BLOG

Wie die Alkoholindustrie das Sozialsystem zugrunde richtet

03/03/2015 16:36 CET | Aktualisiert 03/05/2015 11:12 CEST
Thinkstock

Dass Alkohol mehr schädlich als nützlich ist, darauf verweisen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Als Medikament, das Alkohol wegen seiner gefährlichen Wirkungen eigentlich ist, wäre es verschreibungspflichtig und müsste unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Der „Alkoholmissbrauch" oder „Alkoholimus" ist nichts Neues. Neu ist es nur, dass die Jugend immer mehr auf die Werbung der Alkoholindustrie hineinfällt.

In fast allen Filmen lassen sich die Spuren der Lobbyarbeit wieder erkennen. Nicht nur direkte Werbung zwischen den Filmen, auch in den Filmen selbst wird Alkohol als ein „Muss" gesehen. So wird er als Freudenspender aus der Flasche vermarktet. Die Jugend, zwischen Baum und Borke, zwischen Umwelteinflüssen und Lobbyarbeit der Alkoholindustrie, ist in der Minderheit und auf der schwächeren Position.

Aber nicht nur im Film hat die Alkohollobby ihre Finger im Spiel, auch der gute alte Brockhaus bleibt nicht davor verschont, so zeigt das Beispiel des „Alkoholismus"-Begriffes. Im Brockhaus vom Jahre 1894 wird „Alkoholismus" als der Inbegriff des körperlichen, geistigen und sittlichen Schadens mit allen Nachteilen des Missbrauchs von alkoholischen Getränken definiert, dessen unheilvolle Wirkungen sich nicht nur auf das einzelne Individuum, sondern auf die „ganze Gesellschaft" erstrecken.

Fast 60 Jahre später in der Brockhaus Ausgabe von 1953 fehlt das Stichwort „Alkoholismus" - und wurde durch 'Alkoholgenuss' ersetzt, der „tief im Volksleben verwurzelt" sei. Nach öffentlichen Auseinandersetzungen und Kritik tauchte der „Alkoholismus" in der 1966er-Ausgabe des Brockhaus zwar wieder auf, aber nur als Hinweis auf sozial bedingten Missbrauch.

Nach Reaktionen der Alkoholindustrie mit intensivierter Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit wurde im Ergänzungsband 1975 eine entscheidende Revision vollzogen: „Heute gilt der Alkoholismus als Krankheit und wird als solche von den Krankenkassen (...) anerkannt." Zusammengefasst hieße das, die Gewinne kassiert die Alkoholindustrie, die Schäden zahlen wir - die Allgemeinheit.

Gerne verweist die Lobby auf die Nützlichkeit und geldspendende Wirkung des Alkohols für das Allgemeinwohl; und gibt sich als gutmeinender Sozialberater der Gesellschaft aus. Jährlich kassiert die öffentliche Hand durch Steuern auf Bier, Schaumwein und Branntwein drei Milliarden Euro. Laien würden die Alkoholsteuer jetzt wegen dieser hohen Summe preisen, doch deckt sie nicht einmal 20 Prozent der alkoholbedingten Kosten. Die Schäden, die der Alkohol verursacht, betragen jährlich 20 Milliarden Euro für Kranken- und Rentenversicherer.

Rund 10 Prozent der deutschen Bürger trinken die Hälfte der alkoholischen Getränke; 10 Millionen Menschen in Deutschland sind behandlungs- oder beratungsbedürftig. Nicht einmal in den USA trinkt man mehr Alkohol als in Deutschland. Mit rund zehn Liter Reinalkohol pro Kopf gehört Deutschland zur Weltspitze. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum von Alkohol wird unter allen in Deutschland Lebenden berechnet. 10 Prozent in Deutschland, darunter auch die Muslime, trinken keinen Alkohol und rund 10 Millionen sind alkoholsüchtig. Das heißt, diese 10 Millionen Alkoholsüchtigen konsumieren fast 70 Prozent des Alkohols.

Jährlich ist Alkohol in Europa Ursache für 2.000 Morde und Totschläge, 10.000 unschuldige Tote bei Verkehrsunfällen, 60.000 Neugeborene mit kritischem Untergewicht verursacht durch den Alkoholkonsum der Mütter, es leiden 9 Millionen Kinder unter dem Alkoholkonsum ihrer Eltern. Die Hälfte der Personenverletzungen, der Gewalttaten in privaten Haushalten, der Fälle von Kindesmissbrauch und Kindesvernachlässigung sind alkoholbedingt.

Menschen, die bereits erhebliche soziale und gesundheitliche Probleme haben, sind die attraktivste Kundengruppe der Alkoholindustrie. Sie profitiert von den Süchtigen, während das Sozialwesen daran zugrunde gerichtet wird.

Das Armutszeugnis der hiesigen Alkoholindustrie besteht also darin, dass die Gewinne des Alkoholgeschäftes privatisiert und die Folgekosten sozialisiert werden.


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite

Auch auf HuffingtonPost.de: Expertin klärt auf: Die Wahrheit über Alkohol

Gesponsert von Knappschaft