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Wie das Wissen um unsere Sterblichkeit unser Leben beeinflusst

13/05/2016 10:40 CEST | Aktualisiert 14/05/2017 11:12 CEST
Johner Images via Getty Images

"Wir entwickeln Charakter und Kultur, um uns mit ihrer Hilfe vor dem niederschmetternden Gewahr werden unserer grundsätzlichen Hilflosigkeit und der Furcht vor unserem unausweichlichen Tod zu schützen", sagte der Kulturanthropologe und Verfasser von "Die Überwindung der Todesfurcht", Ernest Becker, kurz vor seinem Tod am 6. März 1974 im Alter von neunundvierzig Jahren.

Die Autoren Sheldon Solomon, Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski haben die intellektuelle Reise Beckers fortgeführt und versucht aufzuzeigen, "bei wie vielen Gelegenheiten sowohl die edelsten als auch die abstoßendsten Formen menschlichen Strebens von dem Bewusstsein getrieben werden, dass wir sterblich sind, und darüber nachzudenken, wie wir diese Einsichten zur persönlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung nutzen können." Dabei herausgekommen ist Der Wurm in unserem Herzen. Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst. (DVA, München 2016)

"Es gibt mittlerweile überzeugende Beweise dafür, dass der Tod in der Tat der Wurm ist, der Menschen das Dasein madig macht", schreiben die Autoren. Brauchte es da wirklich Beweise? Ist das nicht selbstverständlich? Für wissenschaftsgläubige Sozialpsychologen offenbar nicht. Diese wollen jedoch nicht nur zeigen, dass die Angst vor dem Tod eine der Hauptantriebskräfte menschlichen Handelns ist, sondern "dass diese Angst menschliches Handeln weit stärker prägt, als den meisten von uns klar ist."

Sie tun dies anhand vieler spannender Geschichten und darüber hinaus bezugnehmend auf zahlreiche Untersuchungsergebnisse. Auch wenn ich ihren Glauben an die Aussagekraft von Fragebogen und Laborstudien nicht teile, ihre vielfältigen Ausführungen (etwa zum Narzissmus) finde ich höchst anregend und instruktiv.

"Das positive Gefühl für den eigenen Wert ist Grundvoraussetzung für menschliches Handeln ... Im Unterschied zum Pavian, der allein vom Futter lebt, ernährt sich der Mensch vor allem von seiner Selbstachtung", meint der eingangs zitierte Ernest Becker. Doch was ist eigentlich ein gutes Selbstwertgefühl? Und worin zeigt es sich? "Es bedeutet, mit sich im Einklang zu sein, sich in seiner Haut wohlzufühlen und davon überzeugt zu sein, dass man ein wertvoller Mensch ist."

Ein gesundes Selbstwertgefühl bietet dem Menschen Schutz vor seinen tiefsten Ängsten. Soweit so gut und was sollen jetzt die tun, denen die Selbstachtung abgeht? "Eine Strategie besteht darin, Menschen zu einem vielschichtigen Selbstbild zu ermuntern." Unsere Identität besteht aus unterschiedlichen Aspekten und diese wiederum entsprechen unterschiedlichen sozialen Rollen. So kann etwa ein toller Anwalt ein schlechter Fussballspieler und ein guter Vater ein miserabler Mechaniker sein.

"Ein anderer Ansatz ist die Schaffung von sozialen Rollen und Chancen für Menschen, die anderweitig ausgegrenzt und gering geachtet blieben. So ist etwa ein junger, kognitiv beeinträchtigter Autist mit zerebraler Kinderlähmung in den herkömmlichen Schulen und im organisierten Freizeitsport nie gut klargekommen. Als er jedoch das Schwimmen entdeckte, wurde er zu einem der schnellsten Brustschwimmer der Welt.

Erfolg als Lösung? Und der Massstab sind die anderen? Mir scheint das wenig überzeugend, inspirierender finde ich das Beispiel der jungen Frau, die nicht bereit ist, sich stigmatisieren zu lassen und ganz einfach tut, was und wie es ihr gefällt. Dazu gehört auch, sich beim Schulessen, das ihr schmeckt, zu bedienen. Andere Schüler verschmähten das Gratis-Schulessen, weil es sie in ihren Augen zu Bedürftigen stempelte.

Die Autoren gehen auch der Frage nach, wie unsere Vorfahren mit dem Tod umgegangen sind. Diese "erschufen ein übernatürliches Universum, das ihnen ein Gefühl der Kontrolle über Leben und Tod vermittelte". Und sie versuchten, wie auch wir Heutigen, unsterblich zu werden, sei es mittels Alchemie, Wissenschaft oder symbolisch (durch das, was wir zurücklassen). Für Woody Allen ist das allerdings keine Lösung: "Ich möchte nicht durch meine Arbeit unsterblich werden, sondern dadurch, dass ich nicht sterbe."

Auch wenn, wie die drei Autoren behaupten, nicht der Tod selbst der Wurm in unseren Herzen ist, sondern "das Wissen darum, dass wir sterben müssen", bleibt die Frage, wie wir am besten damit umgehen sollen. Der Verstand hilft verblüffend wenig. "Todesangst mag nicht vernünftig sein - aber wir sind es genauso wenig."

Letztlich bleibt uns nur, unsere Vergänglichkeit zu bejahen. "Seit der Antike wissen Theologen und Philosophen, wie wichtig es ist, die eigene Vergänglichkeit anzunehmen, um so die zerstörerischen Folgen unbewusster Todesängste aufzufangen und die Wertschätzung des Lebens im Alltag zu steigern."

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