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Das Glück der frohen Erwartungen

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GLCK
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Die Glückskonjunktur boomt mit Kaufrausch und Massenevents. Eigentlich ein zentraler Indikator für durchweg glückliche Menschen. Doch sind sie wirklich glücklich? Oder trügt der Schein, denn von der intensivsten und nachhaltigsten Glücksfraktion spricht kaum jemand.

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Entgegen zahlreicher medialer Behauptungen, lässt sich Glück nicht verordnen, nicht einflößen und auch nicht lernen, sondern entsteht immer nur aus eigener Bewertung der Lebenssituation heraus. Ein flüchtiges Wild, das sich nicht festhalten und kaum beeinflussen lässt.

Zu allem Überfluss werten unsere Gehirne das Glück noch relativ. Das heißt: jeweils im Verhältnis zum augenblicklichen Dasein. - Einem Millionär entlockt der Gewinn von 5.000 Euro allenfalls ein müdes Lächeln, während ein Sozialhilfeempfänger wochenlang in der Erfüllung seiner kühnsten Träume schwelgt.

Gehirne sind auf Glücksstreben programmiert

Also aufgeben und alles treiben lassen? - Nein, das können unsere Gehirne nicht. Sie sind quasi auf Glücksstreben programmiert. Schon jedes aufkommende Problem während einer Handlung zeigt dies unmissverständlich. Der Tatenfluss stockt mit einem miesen Gefühl, wir zweifeln. Daraufhin mobilisiert das Gehirn zusätzliche Erinnerungen, die sich nach und nach im Bewusstsein zeigen, um eine Lösung zu finden.

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Doch diese Gedanken bringen auch ihre gespeicherten Emotionen mit. So spüren wir beim Denken nacheinander wechselnde negative Gefühlslagen. Erst, wenn sich wieder ein gutes Gefühl einstellt, lässt sich mit der Entscheidung die Handlung fortsetzen.

Wir folgen also immer dem guten Gefühl aus dem Gehirn. Und mitunter landen wir so direkt im Glück, das allerdings in zwei elementar unterschiedlichen Fraktionen erscheint.

  1. Das Glück des Genusses, der Lust. Zum Beispiel beim Zusammensein mit Freunden, einer Flasche Wein, der körperlichen Zweisamkeit, kurz nach einem Lottogewinn, aber auch erweckt durch Schadenfreude sowie beim Kauf begehrter Güter.
  2. Das Glück der frohen Erwartung, der Hoffnung. Ausgelöst nur durch Gedanken an ein abendliches Zusammensein mit Freunden, der Aussicht auf Anerkennung nach getaner Arbeit oder der begründeten Hoffnung, eine schwere Krankheit endlich überwinden zu können.

"Ich will Spaß"

Das Glück des Genusses verbreitete sich in Deutschland mit der sogenannten »Neuen Deutschen Welle«. Sie suggeriert uns seit etwa 1970 über die Populärmusik leichtes, lockeres Leben. Angefüllt mit Spaß, Spaß und noch mal Spaß. Auf den Punkt gebracht von »Markus« mit seinem Lied »Ich will Spaß«, das 1982 sogar die Hitlisten anführte.

Noch heute wächst die sogenannte Spaßgesellschaft beängstigend. Millionen Menschen finden sich täglich in Events zusammen, um Spaß zu genießen. Sich den anderen zu präsentieren, sich mit flotten Sprüchen hervorzuheben, sich vielleicht zu verlieben. Angetrieben schon morgens mit kessen Witzelchen aus dem Radio und abends mit launigen Massenveranstaltungen im Fernsehen.

Auch erfolgreiche Werbung lebt heute vorwiegend von Glücksversprechen. Denn zur Schau gestelltes Glück ist beinahe zum gesellschaftlichen Zwang angeschwollen. Wer nicht mitmacht, wird zum Außenseiter, zum Glückmuffel gestempelt. - Doch sind Glückmuffel wirklich unglücklich?

Herbert Laszlo, ein österreichischer Wissenschaftler erforschte Glück beim Einkaufen. Dabei kam er zur Überzeugung, dass nur unglückliche Menschen übermäßig kaufen. Anders ausgedrückt: Nur unglückliche Menschen suchen exzessiv nach Glück.

Glückserlebnisse wie Drogenrausch

Weitere Wissenschaftler fanden die Ursachen dafür. Glückserlebnisse erzeugen im Gehirn ähnliche Reaktionen wie Drogen. Dies gilt auch für den gefürchteten Drogenkater danach, der uns oft einen ganzen Tag lang quält, meist aber nur schmerzlos unglücklich macht und nach mehr sowie immer stärkeren Glückserlebnissen lechzen lässt.

Denn die gehirneigenen Botenstoffe, die sogenannten Glücks-Transmitter, gibt es nur begrenzt. Der Kater signalisiert also vornehmlich den Erschöpfungsmangel dieser Botenstoffe, sodass meist nur noch verdrießlich stimmende Stoffe bleiben.

Auch wenn Glücksapostel uns täglich aus allen Medien heraus einhämmern: „Genießt den Augenblick, nur das Hier und das Jetzt ist Erfüllung." - Sollten wir uns fragen: „Kann das wirklich stimmen? Spüren wir das Leben nicht ganz anders?

Denken wir nur an Weihnachten zur Kinderzeit. Zählten wir nicht Tag für Tag am Adventskalender alle noch geschlossenen Türchen bis hin zum Heiligen Abend? Erlebten wir nicht Tage, die nie vergehen wollten, aber ausgefüllt waren mit glücklicher Erwartung. - Doch wie schnell verglühte dann der Genuss auch vieler wertvoller Geschenke ebenso wie der ganze Heilige Abend.

Das Glück froher Erwartungen

2015-11-19-1447925953-8361773-HoffnungfrBobbymitUnterschriftIMG_0717.JPG Und wie ist es mit Schmerz und Entbehrungen? Wie ließen sich solche Qualen je ertragen, wenn nicht Hoffnung auf bessere Zeiten trösten würde? Selbst büffeln in der Schule sowie nächtelanges laborieren mit ellenlangen Differenzialgleichungen im Studium machten uns nichts aus, solange jene Hoffnung strahlte. - Wenn Ricky oder Bobby, meine beiden Retriever, krank sind und es ihnen richtig schlecht geht, dann bin ich sehr traurig darüber, ihnen keine Hoffnung auf Besserung geben zu können.

Dieses Glück froher Erwartungen, wirkt intensiver und nachhaltiger als jeder tosende Glücksgenuss. Doch kommt es auf leisen Sohlen, ohne Getöse, ohne Brimborium. Kaum vorzeigbar - aber angefüllt mit der Energie zur Tat, zum persönlichen und gesellschaftlichen Fortschritt.

Es ist das Glück jener, die der tosenden Spaßgesellschaft keinen Genuss abringen konnten die scheinbar unglücklichen, die Glücksmuffel. Auch wenn sie oft verlacht oder verspottet werden, sind sie doch die eigentlichen Sieger. Sieger über die unglücklich machende Spaßgesellschaft im selbst abgeschlossenen Hamsterrad der Glückssucht, aus dem zu entkommen scheinbar nur wenigen gelingt.

Doch mit fortschreitender Lebenserfahrung oder auch früher nach beruflichen oder gesundheitlichen Lebenseinschnitten werden Menschen meist gelassener. Wenden sich ab vom Glücksgetöse und finden dabei jenes Glück froher Erwartungen, das sie zeitlebens begleiten wird. Denn es ist auch eine Droge.

Eine natürliche nachhaltige Droge, die jedoch auch etwas fordert. Nämlich Anstrengungen für kleine und große Ziele. - Ziele, die sich unter dem Stichwort »Glück« zahlreich im Internet finden. Besonders übersichtlich und oft sogar kritisch gesehen im Glücksarchiv.

Wasser im Wein?

Sogenannte Glücksexperten schütten jedoch gern »Wasser in den Wein« froher Erwartungen. Sie propagieren eine simple Glücksformel: Glück = Realität minus Erwartungen. Danach erzeugen überzogene Erwartungen negatives Glück. Spürbar als glücksvernichtende Enttäuschung.

Doch sind wir wirklich so einfältig, unsere Tagträume mathematisch starr zu werten? Ganz sicher hat uns das Leben schon häufig mit der Essenz dieses Zitates unbekannter Herkunft geläutert.

Es kommt nie so schön wie erhofft, aber auch selten so schlimm wie befürchtet.

Dies erkennend brauchen wir uns keinen Hemmungen beugen und ausgiebig im Glück froher Erwartungen baden. Selbst wenn unsere Fantasie jedes Wunschziel ausschmückt, um es viel leuchtender erscheinen zu lassen als es jemals eintreten kann.

Denn glücksbringende Tagträume wirken nicht nur konstruktiv und motivierend, sondern dauern meist hundertmal länger als eine kleine Enttäuschung am Ziel. Ganz zu schweigen vom Stolz auf das vollbrachte Werk.

Ebenfalls nicht enttäuschen ließen sich beinahe alle Bürger der Bundesrepublik Deutschland nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg. Die Hoffnung auf »blühende Landschaften« aus Schutt und Asche trieb Millionen Frauen und Männer zur Tat.

Es war der Auftakt zum deutschen Wirtschaftswunder, das uns 20 Jahre lang zur gefühlt glücklichsten Nation der Welt machte. Auch wenn sich die zur Motivation notwendigen millionenfachen Tagträume nicht immer vollständig erfüllten.

Die Erkenntnis, dass Lust nur wenig mit nachhaltigem Glück gemein hat, entstand aus Einsichten zu ganzheitlichen Gehirnfunktionen. Ergänzt durch gezielte Beobachtungen im sozialen Umfeld.

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