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Wie das Wissen um unsere Sterblichkeit unser Leben beeinflusst

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Johner Images via Getty Images
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"Wir entwickeln Charakter und Kultur, um uns mit ihrer Hilfe vor dem niederschmetternden Gewahr werden unserer grunds├Ątzlichen Hilflosigkeit und der Furcht vor unserem unausweichlichen Tod zu sch├╝tzen", sagte der Kulturanthropologe und Verfasser von "Die ├ťberwindung der Todesfurcht", Ernest Becker, kurz vor seinem Tod am 6. M├Ąrz 1974 im Alter von neunundvierzig Jahren.

Die Autoren Sheldon Solomon, Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski haben die intellektuelle Reise Beckers fortgef├╝hrt und versucht aufzuzeigen, "bei wie vielen Gelegenheiten sowohl die edelsten als auch die absto├čendsten Formen menschlichen Strebens von dem Bewusstsein getrieben werden, dass wir sterblich sind, und dar├╝ber nachzudenken, wie wir diese Einsichten zur pers├Ânlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung nutzen k├Ânnen." Dabei herausgekommen ist Der Wurm in unserem Herzen. Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst. (DVA, M├╝nchen 2016)

"Es gibt mittlerweile ├╝berzeugende Beweise daf├╝r, dass der Tod in der Tat der Wurm ist, der Menschen das Dasein madig macht", schreiben die Autoren. Brauchte es da wirklich Beweise? Ist das nicht selbstverst├Ąndlich? F├╝r wissenschaftsgl├Ąubige Sozialpsychologen offenbar nicht. Diese wollen jedoch nicht nur zeigen, dass die Angst vor dem Tod eine der Hauptantriebskr├Ąfte menschlichen Handelns ist, sondern "dass diese Angst menschliches Handeln weit st├Ąrker pr├Ągt, als den meisten von uns klar ist."

Sie tun dies anhand vieler spannender Geschichten und dar├╝ber hinaus bezugnehmend auf zahlreiche Untersuchungsergebnisse. Auch wenn ich ihren Glauben an die Aussagekraft von Fragebogen und Laborstudien nicht teile, ihre vielf├Ąltigen Ausf├╝hrungen (etwa zum Narzissmus) finde ich h├Âchst anregend und instruktiv.

"Das positive Gef├╝hl f├╝r den eigenen Wert ist Grundvoraussetzung f├╝r menschliches Handeln ... Im Unterschied zum Pavian, der allein vom Futter lebt, ern├Ąhrt sich der Mensch vor allem von seiner Selbstachtung", meint der eingangs zitierte Ernest Becker. Doch was ist eigentlich ein gutes Selbstwertgef├╝hl? Und worin zeigt es sich? "Es bedeutet, mit sich im Einklang zu sein, sich in seiner Haut wohlzuf├╝hlen und davon ├╝berzeugt zu sein, dass man ein wertvoller Mensch ist."

Ein gesundes Selbstwertgef├╝hl bietet dem Menschen Schutz vor seinen tiefsten ├ängsten. Soweit so gut und was sollen jetzt die tun, denen die Selbstachtung abgeht? "Eine Strategie besteht darin, Menschen zu einem vielschichtigen Selbstbild zu ermuntern." Unsere Identit├Ąt besteht aus unterschiedlichen Aspekten und diese wiederum entsprechen unterschiedlichen sozialen Rollen. So kann etwa ein toller Anwalt ein schlechter Fussballspieler und ein guter Vater ein miserabler Mechaniker sein.

"Ein anderer Ansatz ist die Schaffung von sozialen Rollen und Chancen f├╝r Menschen, die anderweitig ausgegrenzt und gering geachtet blieben. So ist etwa ein junger, kognitiv beeintr├Ąchtigter Autist mit zerebraler Kinderl├Ąhmung in den herk├Âmmlichen Schulen und im organisierten Freizeitsport nie gut klargekommen. Als er jedoch das Schwimmen entdeckte, wurde er zu einem der schnellsten Brustschwimmer der Welt.

Erfolg als L├Âsung? Und der Massstab sind die anderen? Mir scheint das wenig ├╝berzeugend, inspirierender finde ich das Beispiel der jungen Frau, die nicht bereit ist, sich stigmatisieren zu lassen und ganz einfach tut, was und wie es ihr gef├Ąllt. Dazu geh├Ârt auch, sich beim Schulessen, das ihr schmeckt, zu bedienen. Andere Sch├╝ler verschm├Ąhten das Gratis-Schulessen, weil es sie in ihren Augen zu Bed├╝rftigen stempelte.

Die Autoren gehen auch der Frage nach, wie unsere Vorfahren mit dem Tod umgegangen sind. Diese "erschufen ein ├╝bernat├╝rliches Universum, das ihnen ein Gef├╝hl der Kontrolle ├╝ber Leben und Tod vermittelte". Und sie versuchten, wie auch wir Heutigen, unsterblich zu werden, sei es mittels Alchemie, Wissenschaft oder symbolisch (durch das, was wir zur├╝cklassen). F├╝r Woody Allen ist das allerdings keine L├Âsung: "Ich m├Âchte nicht durch meine Arbeit unsterblich werden, sondern dadurch, dass ich nicht sterbe."

Auch wenn, wie die drei Autoren behaupten, nicht der Tod selbst der Wurm in unseren Herzen ist, sondern "das Wissen darum, dass wir sterben m├╝ssen", bleibt die Frage, wie wir am besten damit umgehen sollen. Der Verstand hilft verbl├╝ffend wenig. "Todesangst mag nicht vern├╝nftig sein - aber wir sind es genauso wenig."

Letztlich bleibt uns nur, unsere Verg├Ąnglichkeit zu bejahen. "Seit der Antike wissen Theologen und Philosophen, wie wichtig es ist, die eigene Verg├Ąnglichkeit anzunehmen, um so die zerst├Ârerischen Folgen unbewusster Todes├Ąngste aufzufangen und die Wertsch├Ątzung des Lebens im Alltag zu steigern."

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