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"Das Leid der Menschen ist kaum zu ertragen"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BERLINER TAFEL
Berliner Tafel, Dietmar Gust
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Seit elf Jahren arbeite ich als Ehrenamtliche für eine Berliner Tafel. Das Leid, mit dem ich dort fast tagtäglich konfrontiert bin, ist eigentlich kaum zu ertragen.

In meiner Ausgabestelle gibt es Menschen, die ich seit meinem allerersten Arbeitstag begleite. Seit zehn Jahren stehen sie ein Mal in der Woche in der Schlange vor unserer Tafel, um etwas Gemüse und Brot mitzunehmen. Seit über zehn Jahren leben diese Menschen in Armut. Mitten in der deutschen Hauptstadt.

Von 300 Euro kann doch niemand leben!

Alle reden gerade über Altersarmut und darüber, dass sie noch schlimmer werden wird, wenn wir unser Rentensystem nicht ändern. Dabei erschreckt es mich jetzt schon, wie viele Rentner zu uns kommen. Da hat ein Mensch sein ganzes Leben lang gearbeitet und bekommt dann im Alter 300 Euro im Monat. Von 300 Euro kann doch niemand leben!

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Ich denke an den älteren Mann etwa, der trotz schwerer Krankheit und Armut seinen Humor nie verloren hat. Ein Jahr kam er gar nicht und ich hatte schon befürchtet, unser lieber Herr Schneider (Name geändert) sei verstorben. Doch dann stand er eines Tages wieder in der Schlange vor meiner Lebensmittelausgabe. "Ich bin von den Toten auferstanden!", scherzte er. Ich freute mich, ihn zu sehen.

Wie kann es sein, dass Eltern zehn Jahre keine Arbeit finden?

Da ist aber auch eine junge Familie, deren Kinder ich an unserer Lebensmittelausgabe quasi aufwachsen sehen habe. Da frage ich mich schon auch: Wie kann es sein, dass es Eltern in zehn Jahren nicht möglich war, eine Arbeit zu finden, um für ihre Familie zu sorgen?

Und dann sind da die russischen Migranten, die plötzlich nicht mehr kommen, seit viele Flüchtlingsfamilien Lebensmittel bei uns holen. Die sehen da wohl einen Verteilungskampf. Sie haben Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird. Das ist für mich persönlich nur schwer nachzuvollziehen. Wir haben doch genug für alle! Woher kommt diese Ablehnung?

Doch diese Fragen würde ich nie laut aussprechen. Und das ist auch gut so.

Wir wollen den Menschen, die zu uns kommen, ein Gefühl von Würde vermitteln. Wer einmal seinen Hartz-IV-, oder Rentenbescheid abgegeben hat, wird von uns als Kunde bedient. Jeder ist willkommen. Wir reden über Belangloses, über Gemüse und das Wetter. Die Hintergründe, warum jemand zu uns kommt, bleiben Privatsache.

Würde ich den Kummer mit nach Hause nehmen, könnte ich nicht schlafen

Umgekehrt versuche auch ich, mich privat vor den Erlebnissen bei der Tafel zu schützen. Denn ich weiß: Wenn ich all den Kummer mit nach Hause nehmen würde, könnte ich keine Nacht mehr ruhig schlafen. Als Ehrenamtliche braucht man ein dickes Fell.

Ich habe das Gefühl, die Bundesregierung ruht sich auf den Lorbeeren der Ehrenamtlichen aus. Allein bei der Berliner Tafel und bei Laib und Seele arbeiten etwa 1900. Was wäre, wenn es uns nicht gäbe? Das will ich mir gar nicht ausmalen.

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Trotzdem liebe ich meine Arbeit: mein Team, den Umgang mit Menschen, die Vielschichtigkeit.

Durch den Tod meines Bruders war ich vor elf Jahren in ein tiefes Loch gefallen. Ich habe Ablenkung und einen Sinn gesucht und dachte mir: Warum kein Ehrenamt annehmen? Ich bin ein Mensch, der immer Action braucht. Heute sage ich: Ich habe damals wirklich "mein Ehrenamt" gefunden.

Die Ausgabestelle, die ich inzwischen leite, wird es die nächstes Jahr zehn Jahre lang geben.

Doch wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir Folgendes wünschen: Dass es irgendwann keine Tafeln mehr geben muss. Doch wenn ich mir die aktuellen Entwicklungen in der Rentendebatte so ansehe, wird mein Wunsch wohl erst einmal nicht in Erfüllung gehen.

Der Text wurde von Catherina Kaiser aufgezeichnet.

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(lp)