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Die Menschheit schafft sich ab

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ENVIRONMENT WASTE EARTH
bokan76 via Getty Images
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Der ökologische Fußabdruck und der Welterschöpfungstag sind zwei Indikatoren für unsere scheinbar unstillbare Gier und ökologische Misswirtschaft.

Berechnungen der UN ergaben, dass die Erde knapp zwei Milliarden Menschen mit gehobenem Lebensstandard verkraftet, so wie wir ihn hier in Europa gewöhnt sind.

Sechs Milliarden Menschen könnte die Erde ertragen, wenn wir bereit wären, unsere Ansprüche auf ein gesundes Mittelmaß zu beschränken. Für 11 Milliarden Menschen gibt es keine Berechnungen, vielleicht auch keine Erde, die das auf Dauer aushält.

Der Soziologe und Ökonom Professor Klaus Leisinger drückte es etwas einfacher aus. Er schrieb: "Würden alle Menschen so leben wie brasilianische Urwaldindianer, könnte die Erde 20 bis 30 Milliarden Menschen tragen.

Würden alle so viele Ressourcen verbrauchen wie die Einwohner der USA, wäre die ökologische Tragfähigkeit schon heute überschritten."

Der ökologische Fußabdruck

Die Ökologen Mathis Wackernagel und William Rees entwarfen in den Neunzigerjahren das bis heute bewährte Konzept des ökologischen Fußabdrucks. Dieser entspricht der Fläche der Erde, die notwendig ist, den Lebensstandard eines Menschen auf Dauer zu ermöglichen.

Dieser Fußabdruck berücksichtigt den gesamten Ressourcenverbrauch eines einzelnen Menschen: Energie, Nahrung, Kleidung, Entsorgung von produzierten Abfällen und das Binden des durch sein Handeln entstandenen Kohlendioxids.

Dieser so ermittelte ökologische Fußabdruck wird in Hektar pro Person und Jahr angegeben. Weltweit gibt es rund 11,3 Milliarden Hektar ökologisch produktiver Flächen, die für die Erzeugung von Nahrungsmitteln, die Energiegewinnung und den Wohnungsbau zu nutzen sind.

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Dieser Fläche gegenüber steht die Summe der ökologischen Fußabdrücke aller Menschen. Die Rechnung lautet also: 11 300 000 000 : 7 300 000 000 = 1,54

Das heißt, heute stünden jedem Menschen der Erde 1,54 Hektar zu, um seinen Lebensstandard nachhaltig zu gestalten. Wer mit dieser Nachhaltigkeit lebt, trägt nicht zur Zerstörung der natürlichen Ressourcen bei, weil diese sich in den natürlichen Zyklen erneuern können.

Im weltweiten Durchschnitt nutzen wir heute aber mehr als 2,2 Hektar pro Mensch. Multiplizieren wir diesen Betrag mit 7,4 Milliarden Einwohnern, kommen wir auf eine Summe von 16,3 Milliarden Hektar ökologisch produktiver Flächen. Unsere Erde verfügt aber über nur 11,3 Milliarden Hektar.

Wir verbrauchen eineinhalb Erden

Das heißt, wir verbrauchen fast eineinhalb Erden. Wir leben in einem ökologischen Defizit. Nach Studien des Global Footprint Network übernutzt der Mensch die Biokapazität der Erde schon seit 1987.

Seit dieser Zeit ist der Verbrauch an Naturressourcen höher, als im gleichen Zeitraum von den natürlichen Ökosystemen regeneriert werden kann.

Den größten ökologischen Fußabdruck hinterlassen die Bewohner der Vereinigten Arabischen Emirate und der USA mit rund 10,5 Hektar pro Person, ein durchschnittlicher Europäer beansprucht 4,7 Hektar, ein Mensch in Bangladesch nur 0,6 Hektar.

Würden alle Menschen auf dem Planeten leben wollen wie der durchschnittliche Nordamerikaner, bräuchten wir sechs Erden, für den Standard eines Europäers bräuchten wir drei Erden.

Deutschland verbraucht etwa das Zweieinhalbfache seiner vorhandenen Biokapazität. In den Berechnungen des ökologischen Fußabdrucks des Global Footprint Network liegt Deutschland auf Rang 34 im weltweiten Vergleich von 182 Staaten.

Besonders hoch ist die Belastung in den Bereichen CO2-Emissionen (Rang 30), Ackerland (Rang 15) und dem Verlust von Biodiversität durch bebaute Fläche (Rang 12).

Würde hingegen die gesamte Menschheit leben wie ein durchschnittlicher Mensch in Bangladesch, benötigten wir nicht einmal eine Erde, und würden sogar noch Reserven für die Zukunft bereitstellen.

Frohen Welterschöpfungstag

Mit der Größe des ökologischen Fußabdrucks der gesamten Weltbevölkerung lässt sich nicht nur das ökologische Defizit berechnen, sondern auch der ökologische Overshoot, der im Deutschen auch als Welterschöpfungstag oder Erdüberlastungstag bekannt ist.

Diese vom Global Footprint Network ins Leben gerufene Aktion errechnet jedes Jahr den Tag, an dem der aktuelle Verbrauch an natürlichen Ressourcen die Kapazität der Erde zur Regeneration dieser Ressourcen übersteigt.

Dabei wird die gesamte Nutzung natürlicher Ressourcen von Wäldern, Wasser, Ackerland und Lebewesen, die alle Menschen derzeit für ihre Lebens und Wirtschaftsweise brauchen, der biologischen Kapazität der Erde, Ressourcen aufzubauen sowie Abfälle und Emissionen aufzunehmen, gegenübergestellt.

Auf diese Weise zeigt sich, ab wann die Erde sich im ökologischen Defizit befindet, also mehr Ressourcen verbraucht wurden, als die Erde nachhaltig zur Verfügung stellen kann.

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Alles, was ab dem Erdüberlastungstag verbraucht wird, wächst nicht nach, beziehungsweise kann von der Erde nicht kompensiert werden. Dass dieser Tag jedes Jahr früher erreicht wird, ist ein klares Anzeichen für die rücksichtslose Zerstörung der Biokapazität des blauen Planeten.

Den Berechnungen des Global Footprint Network zufolge verbrauchen wir also mehr Ressourcen, als es auf der Erde gibt. Die Rechnung geht doch trotzdem auf, oder? Ja, für die Menschen, die in den reichen Industriestaaten leben.

Wir bestreiten unseren Wohlstand auf Kosten anderer Menschen in der Dritten Welt, in Bangladesch, in Bolivien oder im Niger.

Jeder Quadratmeter, den ein Mensch in Deutschland mehr braucht für seinen ökologischen Fußabdruck, für seine persönlichen Wünsche und Ansprüche, egal ob es für einen Wochenendflug auf eine Mittelmeerinsel ist, für ein gutes Steak beim Italiener oder für ein neues Auto, er fehlt einem Menschen in den meist armen Entwicklungsländern.

Unsere Ansprüche wachsen, die Erde nicht

Wir wissen, die Erde wird nicht wachsen, aber unsere Ansprüche wachsen, und die Ungerechtigkeit und Ungleichheit wachsen mit.

Müssen wir den Planeten zerstören und andere Menschen in Armut halten, um unser Leben in gewohntem Maß oder sollte man besser sagen, in gewohnter Maßlosigkeit fortzuführen?

Es ist keine Zeit mehr für ein Lavieren zwischen gut denken und es könnte doch klappen. Die Menschheit bewegt sich bereits seit mehreren Jahrzehnten, seit 1987, in einem ökologischen Defizit, das von Jahr zu Jahr wächst und mehr Biokapazität des Planeten Erde unwiederbringlich zerstört.

Wir haben keine Zeit mehr mit irgendwelchen Versuchen, eben diese Zeit zu verschwenden, wir können nicht mehr testen und herumprobieren, wir müssen richtig handeln, konsequent handeln, um die noch lebendigen Biokapazitäten unseres Planeten nicht auf Jahrtausende hin zu zerstören.

Die gute Nachricht ist, wir wissen, wie wir handeln könnten, wir haben die Technologie und das Know-how. Einzig Absicht und Einsicht fehlen.

Das richtige Handeln muss auf einer tiefen Nachhaltigkeit basieren und auf einem Systemwandel, der ein Leben in Würde und Wohlstand für alle ermöglicht. Die dazu nötige Ethik gilt es zu entwerfen.

In den nächsten 35 Jahren könnten wir alles verlieren

Das alles muss der Menschheit in den nächsten 35 Jahren gelingen, sonst verlieren alle womöglich alles.

Der Erde, die uns das schenkt, ist es egal. Wie großzügig dieses Geschenk der Erde ist, hat ein Team um den amerikanischen Professor für ökologische Ökonomie, Robert Constanza, bereits 1997 errechnet.

Wasser, fruchtbare Böden, Ozeane voller Fisch, Lebensräume für Millionen von Tierund Pflanzenarten, Nahrung, Rohstoffe, die Regulierung natürlicher Kreisläufe und nicht zuletzt der Erholungswert und die Schönheit der Natur.

Diese kostenlosen Leistungen der Erde an den Menschen berechneten die Wissenschaftler mit 33 Billionen Dollar jährlich. Die Summe der weltweiten Bruttoinlandsprodukte lag in diesem Jahr bei lediglich 18 Billionen Dollar.

Umweltökonomische Bewertungen werden oft kritisiert, weil ökonomische Bewertungen von Natur zur Verdrängung moralischer Argumente für den Umweltschutz führen, weil sie auf einem anthropozentrischen Weltbild basieren und monetäre Werte in den Mittelpunkt stellen.

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Diese Kritik ist durchaus gerechtfertigt. Aber den ökonomisch denkenden Menschen der heutigen Leistungsgesellschaft, die Schäden an der Natur als unvermeidbare Begleiterscheinung ihres Tuns abtun, öffnet diese Zahl vielleicht einen anderen Blick auf die natürlichen Werte der Erde.

Oder kennen Sie einen Staat, der seine jährliche Abfallproduktion, die Zerstörung natürlicher Ressourcen und seine jährliche Gesamtemission von CO2 und anderen Klimagasen als Minuswert in die Berechnung seines jährlich erwirtschafteten Bruttosozialproduktes einbezieht?

Der Beitrag ist ein Auszug aus Die Menschheit schafft sich ab Die Erde im Griff des Anthropozän von Prof. Dr. Harald Lesch.

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