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0,1 Prozent. Das Imperium der Milliardäre - schamloser Reichtum

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IMPERIUM DER MILLIARDAERE
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Unter dem Titel »Future Strategic Context« stellte das britische Verteidigungsministerium seinem strategischen Militärinstitut im Jahre 2007 die Frage, welche Kriege und Konflikte die Welt in dreißig Jahren bedrohen werden.

Ein überraschendes Ergebnis war, »dass die Militärs sich vor Neomarxisten in der globalen Mittelklasse fürchten«. In einer düsteren Vision warnen die Autoren der Studie davor, dass sich im Jahre 2037 mehr als sechzig Prozent der Menschen weltweit in verslumten Städten zusammendrängen werden und dass diese Zusammenballung von Not, Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit einen gewaltigen sozialen Sprengsatz darstellt.

Während die fortschreitende internationale Integration Kriege zwischen Staaten völlig zum Erliegen bringt, werden an deren Stelle Konflikte innerhalb der Gesellschaften treten - Bürger-, Sippen- und Klassenkriege. Kurz: »Der Krieg der Staaten geht, der Konflikt der Klassen kommt.« In dieser Situation, fahren die britischen Militärstrategen fort, »könnten die Mittelklassen eine revolutionäre Klasse werden und jene Rolle übernehmen, die Marx für das Proletariat vorgesehen hatte«. Aufgerieben zwischen »wachsender sozialer Verelendung einerseits und dem schamlosen Leben der Superreichen andererseits« könnten sich die »Leistungs- und Wissenseliten, die früher einmal Bildungsbürger und Facharbeiter genannt wurden«, zu einem schlagkräftigen Interessenverbund zusammentun.

Diese »neue Klasse« würde dann politisch für ihre eigenen grenzüberschreitenden Interessen gegen den Kapitalismus der Superreichen kämpfen.

Wenn von Strukturen und Akteuren des Reichtums, insbesondere in Europa, die Rede ist, sollte man dieses »Rette-sich-wer-kann«-Szenario, von wahrlich kompetenter Seite entwickelt, im Hinterkopf behalten.

Reichtum kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Zunächst einmal geht es um die Frage der Vermögenskonzentrationen.

Die Reichen sind immer reicher geworden, auch und gerade in Europa. Dafür gibt es eine Fülle von empirischen und statistischen Indizes, auch wenn sie bislang in keiner Weise zureichend systematisch erschlossen und analysiert worden sind.

Und selbst hinsichtlich der Frage, was Eigentum - und sogar Geld - unter den heutigen Bedingungen ist, steht Klärung aus.

Zweitens geht es um ein klassentheoretisches Problem, also um die Frage, ob sich eine (neue) herrschende Klasse auf der Grundlage dieser Akkumulationsprozesse herausbildet. Hier gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze, aber noch bei weitem keinen Konsensus unter den kapitalismuskritischen Beobachtern. Drittens geht es um eine epochenspezifische Bestimmung dieses historisch einmaligen Akkumulationsprozesses.

Im Zentrum aber steht die zweite Ebene, die klassentheoretische Frage, die Frage nach dem »Wer« beziehungsweise nach dem »Wer -Wen«. Doch muss man gleich vorausschicken, dass die Postulierung einer europäischen herrschenden Klasse verfrüht beziehungsweise auch nach anderthalb Jahrhunderten marxistischer und nichtmarxistischer Klassenanalyse noch den Gefahren der Vereinfachung und Mythologisierung ausgesetzt ist.

Man sollte deshalb zunächst einmal versuchen, die Akteure und Profiteure einer möglichen »Refeudalisierung« Europas als ein komplexes Netzwerk teils kooperierender, teils konkurrierender Eliten darzustellen. Und um dieses Netzwerk vorurteilsfrei zu erkunden, tauchen Begriffe wie »Geldmachtapparat « oder »Geldmachtkomplex« auf.

Was nun Elitenherrschaft angeht, gibt es einige sehr nützliche konzeptuelle Exportartikel oder franchises aus den USA: erstens den Begriff einer Power Elite, die im Gefolge des New Deal und des Zweiten Weltkriegs entstand und in welcher der alte Kern plutokratischen Reichtums zunehmend von Verwaltungseliten, Spitzenexperten, Großwissenschaftlern, Gewerkschaftern, Konzernmanagern, politischen Generälen und politischen Direktoraten umringt und zum Teil eingeengt wurde.

Zweitens erschien der Begriff eines Militär-Industrie-Komplexes (MIK), der nach dem Zweiten Weltkrieg als Folge der (völlig asymmetrischen) Systemauseinandersetzung entstanden ist. Dieser Pentagon-Kapitalismus hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges und nicht zuletzt unter dem Einfluss der neuen Informationstechnologien sogar noch enorm ausgeweitet und stabilisiert, so dass er heute noch mächtiger und in gewissem Sinne stabiler ist als der Finanz- oder Wall-Street-Kapitalismus, über den gegenwärtig alle reden. Und diese Konzepte umschreiben allesamt eine Wirklichkeit.

In diesem Netzwerk beginnen sich - und bleiben wir in Europa - verschiedene, per se höchst interessante Gruppen heimisch zu machen.

Zum Beispiel: über Generationen vererbter dynastischer Reichtum; der immer noch potente europäische Adel; mittels technischer, finanzieller und konsumstrategischer Innovationen zusammengeraffter Neureichtum; durch korrupte Privatisierungspraktiken hochgekommene Oligarchen; Mafiamilliardäre.

Der Mythos der Meritokratie, also der Leistungsgesellschaft, ist verblasst. Superreichtum wird zu einer Gefahr für die Demokratie. Schon zu Clintons Zeiten konstatierte William Pfaff, der bekannte Leitartikler des International Herald Tribune, für die USA:

»Der wichtigste Wandel unserer Zeit ist die Aufwertung der Rolle des Geldes bei der Bestimmung der Frage, wie Amerika regiert wird. Diese Rolle war niemals gering, aber sie gewann eine neue Dimension, als der Oberste Gerichtshof entschied, dass Geld, welches für die Wahl von Kandidaten und für die Förderung von privaten und kommerziellen Interessen in Washington ausgegeben wird, eine Form der verfassungsmäßig geschützten Meinungsäußerung darstellt. Dadurch wurde eine repräsentative Republik umgewandelt in eine Plutokratie.«

Und diesen Topos entwickelt zum Beispiel der amerikanische Autor Kevin Phillips, einst Berater der Republikanischen Partei, unermüdlich weiter. Das gegenwärtige Anwachsen des privaten Reichtums sei nur mit dem goldenen Zeitalter der vorletzten Jahrhundertwende und den Zwanzigern zu vergleichen. In jeder dieser Perioden hätten die großen Vermögen die demokratischen Werte und Institutionen unterminiert und schließlich die Wirtschaft ruiniert.

Die Frage, auf welche Weise diese Multimillionäre zu ihrem Reichtum gekommen sind, ist ebenso komplex wie die Antwortmöglichkeiten. Zusammenfassend aber lässt sich eine einfache These formulieren: Unter dem Banner des Neoliberalismus ist ein Geldmachtapparat entstanden, welcher unternehmerische Eigentumsoperationen, die Generierung von Einkommen aus allen möglichen Quellen (insbesondere den Finanzmärkten), die Vererbung und auch den Raub in einen abgestimmten und vermachteten, netzwerkartigen Zusammenhang bringt. In ihm wird vor allem auch das klassische Betriebsvermögen in Gestalt von kleinen und großen Unternehmen immer »flexibler« gehandhabt, hin und her geschoben, kurzfristig veräußert, zusammengelegt, »filetiert« und so weiter, so dass es heute in erster Linie solche Geschäfte mit verflüssigtem Betriebsvermögen (und nicht Geschäfte auf der Basis von Betriebsvermögen) sind, welche die großen Revenuen erbringen.

Die sozialstrukturelle und kulturelle Basis dieser Geldvermögen und verflüssigten Betriebsvermögen muss gesichert werden. Dazu gehört, um mit einem oft vernachlässigten, soziologisch aber wichtigen Aspekt zu beginnen, die Bedeutung des Gebrauchsvermögens im Luxussegment. Luxuskonsum dient der Sicherung des soziokulturellen Status. Der hier fällige Begriff der conspicuous consumption, des demonstrativ auffälligen Konsums, wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts vom amerikanischen Ökonomen und Soziologen Thorstein Veblen eingeführt, um die Macht- und Herrschaftsfunktion eines aufwendigen, durchaus auch müßigen Lebensstils zu erfassen.

Indem die Geldelite materielle und immaterielle Güter, Dienstleistungen und so weiter des Luxusmarktes in auffälliger Weise konsumiert, demonstriert sie nicht nur ihre abgehobene Stellung, sondern fixiert auch alle übrigen Schichten auf ganz bestimmte Vorstellungen von »Glück«.

In diesem Sinne waren und sind beispielsweise die Wohnsitze der Vermögenden ein zentraler Raum für conspicuous consumption, vom Feudalismus bis heute. Gerade auch für Europa lässt sich die Agglomeration von Luxusimmobilien in bestimmten Stadtteilen, in bestimmten Landstrichen (Küsten, Inseln, Kleinstaaten wie Monaco und so weiter) gut und über historisch lange Strecken illustrieren.

Auch Mobilität war schon immer ein Feld demonstrativen Konsums - von Kutschen zu Maybachs und Privatjets. Zur Illustration: Neben den zahllosen Gulfstreams und so weiter gibt es auf der Welt ungefähr fünfzig private Boeing 747er und sogar 777er und etliche Airbus 380 (Flugzeuge, die normalerweise 400 Passagiere befördern) mit Interieurs, entworfen für das Pläsier von höchstens einem Dutzend exklusiver Fluggäste.

Megamotoryachten erleben einen nie gekannten Bauboom, ihre Größe steigt rapide, Anschaffungskosten, Verbrauch und Liegegebühren gehen ins Astronomische,
ebenso aber auch der Prestigeeffekt und die Möglichkeit der Erzeugung von Netzwerk- und Abhängigkeitseffekten an Bord.

Im übrigen spielt auch der Kunstmarkt eine besondere - und besonders subtile - Rolle im Bereich des demonstrativen Konsums.

Wenn, wie jüngst geschehen, ein unscheinbarer, bislang in diesen Kreisen nie gesehener Privatmann (Beobachter vermuteten: ein Russe) auf einer Sotheby-Auktion Picassos »Dora Maar mit Katze« für 95,2 Millionen Dollar, einen Monet für fünf Millionen und noch schnell einen Chagall für 2,5 Millionen Dollar ersteigert und wenn Derartiges immer häufiger in den großen Auktionshäusern geschieht, so steckt dahinter eine »Vermögenskultur« im Umfeld des Geldmachtapparats, die noch kaum erforscht ist.

Auch kulturelles Kapital im Sinne Pierre Bourdieus, vor allem Bildungsprivilegien und -titel, wird für den Ausbau des Geldmachtapparats funktionalisiert. Eliteuniversitäten bleiben den Kindern der Reichen vorbehalten - und den sorgfältig ausgelesenen Best and Brightest aus den übrigen Schichten, welche eines der dünn gesäten Stipendien ergattern und später gehobene Dienstleistungspositionen einnehmen dürfen. Die übrigen Bildungswilligen müssen sich verschulden.

Amerikanische Hochschulabsolventen verlassen inzwischen ihre Universität mit einem durchschnittlichen Schuldenberg von 27.000 Dollar. Und in Großbritannien äußern Politiker die Sorge, »dass das Schuldengespenst die jungen Leute veranlassen könnte, höhere Bildung als ein Luxusgut zu betrachten und aufzugeben - mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes«.

Letztlich jedoch drücken sich die Bedeutung und Funktion kulturellen Kapitals für die Geldelite nicht in individuellen Bildungskarrieren aus. Wirklich großer Reichtum schafft sich Netzwerke der Kultur und Bildung, welche an die höfische Gesellschaft erinnern.

Kulturelles Kapital erscheint heute wieder in Gestalt von ganzen Entouragen gebildeter, kultivierter, wissenschaftlich spezialisierter Berater, Hofschranzen und so weiter. Denn formelle und informelle Bildungsgüter werden erst vermögenswirksam, wenn sie zur Kultivierung des Geldmachtapparats insgesamt führen, zu einer »Vermögenskultur«, die sich in Stiftungen, Think-Tanks und dergleichen institutionalisiert.

Ähnliches gilt für das soziale Kapital der Geldeliten. Zweifellos spielt der in familialen und transfamilialen Milieus erworbene individuelle Habitus bei der Selbstorganisation der Geldelite eine wichtige Rolle, ebenso bei der Rekrutierung des engsten Hilfspersonals. »Für die Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft«, schreibt Michael Hartmann, »ist nicht, wie von ihren Repräsentanten immer wieder betont wird, die Leistung ausschlaggebend, sondern der klassenspezifische Habitus der Kandidaten ... Es handelt sich dabei um jene Selbstverständlichkeit im Auftreten, die für ›Eingeweihte‹ den entscheidenden Unterschied zwischen denen, die dazugehören, und denen, die nur dazugehören wollen, markiert.«

Andererseits aber muss Sozialkompetenz nicht unbedingt direkt in einer Person oder Familie konzentriert sein. Sie ist ein Klassenmerkmal. Wer sich »Sozialtrainer«, Imageberater oder auch nur Bodyguards leisten kann, verfügt über kollektives soziales Kapital, selbst wenn er als Person ein stotternder Autist ist.

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Erschienen am: 19.01.2015, ISBN: 978-3-86489-090-1, 288 Seiten, Westend Verlag

Video: Von Vermögenden lernen: Das machen Deutschlands Reiche mit ihrem Geld


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