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Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

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Jeder liest anders. Was dem einen auffällt, ist für die andere ohne Bedeutung. Was der einen bleibt, daran erinnert sich ein anderer manchmal gar nicht. Trotzdem haben die, welche Bücher lesen, etwas gemeinsam: sie alle gehen die Lektüre voreingenommen an. "Die Vorstellung von Unvoreingenommenheit ist eindeutig eine Schimäre. Literatur unvoreingenommen zu begegnen würde heissen, aus dem Nichts zu kommen, ein Niemand zu sein", schreibt Tim Parks in Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen (Antje Kunstmann Verlag, München 2016).

Der Titel deutet es an: Worüber wir sprechen, wenn wir von Büchern sprechen ist ein Buch übers Lesen, aber eben nicht nur, denn es ist auch ein Buch übers Schreiben. Doch so recht eigentlich ist es viel mehr, ein Buch nämlich, in dem sich der Schriftsteller, Übersetzer und Universitätsdozent mit seinem Leben auseinandersetzt.

Tim Parks, geboren 1954 in Manchester, wuchs in London auf und lebt seit 1981 in Italien. Er weiss also aus Erfahrung, dass eine Sprache zu lernen auch bedeutet eine Kultur zu lernen. "Wenn man eine Sprache erlernt, dann erwirbt man nicht nur ein neues Kommunikationsmittel, sondern man steigt in eine andere Kultur ein, man fängt an, sich zu interessieren."

Und wenn nicht, wird man gelegentlich gezwungen, etwa von der Bürokratie. "Italien, wo ich lebe, ist trotz seines überdurchschnittlichen Talents für Bürokratie in dieser Hinsicht allerdings kaum schlimmer als Grossbritannien oder die USA (meine Erfahrungen sowohl mit Grossbritannien als auch mit den USA legen sogar die Vermutung nahe, dass es in diesen beiden Ländern schlimmer ist)."

Der universelle Reiz guter Literatur

Eine der Leiterinnen des Edinburgh Book Festival erklärt Parks: "Wenn ein Buch wirklich gut ist, dann erreicht es jeden, überall auf der Welt.". Er entscheidet sich den advocatus diaboli zu spielen: "Es ist interessant", sage ich zu ihr, "dass dieser Glaube an den universellen Reiz guter Literatur so wunderbar mit den Bedürfnissen der Wirtschaft harmoniert. Je besser ein Buch ist, je mehr es über seinen lokalen Kontext hinausgeht, desto mehr Leute werden es kaufen."

Es ist dieses In-Frage-Stellen von allgemein Akzeptiertem, das meist ohne gross nachzudenken einfach nachgeplappert wird, das Tim Parks unter anderem auszeichnet. Doch er wäre nicht Parks, wenn er es dabei belassen würde. Stattdessen zieht er die ganz wunderbare englische Autorin Barbara Pym heran, deren Werk sich nach ihrem Tod in den USA grosser Beliebtheit erfreute, um auszuführen, worum es ihm zu tun ist.

Für amerikanische Leser galt Pym als "Quelle englischer Absonderlichkeiten", die jedoch einem englischen Leser beileibe nicht absonderlich erschienen. Vielmehr enthielten ihre Erzählungen die Aufforderung, "sich mit der Tatsache abzufinden, dass, wie trivial auch immer, ein Faible für soziale Details auch Trost spenden oder zumindest einen Unterschlupf gewähren kann, wenn einem kalte existenzielle Stürme ins Gesicht blasen."

Im chloroformierten Allerheiligen

Einer der für mich witzigsten Essays in diesem Band handelt von den akademischen Kritikern, die gemäss Geoff Dyer, alles töten, was sie anfassen, was Parks, der selber akademische Kritiken ("die unverzichtbare Eintrittskarte, wenn man an einer Universität unterrichten will") schreibt, übertrieben findet. Er führt drei Textpassagen von verschiedenen Kritikern an und obwohl sie kurz sind, hatte ich, des Jargons wegen, keine Lust sie ganz zu lesen. Parks ist da gnädiger: "Jede dieser drei Textpassagen enthält nützliche, fast schon allgemein verständliche Beobachtungen zu den behandelten Texten."

Dass Verständlichkeit nicht das Ziel akademischer Texte ist, ist bekannt. Und natürlich lässt sich das auch begründen "mit der Konzentration auf das Verborgene statt auf das Offensichtliche; auf die Technik statt auf den Inhalt. Bereiche, in denen der Kritiker besondere Fachkenntnisse beanspruchen kann, werden betont, während das, was ein Buch im Leben des Autors bedeutet, heruntergespielt wird, so als befürchte man, jeder x-beliebige Laie könne sich berechtigt fühlen, mitzureden."

Blöde Fragen

Blöde Fragen gebe es nicht, nur blöde Antworten, wird immer mal wieder behauptet. Und ist deswegen noch lange nicht wahr, denn blöde Fragen gibt es nicht zuwenig. Selten habe ich das besser und selbstironischer vorgeführt gekriegt als im Essay "Blöde Fragen" - Tim Parks stellt eine gleich selber.

In diesen Essays wimmelt es von Autoren, die ich entweder nicht kenne oder von denen ich kaum etwas gelesen habe. Und dann gibt es natürlich auch die, die ich kenne und auf die mir Parks einen neuen Blick erlaubt. Auf Peter Stamm etwa, der offenbar nie einen Hinweis darauf gibt, wo seine Romane spielen. Oder auf Jonathan Franzen, der kaum "greller amerikanisch" sein könnte. Oder auf Alice Munro, "mit ihren unzähligen stillen, traurigen Erzählungen über Leute, die ihre Ziele nicht erreichen" - die will ich mir gleich wieder vornehmen.

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen ist glänzend geschrieben, höchst anregend und stiftet zum reflektierenden Lesen an. Ein Lesegenuss!