BLOG

Als die Juden nach Deutschland flohen

26/03/2017 17:53 CEST | Aktualisiert 26/03/2017 17:53 CEST
Getty

Mitten in Deutschland: jüdische Flüchtlinge nach 1945

Aron Waks ist nervös. Der junge Mann wartet ungeduldig auf die Rückkehr eines amerikanischen Armeejeeps, der am Morgen das hessische Lager Ziegenhain verlassen hatte. Der Auf­trag lautete, im Camp des benachbarten Städtchens Schwarzenborn eine Familie abzuholen, ein Ehepaar mit seinen fünf Kindern.

Gegen Mittag hebt sich der Schlagbaum am breiten Eingangstor, und der of­fene US-Jeep rollt langsam in die staubige Lagerstraße: Die Lessers sind endlich in Ziegenhain angekommen, dem Endpunkt einer wochenlangen und gefährlichen Reise. Aron begrüßt alle herzlich, doch zunächst umarmt er die älteste Tochter Lea. Denn seit ein paar Monaten ist sie die Liebste des Mittzwanzigers.

Auch Lea hat dem Wiedersehen aufgeregt entgegengefiebert. Am Vortag ist sie nämlich plötzlich in die Lagerverwaltung gerufen worden. Jemand wolle sie dringend am Telefon sprechen, hieß es. Wer will sie hier schon erreichen, in einem entlegenen deutschen Provinznest, fragt sie sich.

Wahrscheinlich wieder nur eine jener Anfragen, die ihre Familie an verschiedenen Orten seit dem Verlassen Polens über sich ergehen lassen musste, eben nach dem Woher, Wohin, Warum. Aber dann ein Jubelschrei, als sie den Hörer in der Hand hält: Es meldet sich ihr Aron; er ist ganz in der Nähe, in Ziegenhain.

Als Aron und Lea sich in den Armen liegen, rundet sich eine Geschichte, die vor vielen Monaten in Polen ihren Anfang genommen hat. Beide hatten - damals kannten sie sich noch nicht - den

Terror im Ghetto von Lodz überlebt und waren, dank glücklicher Fügungen, im letzten Moment der Vernichtung entkommen.

Die übrige Familie Lesser wiederum konnte, nach der Besetzung Westpolens durch Hitlers Wehrmacht, zunächst in den von Stalin okkupierten Osten des Landes fliehen, wurde von dort jedoch später nach Sibirien verschleppt. Das wiederum hatte ihnen, mehr schlecht als recht, das Leben gerettet.

Allen gemeinsam war jedoch das schockierende Erlebnis nach Kriegsende 1945, dass sie als Juden in ihrer Heimatstadt Lodz auf den Hass und die Hetze ihrer polnischen Nachbarn trafen. Mehr und mehr fühlten sie sich von der Welle dieses neuen Antisemitismus und den Exzessen mörderischer Pogrome bedroht.

In dieser Situation fassen sie einen wagemutigen Plan: Aron Waks und Familie Lesser, die sich in der kleinen jüdischen Gemeinde von Lodz zusammengefunden hatten, bereiten Anfang 1946 gemeinsam ihre Flucht vor, zwar nach Deutschland, aber in die Obhut der amerikanischen Besatzungsmacht. Ihre eigentliche Absicht besteht darin, möglichst bald nach Palästina auszuwandern.

Zu unterschiedlichen Zeiten verlassen sie Lodz. Zuerst reist Aron im Sommer 1946 mit einer Gruppe zionistisch orientierter junger Männer. Wenige Wochen später folgen die Lessers.

So verlieren sie sich aus den Augen auf den getrennten Wegen ihrer Flucht. Doch nach den Wirren und Ungewissheiten der Reise im Nachkriegsdeutschland nach so kurzer Zeit wieder zusammenzutref­fen, grenzt an ein Wunder. In Ziegenhain können sie nun erstmals

wieder durchatmen.

Das dokumentiert ein Foto aus jenen Tagen: Auf der Bank vor einer der Lagerbaracken hat sich Lea neben Aron platziert, sie im eleganten Kleid, er korrekt im Jackett mit Hemd und Krawatte. Rechts und links daneben Leas Schwestern Salle und Manja, ebenfalls fein herausgeputzt. Im Hintergrund blicken Bruder Schaje und Vater Leib Lesser aus einer dunklen Fensteröffnung der Behausung.

Natürlich handelt es sich um eine arrangierte Szene von der Sorte jener Erinnerungsbilder, wie sie massenhaft in dicken Alben kleben: So war das, so sahen wir aus, heißt es später beim gelegentlichen Durchblättern. Und doch enthält dieses Foto noch eine andere Aussage: Ja, wir sind wieder alle beisammen, haben Terror und Flucht überstanden, können wieder nach vorne schauen. Eine geradezu trotzige Demonstration von Familienglück inmitten des traurigen Lagerlebens.

Eine Portion Zuversicht kann für die kleine Gruppe sicherlich hilfreich sein. Denn Ziegenhain ist im Spätsommer 1946 schon ein größeres Camp mit über 2000 Flüchtlingen, die meisten aus Polen. In dieser zusammengewürfelten Gemeinschaft bekleidet Aron Waks eine herausgehobene Position, denn er steht als Vorsitzender an der Spitze des Lagerkomitees. Intern nennen sie ihn »Präses«. In dieser Funktion vermittelt er zwischen dem amerikanischen Lagerkommandanten sowie den Hilfsorganisationen und den Emigranten.

Als zupackender Typ sorgt er mit einem kleinen Team für den Aufau einer festen Struktur am neuen Ort; die US-Armee hat den Campbewohnern eine weitgehende Selbstverwaltung überlassen.

Dazu zählt zunächst alles, was für den Alltag existenziell notwendig ist, wie Unterkunft, Essen, Kleidung, Hygiene. Zwar werden die Bewohner von der US-Armee und verschiedenen jüdischen Hilfsteams mit Nahrungsmitteln und sonstigem Lebensbedarf versorgt.

Aber Aron Waks und das Komitee kümmern sich darum, wie alles untereinander verteilt und geregelt wird. Dazu zählt auch, kein leichtes Unterfangen bei den örtlichen Gegebenheiten, dem großen Teil der gläubigen Juden koschere Speisen und deren ordnungsgemäße Zubereitung anzubieten.

Aber die Bedürfnisse der abgeschirmten Zwangsgemeinschaft gehen noch viel weiter. Dazu gehören Kindergärten, Schulen, Ausbildungsplätze, Werkstätten, da die zahlreichen Kinder und Jugendlichen auf ihre weitere Zukunft vorbereitet werden sollen. Um eine stabile Ordnung der eng aufeinanderhockenden Menschen zu gewährleisten, braucht es zudem eine Lagerpolizei, die aus der eigenen Mitte gebildet wird.

Nicht zuletzt wollen viele Ankömmlinge ihre religiösen Traditionen wieder aufnehmen. Es gilt dementsprechend, Synagogen und Beträume einzurichten und sich mit den jüdischen Feldgeistlichen der Army, »Chaplains« genannt, zu arrangieren, um regelmäßige spirituelle Zeremonien zu ermöglichen.

Ebenso notwendig ist eine Talmud-Tora-Schule, um den Wert der Schrift wieder in das Bewusstsein zu rufen, besonders für die jüngere Generation. Und natürlich pflegen sie ihre althergebrachte Sprache: das Jiddische. Es bleibt im Lageralltag das beherrschende Idiom.

Eine gewaltige Aufgabe, vor der das Leitungsteam steht: in der Fremde für die Flüchtlinge eine kleine gesellschaftliche und kulturelle Einheit zu schaf­fen, die sich am Vorbild des osteuropäischen Schtetl ausrichtet. So sollte, unter den Maßstäben des Lagers, die alte Tradition wiederauferstehen, die die Nazis systematisch vernichtet hatten.

In der Rückschau auf die damaligen Tage, die mit viel Improvisation und Umstellung angefüllt waren, betont Lea einzig die Vorzüge der neuen kleinen Welt: »Was sollten wir dort meckern? Nach den schlimmen Erfahrungen waren wir doch so froh, endlich wieder unter uns zu sein. Allein das zählte!«

Dabei erscheinen die äußeren Bedingungen in Ziegenhain alles andere als verlockend. Das Camp diente den Nazis unter der Bezeichnung »Stalag IX A Ziegenhain« als größtes Kriegsgefangenenlager in Hessen. Kurz nach Hitlers Überfall auf Polen im September 1939 auf einer großen Kuhwiese platziert, wurden dort zuletzt über 35 000 Menschen zusammengepfercht: aus Polen, Russland, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, von überallher, wo die Wehrmacht Krieg führte und Gefangene nahm.

Dann, nach der Befreiung Ende März 1945 durch die US-Armee, kehrte sich die Funktion des Lagers um. Die amerikanische Besatzungsmacht internierte dort zunächst NS-Funktionäre, SS-Angehörige, SA-Mitglieder, Wehrmachtssoldaten, BDM-Frauen - ein kurzfristiger und daher unzulänglicher Versuch der politischen Umerziehung nationalsozialistisch infizierter Deutscher.

Denn die Militärverwaltung sieht sich recht bald gezwungen, das Terrain für eine andere Gruppe zu nutzen, deren Zahl seit Anfang 1946 von Monat zu Monat steigt: die osteuropäischen Juden.

Der neu ausgebrochene Antisemitismus in ihren Heimatländern, besonders in Polen, aber auch in den baltischen Staaten, der Tschechoslowakei und in Ungarn, treibt sie massenweise zum Exodus.

Meist illegal versuchen sie über die Grenze nach Westen, vor allem in die US-Zonen von Deutschland und Österreich, zu gelangen, nur fort, weil sie sich dort Schutz und Sicherheit versprechen. Von »Panikflucht« sprechen daher Historiker.

Dazu gibt es genügend Anlass. Anfeindungen steigern sich beispielsweise in Polen bald zu bösartigen Hasstiraden gegen die Minderheit der überlebenden Juden, aus einzelnen gewalttätigen Übergrif­fen entwickeln sich rauschhaf­te Menschenjagden an verschiedenen Orten, bis zum Pogrom in der Kleinstadt Kielce Mitte 1946, bei dem 42 Menschen erschlagen und 80 schwer verletzt werden.

Zwei Tage dauert die mörderische Hatz. Nach diesem barbarischen Exzess gibt es für die polnischen Juden kein Halten mehr. Über 50 000 verlassen allein in den Herbstmonaten das Land. Eine gewaltige Flüchtlingswelle schwappt nach Westen, hält auch 1947 noch an.

Aber Rettung im Land der Täter, und dies so kurz nach dem Ende der Schoah? Für die Entkommenen der Katastrophe aus Osteuropa ist dies nicht die entscheidende Frage, als sie ihre alte Heimat verlassen. Denn sie fliehen in ihrer Vorstellung nicht nach Deutschland und nicht zu den Deutschen, sondern zu den Siegern über die Hitler-Diktatur, den Amerikanern zuerst, in geringem Umfang zu den Briten und Franzosen.

In deren Hände wollen sie ihr weiteres Schicksal legen, zumindest für eine Übergangszeit, wie sie glauben. Denn ihr wahres Ziel ist, nach dem doppelten Entsetzen über die rassistische Verfolgung der Nazis und die antisemitische Ausgrenzung durch die früheren Landsleute, eben Palästina. In die biblische jüdische Heimstatt wollen sie auswandern. Deutschland bedeutet für diese Juden verfluchte, blutdurchtränkte Erde, die sie bei ihrem Aufbruch in ein neues Leben nur räumlich durchqueren müssen.

Die Lager betrachten sie daher als exterritoriale Inseln, eine unumgängliche Zwischenstation, eine notwendige Transitzone. Dafür müssen sie allerdings, ohne dass sie es vielleicht bei ihrem Abschied aus Osteuropa geahnt haben, manche Strapaze und Entbehrung in Kauf nehmen. Wie beispielsweise die Lessers in Ziegenhain. Denn dieser Platz präsentiert sich im September 1946, als sie dort eintref­fen, als öder und unwirtlicher Ort.

Seine ursprüngliche Verwendung als Gewahrsam für Kriegsgefangene ist ihm noch deutlich anzusehen. Eine sich endlos lang hinziehende, triste Lagerstraße, zu der sich gleichförmige Holzbaracken im Fachwerkstil ausrichten, links und rechts, wie an einer Schnur aufgezogen.

Die eingeschossigen Bauten mit stumpfem Dach sind inzwischen oft verwittert und verwahrlost. Innerhalb der Baracken eher Gerümpel als Möbel, von den früheren Bewohnern im chaotischen Zustand zurückgelassen, sodass die neuen Flüchtlinge in tagelangen Aktionen erst einmal Ordnung schaf­fen müssen. Zwischen den Langbauten platter, karger Erdboden mit zottigen Grasbüscheln, ab und zu struppiges Strauchwerk.

Um das ganze Camp herum ein hoher Stacheldrahtzaun, am oberen Ende verstärkt und nach innen gebogen. Flankiert wird das rechteckige Gebiet von sechs massiven Wachttürmen - eine Installation, bestens dazu geeignet, bei vielen der Traumatisierten grausame Erinnerungen wachzurufen. Ziegenhain, of­fi­ziell von der US-Militärverwaltung als »D.P. Camp 95-443« bezeichnet, bildet zwar eine Insel, aber wahrlich keine der Seligen

In den Wohnräumen herrscht drangvolle Enge. Die Ausstattung besteht aus Etagenbetten, teils dreistöckig, je einem Tisch, wenigen Stühlen, sonst nichts. Die Familien erhalten einen jeweils engen Bereich zugewiesen. Der Dreck ist allgegenwärtig, die hygienischen Verhältnisse spotten jeder Beschreibung.

In einem Bericht des Leiters einer zuständigen Hilfsorganisation vom November 1946 heißt es: »Die Holzbaracken sind nur teilweise isoliert und in keinem guten Zustand. Der Direktor glaubt jedoch, das Camp für den Winter bewohnbar machen zu können. Die Ernährung ist noch nicht gut, die Wasserversorgung kaum zufriedenstellend. Neue Leitungen sind notwendig.«

Dennoch wird diese unzulängliche Welt, mit all ihren äußerlichen und alltäglichen Beschwernissen, von den Insassen akzeptiert. Es sollte doch nur ein kurzweiliges Quartier sein, in dem man sich nicht häuslich einrichten wollte. Unter solchen Vorgaben erscheinen Komfort und Bequemlichkeit zweitrangig. Es berührt merkwürdig, heute Fotos aus dem damaligen Ziegenhain zu betrachten, auf denen einzelne Bewohner, aber auch kleine Gruppen just vor dem spitzen Zaun posieren.

Sie lächeln dabei sogar oft freudig in die Kameras. Aber diese Bilder vor makabrer Kulisse belegen das vorherrschende Gefühl der Lagerinsassen: Hier bin ich sicher. Das selbst gewählte Ghetto vermittelt - endlich, nach vielen Jahren der Ängste und Bedrohung - Geborgenheit und ermöglicht Vertrauen. Das ist Voraussetzung dafür, wieder Kontakte und Beziehungen anzuknüpfen, auch Pläne für die eigene Zukunft zu schmieden. Im Vordergrund steht dabei, eine Familie zu gründen, eine Ausbildung zu absolvieren, in den religiösen Rhythmus zurückzukehren.

Jenseits der Zäune und Türme, auf denen anfänglich noch GIs Wache schieben, liegt eine feindliche Umgebung, wie es die Juden empfinden. Dort herrscht das Reich des Bösen, das der Nazis, Verfolger, Mörder. Deshalb werden Kontakte zu den Deutschen, wenn irgend möglich, gemieden, ja sogar als Verrat gegenüber den Opfern des eigenen Volkes empfunden.

Einziger Adressat für Interessen und Wünsche, auch Beschwerden, sind die Amerikaner und die internationalen wie jüdischen Hilfsorganisationen; aber keine Gemeinde, Behörde oder Einrichtung der Deutschen, die allesamt durch die braune Vergangenheit diskreditiert erscheinen. Die Selbstisolation wird somit zum gemeinschaftsstif­tenden Element.

Ziegenhain als seltsam fremder und abgeschotteter Organismus mitten im deutschen Kernland nach dem Zusammenbruch: Dies ist nicht der einzige Flecken, wo jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa ein Stück ihres verloren gegangenen Schtetls wiederaufbauen und nacherleben. Ringsherum existieren ähnliche Camps, wie etwa in Schwarzenborn, der früheren Station der Lessers, oder in Neukirchen, ebenfalls nicht weit entfernt.

Die ganze Karte Hessens ist gespickt mit derartigen Fluchtpunkten, größeren in Kassel,Eschwege, Wetzlar, Zeilsheim bei Frankfurt, kleineren in Bensheim, Fulda und Hofgeismar. Die jüdischen Sammelorte  - die Amerikaner nennen sie auch »Assembly Centers«  - häufen sich besonders in Bayern, das ebenfalls zur US-Zone gehört, besonders geballt in der Region München. Dieser Umkreis entwickelt sich sogar zum Kerngebiet jüdischer Emigration aus Osteuropa mit Großlagern wie Feldafing, Pocking, Landsberg, Föhrenwald.

Der Aufenthalt in all diesen Camps ist begehrt. Dort erteilen die US-Militärbehörden den jüdischen Lagerbewohnern den begehrten Status von Displaced Persons (DPs), einer von der UNO gegen Kriegsende eingeführten Kategorie. Sie betrifft eigentlich nur all die Verschleppten, Entwurzelten, Heimatlosen aufgrund des Kriegsgeschehens in Europa. Die Amerikaner haben diese Kategorie allerdings eigenmächtig ausgedehnt - und damit den Zustrom der Juden aus Osteuropa in ihre Zone erheblich begünstigt.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Als die Juden nach Deutschland flohen" von Hans-Peter Föhrding und Heinz Verfürth. Es erschien beim Verlag Kiwi.

2017-03-16-1489680224-4186686-Cover_Fohrding_Verfurth.jpg

Sponsored by Trentino