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Was Köln und Paris gemeinsam haben

08/01/2016 15:46 CET | Aktualisiert 08/01/2017 11:12 CET
FLORIAN DAVID via Getty Images

Die Silvesterereignisse von Köln, die immer größere Dimension annehmen, aber auch in Hamburg, Düsseldorf und Stuttgart - und womöglich auch noch an anderen Orten - führen vor allem vor Augen, dass die kulturellen Konflikte nicht durch das gängige Raster der Integrationspolitik gelöst werden können.

Die Errungenschaften der säkularen individualistischen Gesellschaften des Westens werden durch diese Ereignisse massiv angegriffen: das sind beruhend auf dem ethischen Grundprinzip des Diskriminierungsverbotes die diversen Emanzipationsbewegungen von Frauen, von Lesben und Schwulen, von Behinderten, Alten und Minderheiten welcher Couleur auch immer.

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Man muss die Silvesterereignisse daher durchaus in einem Zusammenhang sehen mit dem Terror gegen Charlie Hebdo und in Paris am 13. November: ein Terror, der sich dezidiert gegen die emanzipierte offene Gesellschaft richtete, nicht gegen die Hegemonialmacht USA oder militärische Engagements von Britannien und Spanien.

Die Silvesterereignisse demonstrieren in extremer Weise Respektlosigkeit gegenüber Frauen im Allgemeinen.

Den Tätern der Silvesterereignisse kann man nicht denselben Hass und nicht dieselbe zielgerichtete Motivation unterstellen. Aber gerade weil sie von großen Gruppen womöglich alkoholisierter Männer ausgingen, denen die Hemmschwellen fehlten, offenbaren sie die kulturelle Differenz, die besonders der Islamismus produziert.

Hier sozialisierte Männer begehen unter Alkohol auch häufig sexuelle Belästigungen, die aber normalerweise nicht so weit gehen und auch nicht mit Diebstählen verbunden sind. Dass sich bei den Silvesterereignissen sexuelle Aggression mit Eigentumsdelikten verbindet, demonstriert in extremer Weise Respektlosigkeit gegenüber Frauen im Allgemeinen.

Sie treffen damit gerade jene, die im Stile der offenen pluralistischen Gesellschaft die Willkommenskultur pflegen. Sie treffen ins Herz einer gewandelten liberalisierten Gesellschaft, geben sie doch jenen Recht, die vor dem Konflikt der Kulturen warnten - nicht den radikalisierten, aber den primär konservativen Warnern und manchen Regierungen anderer Länder, die keinen Zuzug von Flüchtlingen zulassen.

Es ist daher verständlich, dass sich die vermutlich eher liberal eingestellte Kölner Polizei, die offizielle Politik, die ja besonders von der Bundeskanzlerin verkörpert wird, und die Medien mit einer schnellen Bewertung der Ereignisse schwertaten.

Die Reaktionen aus der Politik sind entsprechend vorsichtig.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Zurückhaltung der CSU, die gerade in jenen Tagen fleißig durch Opposition gegen die liberale Flüchtlingspolitik auf sich aufmerksam macht. Entsprechend vorsichtig sind auch andere Reaktionen aus der Politik. Selbst die Medien haben erst sehr langsam über die Ereignisse berichtet, was ihren auf Schnelligkeit angelegten Vorgehensweisen so gar nicht entspricht.

Als wären sich alle der Tragweite der Silvesterereignisse bewusst gewesen, wenn sich bestätigen würde, dass daran in großer Zahl in diesem Jahr eingereiste Flüchtlinge aus islamischen Ländern beteiligt wären. So wurde erst auf nordafrikanische Banden verwiesen, die in NRW wohl schon länger ein Unwesen treiben.

Dass das dem Vertrauen der Zeitgenossen in Politik und Medien nachhaltig schadet, das muss indes nicht unbedingt sein und wird von der jeweiligen politischen Ausrichtung abhängen. Den rechtsnationalistischen Gruppen wird es selbstredend Wasser auf ihre Mühlen sein.

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Doch diese haben schon lange kein Vertrauen mehr, allemal nicht in die Medien - eine Haltung, die sich bei Linksradikalen und Islamisten spiegelnd wiederholt. Das ist eine Aversion zumeist jener, die einer bestimmten Ideologie folgen und diese realisiert sehen wollen und daher allen jenen - besonders den Medien - misstrauen, die ihnen nicht folgen.

Das ist ein Hass, der mit einer weitverbreiteten Medienkritik aber rein gar nichts gemein hat. Diese richtet sich ja vor allem gegen die Boulevardisierung der Medien, sicherlich auch gegen die eine oder andere Einseitigkeit, dass Medien manches geflissentlich übersehen oder vorschnell verurteilen.

Aber es wird den Medien nicht unterstellt, dass sie systematisch lügen. Das ist ja auch ein besonders absurder Vorwurf, kann man doch annehmen, dass die nicht direkt staatlich gelenkten Medien in der westlichen Welt eher enthüllend als verdeckend wirken. Sie lassen daher für Verschwörungstheorien vergleichsweise wenig Raum, müssen sich daher deren Vertreter ja auch notorisch gegen andere Argumente als die ihren abschotten.

So ergibt sich eher ein anderes Szenario. Selbst den Skeptikern gegenüber der Merkel'schen Flüchtlingspolitik und allemal den Befürwortern, die beide zweifellos Angst vor einem Rechtsruck und dem Verlust von Wählerstimmen haben, könnte der vorsichtige Umgang der Medien wie der Institutionen indes auch ein Zeichen dafür sein, dass Medien und Politik in prekärer Lage durchaus zu verantwortlichem Umgang mit Informationen fähig sind.

Ich habe selbst viele derartige Reaktionen in den letzten Tagen erlebt. So könnte diese beinahe schon einmalige Vorsicht in der auf Sensation angelegten Medienwelt sogar verlorengegangenes Vertrauen wieder etwas herstellen.

Was wäre gewesen, wenn die Medien den Finger auf Menschen gerichtet hätten, die es hinterher gar nicht waren

Was wäre gewesen, wenn speziell die Medien vorschnell den Finger auf Menschen gerichtet hätten, die es hinterher gar nicht waren. Sollten etwa der Kölner Polizeipräsident oder der CSU-Vorsitzende, gerade als sich der kulturelle Konflikt langsam herausschälte, durch schnelle Festlegungen oder harte Interpretationen noch Öl in ein Feuer gießen, das viele bis auf jene Rechtsaußen lieber klein halten möchten.

Und sollten die sensibilisierten Bürger das kritisieren? Ja, es könnte vielleicht auch zu einem größeren Engagement bei Wahlen führen, weil ein gewisser Ruck nach Rechts ja durchaus die Folge sein könnte und sich manche dann doch genötigt sehen, zur Wahl zu gehen, wie man es in Frankreich bei Stichwahlen erlebt, an denen der Front national beteiligt ist.

Denn eines ist langsam klar geworden: Die Situation ist wirklich äußerst schwierig. Von den Tätern wird man wohl nicht viele hart verurteilen, weil ein Rechtsstaat seinen Regeln folgen muss. Das wird für viele eher noch unbefriedigender werden.

Soll man wirklich viele weitere junge Männer ins Land lassen?

Wie geht man mit den Menschen um, die in letzter Zeit nach Deutschland gekommen sind? Konkret wie verhindert man Wiederholungen? Wer bringt jenen jungen Männern die hier nötigen Hemmschwellen bei, damit sie sich richtig benehmen lernen und damit Frauen ohne Angst in Köln in den Zug steigen können? Damit sich das gesellschaftliche emanzipierte Klima nicht dramatisch verändert! Und soll man wirklich noch viele weitere ins Land lassen?

Auch jenen, die das befürworten, muss jetzt klar sein, dass die Prozesse der Integration noch viel schwieriger werden, als man es erwartete. ‚Wir schaffen das!' Eigentlich muss das Seehofer jetzt selber hoffen.

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