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Wie es sich anfühlt, wenn man nur noch sterben will

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DEPRESSION
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Manchmal gehe ich über die Straße, inmitten von Passanten, und wünsche mir, dass mich ein Bus überfährt. Ich schwelge in Tagträumen, in denen mir ein Arzt sagt, dass ich Magenkrebs habe und sterben werde.

Dann wäre endlich alles vorbei - und ich hätte keine Schuld. Perfekt. Wenn es nur nach mir und meinem Gefühl ginge, ich würde mich sofort umbringen. Mindestens sechs Monate im Jahr geht es mir so. Doch ich kann nicht anders, als mir auch Gedanken um meine Freunde zu machen. Und um deren Kinder.

Meine Patentochter ist sechzehn. Darf ich ihr das antun? Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich meinem Bedürfnis, mich töten zu wollen, nicht einfach nachgeben kann. Immer bin ich die Große, Vernünftige, die Erwachsene. So schreibe ich im Kopf lange Abschiedsbriefe, in denen ich meinen Freunden erkläre, warum ich nicht mehr kann. Dass ich die aktuellen Schmerzen nicht mehr ertrage und das Leid in meinem Horrorleben sowieso nicht mehr. Dass ich es einfach nicht mehr aushalte.

Den Rest der Zeit geht es mir dreckig

Ja, die Zeiten, in denen es okay ist, werden mehr. 2006 war es nur ein Monat. 2007 auch. 2008 waren es zwei. 2009 schon drei. 2010 immerhin vier Monate. 2011 schon sechs. Doch obwohl es besser wird, so ändert es nichts an der Tatsache, dass es mir den Rest des Jahres dreckig geht. Meine Grundstimmung ist mies. Ich bin immer traurig. Alles strengt mich über die Maßen an. Die Tage, an denen ich die Kraft für ganz normale Dinge habe, sind so selten.

Ich kann dann nicht früh aufstehen, duschen, mich eincremen, Zähne putzen, mich schminken, Frühstück zubereiten, arbeiten, mir Mittagessen machen, wieder arbeiten, Brote schmieren, essen und abends zum Sport gehen. Meine Energie reicht immer nur für Versatzstücke davon.

Ich muss nicht auf die Malediven fliegen oder direkt an der Außenalster wohnen. Alles, wovon ich träume, ist ein stinknormales Leben mit alltäglichen Sorgen und einem ausgeglichenen Gemüts- zustand. Denn ich weiß, dass ich mit meinem Leid sehr anstrengend bin.

Nicht umsonst verlassen mich immer wieder Freundinnen deswegen. Inzwischen ist der Mensch, dessentwegen ich die Schachteln mit den Tabletten, die ich schon in der Hand halte, schließlich doch weglege, mein Therapeut, Dr. Weston. Denn ihm kann ich mich am meisten so zumuten, wie ich wirklich bin: wahnsinnig aggressiv, empfindlich wie eine Mimose, ständig jammernd und klagend, über Monate hoffnungslos und immer gierend nach Zuneigung und Aufmerksamkeit.

Dann kommen wieder die Fantasien mit dem Bus

Das hält nur ein Professioneller aus. In den Phasen, in denen ich sterben will, geht das alles in meinem Kopf umher. Ich wäge ab, zerreiße mich in dem Für und Wider. Und dann kommen wieder die Fantasien mit dem Bus. Ich wäre dann tot, müsste keine Verantwortung mehr für mich über- nehmen und hätte endlich meine Ruhe. Denn ich will doch nur, dass es aufhört.

Solange das nicht passiert, überlege ich ganze Tage, wie ich mich am besten umbringen könnte, verbringe Nächte im Internet. Foren gibt es genug, doch keine klaren Angaben. Ich spiele im Kopf eine Option nach der anderen durch. Wie jemand, der eine Diät macht und immer nur ans Essen oder Nichtessen denkt. Die Pulsadern aufschneiden? Eine Möglichkeit, aber eine Riesensauerei. Zu heftig für den, der mich findet.

Erhängte sehen auch schrecklich aus. Wenn ich nur ein Auto hätte, vom Kohlenmonoxid bekommt man eine rosige Gesichtsfarbe. Eins mieten? Aber wo dann hinfahren, ich habe ja auch keine Garage. Und was für einen Schlauch bräuchte ich? Also Medikamente. In die Schweiz zu fahren, kann ich mir leider nicht leisten. Also muss ich anders herausfinden, wie viel Tabletten ich einnehmen muss. Antidepressiva sind in der Überdosis meist nicht tödlich. Mittlerweile weiß ich ziemlich genau, was ich nehmen müsste.

Ich grüble mich durch den Tag

Doch es bleibt ein Restrisiko. Wie viel ist genug? Wie viel ist todsicher? Was ist, wenn mich doch jemand findet und ich im Krankenhaus ein Gegengift bekomme? Wie lange muss ich also irgendwo liegen, damit ich nicht zurückgeholt wer- den kann? In der Woche geht es nicht, da merken es meine Freunde zu schnell. Also Samstag oder Sonntag. In einem Hotelzimmer? Beachten die Zimmermädchen auch ganz sicher das "Bitte-nicht- stören"-Schild? Soll ich vorher meine gesamte Wohnungseinrichtung verkaufen, damit niemand sich später darum kümmern muss? Müsste ich nicht auf jeden Fall erst alle meine Schulden zurückzahlen? So grüble ich mich unter Hochdruck durch den Tag.

Schon oft war ich sehr knapp davor, eine garantiert tödliche Überdosis zu nehmen. Ich glaube, ich habe es bisher nicht getan, weil es ein einsamer Akt ist. Wenn ich mir Robert Enke auf den Schienen vorstelle - schrecklich. Beim Sterben allein zu sein, das ist mit das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Also tröste ich mich am Ende des Tages, im Halbschlaf, mit dem Bild, dass ich unheilbar krank bin und alle an meinem Bett sitzen, während ich einschlafe. So müsste ich in diesem Moment nicht allein sein, wäre aber endlich erlöst.

Eine berauschende Fantasie. Manchmal träume ich auch davon, dass der Chefarzt meiner Klinik mich tötet. Ich stelle mir dann vor, dass er mir eine Spritze setzt und damit endlich zugibt, dass mein Leid zu schwer ist, um damit zu leben. In meiner Vorstellung würde es ihm nicht viel ausmachen. Im Gegenteil, er würde mich ja erlösen. Meine Vorstellungen unterscheiden sich sehr von der Realität, immerhin weiß ich das.

Weil mich die Gedanken des Für und Wider zerreißen, wünsche ich mir oft, ich wäre nie geboren. Wenn ich richtig verzweifelt bin, sehne ich mich nämlich so sehr nach meiner Mutter, dass ich es kaum aushalten kann. Ich sehne mich danach, getröstet, gewiegt und ins Bett gebracht zu werden. Ich könnte dann vor Schmerz laut schreien. Der Gedanke, dass ich, wäre ich nie geboren, nicht den Tod meiner Mutter hätte erleben müssen, erscheint mir eben- falls wie eine Erlösung.

Ein zermürbender Kampf

Ich wünsche es mir dann so sehr, dass ich vor dem Einschlafen tief in diese Fantasie eintauche und mir ganz genau ausmale, was ich alles nicht erlebt hätte. Im Halbschlaf gehe ich nacheinander die lange Kette der traurigen Ereignisse in meinem Leben durch. Sie reicht bis heute, ein lebenslanger, zermürbender Kampf. Ich muss aushalten, dass ich kein geborgenes Elternhaus hatte.

Dass sich meine erste große Liebe von mir getrennt hat. Auch die zweite. Dass ich, weil ich krank bin, schon mehrfach meinen Job verloren habe. Dass sich mittlerweile etliche Freunde von mir losgesagt haben. Dass ich nicht halb so viel leisten kann wie ein normaler Mensch. Dass ich deshalb finanziell nicht gut da- stehe. Und so vieles mehr.

Ich muss mich aushalten, aber das ist oft kaum möglich. Und ich bin es manchmal so leid, dass ich nur zu gern mein Leben dafür hergeben würde. Wenn ich es denn nur zurückgeben könnte.
Manchmal packt mich aber auch die Wut. Was haben sich mei- ne Eltern nur dabei gedacht, mich in die Welt zu setzen? Ich bin für niemanden existenziell wichtig. Und war es nie. Das ist mein ganzes Drama. Hätte ich doch nur eine Klagemauer. Eine Stelle, wo ich hingehen und mich beschweren könnte. Es ist nicht fair! Nicht gerecht! Und die Depressionen sind so was von überflüssig! Ihretwegen ist immer irgendetwas mit mir. Immer brauche ich was. Trost.

Aufmerksamkeit. Geld. Unterstützung. Wann bin ich schon mal leicht und unbeschwert? Oder wenigstens: normal? Es gab bislang nicht ein einziges Jahr, in dem ich nur Alltagssorgen hatte. Nicht mal ein halbes. Was wäre mir alles ohne dieses Leben erspart geblieben.

Einfach aussteigen

Ich hasse mein Leben. Ich wünschte, ich könnte daraus aussteigen. Oder es wenigstens zurückgeben. Immer muss ich bei mir sein, immer mit mir sein. Ich muss immer aushalten, was ich fühle. Meine Freunde können nach einem Treffen mit mir nach Hause gehen, sich wieder ihrem Leben zuwenden. Bei allem Mitgefühl können sie mich abschalten, ausschalten. Ich kann das nicht. Wenn ich wach bin, kommt natürlich das »Ja, aber«. Ich will ja leben.

Manchmal. Ich habe eine schöne Wohnung. Bin körperlich einigermaßen gesund. Es gibt Menschen, die mich sehr gern haben. Die ich sehr liebe. Ich habe inzwischen ein gutes the- rapeutisches und medikamentöses Netz. Doch dann kann ich es kaum ertragen, dass meine Freunde so ein normales Leben haben und ich nicht. Alle machen Karriere, bekommen Kinder, kaufen Wohnungen oder bauen Häuser.

Ja, auch Teile meines Lebens sind wirklich gut. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich würde all das sofort hergeben, um keine Depressionen und eine normale Fami- lie zu haben. Wenn ich könnte, würde ich mich sofort selbst zur Adoption freigeben.

Hin und wieder betrachte ich heimlich die Eltern von Freunden und denke: Bitte, nehmt mich! Und fühle mich dann wie ein Heimkind, das hofft, jenes Ehepaar, das sich gerade im Kinderheim umschaut, würde sich unter all den vielen Kindern für es entscheiden. Doch wer würde mich nehmen? Wer würde mich wollen? Auch dafür ist es zu spät.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Kalt erwischt" von Heide Fuhljahn. Es ist 2013 im Diana Verlag erschien.

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