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Was mit der Erde passiert, wenn die Menschheit von einem auf den anderen Tag verschwindet

27/04/2017 16:06 CEST | Aktualisiert 27/04/2017 16:14 CEST
Sean Gallup via Getty Images

Ein Gedankenexperiment: Was, wenn die Erde von einem Tag auf den anderen tatsächlich ohne Menschen wäre. Ein Gedankenspiel, das nicht nur zeigt, wie extrem der Mensch den Planeten in den letzten 10.000 Jahren verändert hat, sondern auch wie widerstandsfähig die Natur ist, als deren Teil sich der Mensch ja offensichtlich nicht mehr begreift, weil er sonst mit eben dieser Natur doch anders umgehen würde.

Keine Umweltkatastrophe, keine atomare Apokalypse, keinen Meteoriteneinschlag, nein, ganz einfach: 7,6 Milliarden Menschen lassen von einen Tag auf den anderen ihren Planeten zurück. Das wie und warum soll hier nicht interessieren. Die Sonne geht auf, es ist ein Montag, der erste Tag der Erde ohne Menschen.

Die Metropolen sind menschenleer und still

Die Atmosphäre ist immer noch mit Milliarden von Tonnen CO2 und Stickoxiden angereichert, viele Wälder sind gerodet, der Tagebau hat große Wunden in die Erdoberfläche gerissen, in den Ozeanen schwimmen Plastikinseln, die groß wie Kontinente sind, aber die Metropolen der Erde sind menschenleer und still.

Kein Lärm von Autos und Flugzeugen, keine Stimmen. Bürotürme, Häuser, Geschäfte, Supermärkte, Autos, U-Bahnen, Straßen und Flugzeuge sind verwaist und verlassen. Herrenlose Hunde, eine halbe Milliarde weltweit und etwa genauso viele Katzen streunen auf der Suche nach Futter durch Straßen, Wälder und über Felder.

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In den nächsten Stunden und Tagen fallen die meisten Kraftwerke aus, es gibt keinen Strom mehr, die letzten Lichter erlöschen, Ampeln, Pumpen, Kläranlagen, Wasserwerke geben ihren Geist auf.

Die komplexe Maschinerie, die unsere Zivilisation aufrechterhalten hat, kommt zum Stillstand. Die Tiere in den Zoos der Welt sind sich selbst überlassen, genauso wie die 1,5 Milliarden Kühe, die 1 Milliarde Schweine und 20 Milliarden Hühner in den industrialisierten Fleischmanufakturen der Erde.

Die meisten von ihnen werden verhungern oder von Wölfen, Kojoten, Bären und anderen Raubtieren gefressen werden. Andere Tiere, die vom Menschen abhängig waren, Ratten und Kakerlaken, werden bald unter drastischem Nahrungsmangel leiden, ganz aussterben werden die Kopfläuse.

Viele Städte werden abbrennen

Die Straßen in vielen Städten der Welt werden ebenso wie U-Bahn-Tunnel von Wassermassen geflutet, weil das Grundwasser nicht mehr abgepumpt wird. Andere Straßen werden von Gräsern, Sträuchern und später Bäumen zurückerobert.

Viele Städte werden jedoch abbrennen, bevor sie vom Grün der Natur überwuchert werden, weil bei einem Feuer, das durch einen einfachen Blitzschlag entfacht wird, keine Feuerwehr mehr ausrücken wird, um es zu löschen.

Holzbauten, die nicht dem Feuer zum Opfer fallen, werden durch Termiten und andere Insekten zerstört werden.

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Nach 100 Jahren sind sie alle verschwunden. Genauso wird es den Eisen- und Stahlkonstruktionen ergehen, von der Pfanne auf dem Herd über das Auto bis zu Brücken, Hochspannungsmasten, Laternen, Hochhäusern, Windrädern und selbst dem Eiffelturm.

Ohne Farbanstriche und Rostschutzmittel sind sie dem aggressiven Sauerstoff in der Atmosphäre ausgesetzt. Sie oxidieren und kollabieren.

Die Tier- und Pflanzenwelt hat in der Zwischenzeit mit der Rückeroberung der Menschenräume begonnen. Selbst die Tatsache, dass es bei einigen Kernreaktoren bedingt durch Stromausfall und damit fehlender Kühlung zu Kernschmelzen und radioaktivem Fallout gekommen ist, haben sie nicht aufhalten können, das zeigen die Sperrzonen rund um den Reaktor von Tschernobyl schon heute.

Die Natur strebt ihrem natürlichen Zustand entgegen. Straßen, Bahnlinien, Städte, Abraumhalden und die Ökowüsten aus Plantagenwirtschaft und Ackerbau, alles wird von Pflanzen, Wäldern und Tieren wieder in Besitz genommen. Am längsten werden die Ozeane und die Atmosphäre brauchen, um sich vollständig zu renaturieren.

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Nach 10.000 Jahren aber werden die meisten Spuren der menschlichen Existenz verwischt sein.

Würden fremde Raumfahrer 100.000 Jahre nach dem Exitus des Homo sapiens die Erde besuchen, werden sie vielleicht mit Ausnahme der Pyramiden kaum einen Hinweise auf ehemalige Zivilisationen finden.

Wenn die Außerirdischen aber die Sedimentschichten genauer untersuchen, werden sie feststellen, dass es vor 100.000 Jahren auf diesem Planeten ein Massensterben der Tier und Pflanzenarten gegeben hat. Und dass hier für wenige Jahrtausende eine Art gelebt haben muss, die ihre Toten bestattet hat und die offensichtlich Kunststoffe als bevorzugtes Kulturgut genutzt hat.

Der Beitrag ist ein Auszug aus Die Menschheit schafft sich ab - Die Erde im Griff des Anthropozän von Prof. Dr. Harald Lesch.

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