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Wir Europäer müssen unseren Werten treu bleiben

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EUROPE
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Erstmals in der Geschichte der Europäischen Union stellt Desintegration eine tatsächliche Option dar, mit der Populisten und Nationalisten das bisher Erreichte zerstören wollen. Diese Gruppen scheinen jedoch zu vergessen, welch langen Weg die Europäer zurückgelegt haben von einem Kontinent der Feindschaft zu einer Europäischen Union, die sich auf gleiche Werte beruft und in der heute die Menschen "in Vielfalt geeint" zusammen leben. Wie immer in der Politik der europäischen Einigung liegen somit Licht und Schatten nahe beieinander.

Leid, Elend und Tod als Folge von Feldzügen und Schlachten um Grenzen und Territorien - jahrhundertelang war dies die Regel gewesen und nicht die Ausnahme. Dieses schwarze Kapitel europäischer Geschichte musste ein Ende finden! Die Gründerväter der Europäischen Union zogen mit Mut und Weitsicht die richtigen Lehren aus der von Hass und Groll beherrschten Vergangenheit unseres Kontinentes. Mut und Weitsicht sowie Entschlossenheit und Zuversicht sind auch heute die Voraussetzungen dafür, dass wir Europa erfolgreich gestalten.

Die Europäischen Institutionen entstanden dabei nicht in einem großen Wurf, nicht in einem einzigen Schritt. Die Gründerväter waren sich bewusst darüber, dass Europa sich etappenweise und am konkreten Sachgegenstand würde zusammenfinden müssen. Auch war es nicht entscheidend, für alle Probleme sofortige Lösungen zu finden, sondern Verfahren zu entwickeln, wie auf zivilisierte und gewaltfreie Weise Probleme und Aufgaben schließlich auf rechtlicher Grundlage gelöst werden können.

Frieden war das Wort, auf das es ankam, auf das es auch heute noch ankommt und in der Zukunft ankommen wird. Die Rückkehr zu nationalstaatlichem Denken würde alles gefährden, schließlich auch den Frieden, die größte Errungenschaft der Europäischen Union.

Ein Kontinent der Weltoffenheit und der Weltfähigkeit

Wir wollen ein Kontinent der Weltoffenheit und der Weltfähigkeit sein. Weltoffenheit beginnt zu Hause, im Umgang mit den unter uns lebenden Menschen aus anderen Kulturen und Kontinenten. Weltfähigkeit setzt sich fort in unserer Politik der Partnerschaft gegenüber denen, mit denen wir diese eine Welt teilen.

Unser Wohlergehen ist dabei abhängig vom Wohlergehen unserer Nachbarn und Partner! Bei allen Problemen der Europäischen Union sollten wir aber auch niemals vergessen: Wie alles Menschliche bleibt die europäische Einigung unvollkommen. Sie erfordert in jeder Zeit Einsatz und Anstrengungen.

Der Glaube, es bleibe oder werde schon alles gut, reicht nicht. Wir benötigen heute mehr denn je ein Europa der Resultate! Von dem Schriftsteller Reinhold Schneider ist uns eine wertvolle Mahnung überliefert, die wir dabei beherzigen sollten: „Geschichte ist unerbittlich: sie gewährt die Tat nur ein einziges Mal und verzeiht es nicht, wenn die Stunde der Tat versäumt wird."

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Für mich besteht die politische und moralische Aufgabe für die Zukunft darin, unsere gemeinsamen europäischen Werte nicht nur rhetorisch sondern auch bei unserem politischen Handeln zu verteidigen. Die Europäische Union wird nur eine Zukunft haben, wenn wir Europäer unseren Werten treu bleiben:

der Einigung unseres Kontinents auf der Grundlage der Würde des Menschen, der Menschenrechte, der Freiheit, der Demokratie, des Friedens, des Rechts sowie der Prinzipien von Solidarität und Subsidiarität. Dabei muss uns das Bewusstsein leiten, dass Heimat, Vaterland und europäische Einigung kein Gegensatz sind, sondern zusammen gehören und uns befähigen, den heute und in Zukunft notwendigen Dialog der Kulturen und Religionen in der Welt erfolgreich zu bestehen.


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Hans-Gert Pöttering: „Wir sind zu unserem Glück vereint. Mein europäischer Weg", zweite, durchgesehene Auflage 2016, Böhlau-Verlag in Köln, ISBN 978-3-412-50196-9, Preis: € 29.99. Der Erlös aus dem Verkauf des Buches geht an Renovabis, das Osteuropa-Hilfswerk der Katholischen Kirche in Deutschland.

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