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Ich war ein Jahr undercover unter Rechtsextremisten: Das habe ich über ihre Methoden gelernt

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Screenshot ITV
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"Wir dachten, du seist bei der Polizei."

Für einen Moment stehe ich da wie festgefroren - während ich mir eine überzeugende Antwort überlege, fangen meine Handflächen an zu schwitzen.

Mir gegenüber auf dem Sofa sitzt Martin Sellner, einer der Redeführer der Identitären Bewegung, und durchbohrt mich mit einem stählernen Blick. Ich befürchte, dass er mich durchschaut hat.

"Was echt?", stottere ich, ehe ich mich wieder fangen kann.

Vor einem Jahr habe ich mich für eine TV-Dokumentation undercover unter britische Rechtsextremisten gemischt, aber bis zu diesem Moment war ich nie in Gefahr aufzufliegen.

Ich habe Glück: Das Gespräch, das im Wohnzimmer eines rechten Aktivisten stattfindet, wendet sich einem anderen Thema zu.

Mehr zum Thema: Identitäre Bewegung: Das lächelnde Gesicht der Neuen Rechten

Sneakers statt Springerstiefel

Es war ein riskantes Unterfangen: Gemeinsam mit zwei anderen Frauen hatte ich mich verdeckt der britischen extremen Rechten angeschlossen, um zu verstehen, wie sie ticken und welche Rolle das Internet für die Verbreitung ihrer Ideologie spielt.

Die Menschen, mit denen ich in Kontakt stand, hatten mit dem Stereotyp des Springerstiefel tragenden Skinheads, der sich das Hakenkreuz auf die Brust tätowiert hat, kaum noch etwas gemeinsam. Die Neuen Rechten tragen hippe Klamotten und haben modische Frisuren.

Sie nutzen Facebook, Twitter, WhatsApp, Blogs und Podcasts, um junge Menschen für ihre Ideen zu begeistern. Vor allem Frauen fühlen sich von diesem neuen Image angesprochen.

Dass sie so normal wirken, hatte ich nicht erwartet. Auch nicht, dass sie mich so freundlich aufnehmen würden. Doch unter dem äußerlichen Glanz und der freundlichen Art versteckt sich die gleiche alte Gesinnung der Neonazis der 1990er.

Mehr zum Thema: Ich habe ein Jahr lang unter Rechtsextremen in den USA und Großbritannien gelebt - ihre Mordlust ist beängstigend

Neonazis in der britischen Politik

Mein erstes Treffen mit Anne Marie Waters fand während einer Wahlkampfveranstaltung in Rotherham statt. Waters bewarb sich um den Vorsitz in der rechtspopulistischen UKIP, derjenigen Partei, die den Brexit am lautesten gefordert hat.

Sie verpasste das Amt nur knapp. Waters kam mir zierlich, unaufdringlich und schrecklich nervös vor.

Diese F****r denken, sie können hier her kommen und sich alles nehmen

Allerdings hatte ich sie schon einmal bei einer Veranstaltung der nationalistischen und fremdenfeindlichen English Defence League reden hören.

Damals bezeichnete die Politikerin den Islam als Tötungsmaschinerie. Ich erkannte gleich, dass sie eine Begabung für Reden hat. Die Art und Weise, wie sie auftritt, zieht die Leute in ihren Bann.

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Nach und nach habe ich mich in ihr engstes Umfeld vorgearbeitet. Am Ende stand ich Waters so nahe, dass ich sie zu ihrem Parteitag gefahren habe - und ich kann euch sagen, die Meinungen, die sie privat äußert, sind noch viel bestürzender als das, was sie öffentlich sagt.

"Diese "F****r denken, sie können hier her kommen und sich alles nehmen. Wir müssen die muslimische Einwanderung umgehend beschränken", sagte sie ganz entspannt.

Es klang wie ein abstruser Wahlslogan - und in gewisser Weise war es das auch. Immerhin wollte diese Frau die fünftgrößte Partei in Großbritannien anführen.

Das war längst nicht alles: Sie deutete an, dass sie den bekannten britischen Neonazi Tommy Robinson in die Partei holen wolle: "Er kann zwar aufgrund seiner Haftstrafen für kein Amt kandidieren. Aber ich lasse ihn gerne beitreten."

Vom Facebook-Fan zum Chauffeur einer rechten Politikerin

Bis dorthin war es ein weiter Weg. Um an Waters heranzukommen, habe ich vermehrt auf ihre Facebook Posts geantwortet und meine Sympathie bekundet. Zudem bin ich zu Veranstaltungen gegangen, auf denen sie aufgetreten ist, in der Hoffnung, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Ich wollte mich in ihren inneren Kreis vorarbeiten.

Ungefährlich war das nicht. Denn um ein glaubwürdiger Bestandteil dieser anderen Welt zu sein, musste ich meine persönlichen Meinungen für mich behalten.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Weil Anne Marie aber sehr charismatisch und verständnisvoll rüberkommt, wirken ihre Ansichten besonders interessant. Ich musste mich aktiv dagegen sträuben, dass ihre Ideologie von mir Besitz ergreift. Und trotzdem bin ich desensibilisiert worden.

Im Wahlkampf fand ich heraus, dass Anne Marie nicht nur eine enge Vertraute von Tommy Robinson ist, sondern auch mit einem ehemaligen Aktivisten der rechtsradikalen British Nationalist Party (BNP), Jack Buckby, zusammenarbeitete.

Buckby wirkte angespannt, als wir uns trafen. "Im Grund genommen bin ich ihr Wahlkampfmanager, aber das darf nicht an die Öffentlichkeit geraten", sagte er. "Sie muss sich schon genug anhören, weil wir befreundet sind."

Beitritt in die Identitäre Bewegung

Während ich mich in Anne Maries Welt einschlich, sprach mich einer ihrer Gleichgesinnten an, um mich für die Identitäre Bewegung (IB) anzuwerben.

Die IB ist eine rechtsextreme Bewegung, die ihre Ideologie mit Hilfe von Videos im Internet verbreitet. In ganz Europa gibt es Gruppierungen.

Ich trat der Facebook-Gruppe der IB bei - doch um aufgenommen zu werden, musste ich erst überprüft werden. Ein Norweger namens Tore vereinbarte einen Videochat mit mir. Ich erzählte ihm, dass ich 27 Jahre alt sei und als Pfleger arbeite. Er erklärte, dass die Identitären, oberflächlich betrachtet, ganz harmlose Ziele hätten.

Warum aber klang das, was er sagte, dann so bedrohlich?

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Er sagte: "Wir denken, dass es wichtig ist, die Einwanderung nach England zu stoppen." Das sei zwar schön und gut, "aber dann haben wir immer noch das Problem mit den Geburtenraten". Die Identitären sprechen in diesem Zusammenhang von der "Großen Verdrängung".

Nachdem ich den Test bestanden hatte, traf ich mich mit ein paar Aktivisten in einem Pub im Norden von London. Als ich den Raum betrat und die Gruppe um den alten Holztisch sitzen sah, stellten sich mir die Nackenhaare.

Ich weiß, dass Aktivisten dieser Gruppierungen leicht paranoid sind. Sie verwenden viel Zeit darauf, Maulwürfe wie mich ausfindig zu machen. Ich musste also vorsichtig sein.

Auffällig war vor allem, dass es sich hier um chic gekleidete, gut gebildete und recht wohlhabende Leute handelte.

Willst du für die Krüppel spielen, oder für die Patrioten?

Ein Typ, der Liam hieß, sprach über seine Beweggründe, sich der IB anzuschließen: "Ich bin quasi der einzige Weiße, der in meiner Straße wohnt", sagte er mit einem Akzent, wie ihn nur Leute haben, die auf einer Privatschule waren.

"Unsere Bewegung besteht aus fitten Männern und Frauen, intelligente Leute, die lesen", erklärte Liam. "Wenn du dir aussuchen kannst, zu welcher Mannschaft du gehören willst, spielst du dann für die Krüppel oder für die Patrioten?"

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Auftritt Martin Sellner

Was mich am meisten schockiert hat: Er behauptete, an einem Identitären-Trainingscamp in Frankreich teilgenommen zu haben.

"Dort gab es auch ein gutes Verhältnis von Jungs und Mädchen", erklärte er mir. "Es war sehr, sehr gut. Wir haben zwei Stunden lang am Morgen trainiert. Am Ende der Woche mussten wir eine Demonstration nachstellen. Es war wirklich realistisch, weil wir Pfefferspray und alles mögliche hatten. Es war wirklich gut organisiert."

Das führte zum eingangs erwähnten Treffen mit Sellner, wo er mich fast ertappt hätte. Er offenbarte, dass jemand anderes in der Gruppe als Undercover-Reporter enttarnt wurde. Das war der Punkt, wo ich ging - und nicht mehr zurück kam.

Ich bin bereits wegen meiner Underwanderung beschimpft worden. Doch für mich ist es gut zu wissen, dass meine Undercover-Aktion einen Nerv getroffen hat.

Das Hipster-Rebranding der extremen Rechten durch Leute wie Robinson, Buckby, Waters und Sellner offenbart: Die Frisuren haben sich vielleicht verändert, aber einige der alten Ansichten sind die gleichen.

Als TV-Redakteure die Identitäre Bewegung um eine Stellungnahme baten, erklärte diese, dass die Dokumentation manipulativ sei und Bemerkungen und Reden aus dem Kontext gerissen wurden.

Die Identitären sagten, sie hätten keine versteckte Agenda und würden nur die europäische ethno-kulturelle Identität bewahren wollen.

Der Mann aus dem Pub erklärte gegenüber den TV-Machern, dass er in Frankreich nur an einem Selbstverteidigungstraining teilgenommen hätte.

Und Anne Marie Waters erklärte, sie lehne Rassismus, Antisemitismus, Frauenhass und Unterdrückung ab, die normalerweise mit der extremen Rechten verbunden werden.

Sie habe klar und konsequent gesagt, dass sie nicht alle Muslime beschuldigt, sondern nur den Koran kritisiert. Es sei ihr Grundrecht, dies zu tun.

Was andere über die Veranstaltungen behaupten, liege außerhalb ihrer Verantwortung, erklärte Waters. Sie stimme nicht mit jeder Sichtweise der Events überein, auf denen sie spricht. Sie versuche nicht, ihre Verbindung mit Buckby zu verbergen.

Das, was wir mit verdeckter Kamera aufgenommen haben, hätte Waters öffentlich gesagt. Zudem glaube sie nicht, dass die UKIP-Wahl eine Lösung war.

Buckby sagte schließlich, er habe uns gegenüber erklärt, wie gefährlich Neonazis sind und dass er die BNP auch wegen antisemitischer Beschimpfungen verlassen habe.

Er habe niemals gewalttätige Aktionen oder Terrorismus geduldet. Buckby sagte, er verabscheue die extreme Rechte und sei kein Rassist. Ja, er spreche über den Islam, dämonisiere aber die muslimische Gemeinschaft nicht.

Dieser Text erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Anna Rinderspacher und Marco Fieber übersetzt.

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(ll)