität

Das in der Öffentlichkeit wohl dominierende Thema ist jedoch die Furcht vor Kriminalität. Dies insbesondere in den Teilen der Städte, in denen Armut und soziale Probleme besonders sichtbar sind. Zum Beispiel die Dortmunder Nordstadt: So genannte "Problemimmobilien", d.h. Häuser, die von ihren Eigentümern vernachlässigt wurden, lassen den Eindruck entstehen, hier sei es nicht sicher.

Die Sichtbarkeit von Problemen wie Alkoholismus, Drogenkonsum ("Incivilities") oder einfach nur der Armut lassen den Eindruck entstehen, dass hier der soziale Abstieg und Vernachlässigung dominiere. In den Zeitungsberichten werden die Stadtteile aufgrund von Einsätzen der Polizei immer wieder als "No-go Area" betitelt (z.B. WAZ 16.02.16).

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Stadtteile wie die Dortmunder Nordstadt, aber auch wie das Ostend in Frankfurt, fungierten als "Nische" und Ankunftsstadtteil in der Stadtgesellschaft, wo über Jahrzehnte diejenigen einen (vorläufigen) Platz fanden, die sich als Zuwanderer erst einen Platz in unserer Gesellschaft erkämpfen müssen.

Wohnraum in zum Teil heruntergekommen Immobilien, in denen sich bis zu zehn Personen Schlafgelegenheiten auf wenigen Quadratmetern teilen - und die Vermieter damit auch bei geringen Kosten pro Person enorm profitieren. Sie und die Männergruppen auf der Straße, die als Tagelöhner jeden Tag aufs Neue auf eine Arbeitsgelegenheit hoffen, tragen ebenfalls dazu bei, dass diese Räume als unsicher empfunden werden.

"In Deutschland hängen Bildungskarriere und soziale Herkunft sehr stark voneinander ab."

Es ist eine Situation entstanden, in der in Städten wie Dortmund die Benachteiligten unserer Gesellschaft wie auch mittellose Zuwanderer aus mehreren Generationen in Stadtteilen leben, die selbst wiederum benachteiligend wirken.

PISA und andere Studien haben gezeigt, in welcher großen Abhängigkeit die deutschen Bildungskarrieren von der sozialen Herkunft stehen und dass ein sozialer Aufstieg innerhalb unserer Gesellschaft (insbesondere für Menschen mit Migrationshintergrund) sehr schwer möglich ist.

Gerade diese Ankunftsstadtteile sind es jedoch, die den Ruf der Stadt als "Integrationsmaschine" begründet haben. Stadtteile wie die Dortmunder Nordstadt leisteten über das Engagement vieler Menschen in zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüssen einen enormen Beitrag für die gesamtgesellschaftliche Integration.

Dies obwohl ihre Bewohner übermäßig von Arbeitslosigkeit betroffen sind, eine für die Zahl der Bewohner nicht ausreichende Infrastruktur vorhanden ist, die Schulen mit der sich darstellenden Situation überfordert bzw. nicht ausreichend ausgestattet sind und ein schlechtes Image des Stadtteils auch nicht zur Verbesserung der Situation beiträgt.

Die Politik hat die Integrationsaufgabe zu meistern

Seit der vermehrten Zuwanderung von Menschen aus den verschiedensten Ländern im letzten Jahr ist die kommunale, die Landes- und auch die Bundespolitik aufgefordert dafür zu sorgen, dass es nicht wiederum die Menschen in diesen Stadtteilen sind, die die Integrationsaufgabe zu schultern haben.

Im Gegensatz zu den Zuwanderern aus den osteuropäischen Ländern, die seit dem Jahr 2007 z.B. in die Dortmunder Nordstadt gekommen sind, werden die Flüchtlinge des Jahres 2015 auch von Akteuren aus der Wirtschaft als Hoffnungsträger einer Arbeitswelt begrüßt, in der Facharbeiter und junge Menschen fehlen.

Leben wir in einem "entsichernden Jahrzehnt"?

Andererseits wird mehr und mehr deutlich, wie weit der Weg von einem geflüchteten jungen Menschen mit einer hohen sozialen Verantwortung für und in der Familie bis zu einem in der Bundesrepublik ausgebildeten und dann hier arbeitenden Facharbeiter/einer Facharbeiterin ist.

Leben wir in einem "entsichernden Jahrzehnt"? Sicher ist diese Frage innerhalb weniger Sätze nicht befriedigend zu beantworten. Sicher ist jedoch, dass wir - aus wissenschaftlicher, politischer und zivilgesellschaftlicher Perspektive - in einem Jahrzehnt großer Herausforderungen leben, so dass es sich lohnt, hierüber nachzudenken.

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Marode Häuser, eine hohe Arbeitslosenquote und eine oft hohe Kriminalitätsrate: In einigen deutschen Städten gibt es heute Problemviertel und Brennpunkte. Haben wir in Deutschland ein Ghetto-Problem?

Gemeinsam mit Politikern, Pädagogen und Städtebeauftragten überlegen wollen wir den Fragen auf den Grund gehen: Wie kann der Problementwicklung entgegengewirkt werden? Ist sie das Ergebnis einer gescheiterten Integrationspolitik? Wer muss jetzt handeln?

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