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Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten

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SAHRA WAGENKNECHT
Thomas Peter / Reuters
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Man sollte ein System an seinen Resultaten messen. Das Resultat des uns beherrschenden Kapitalismus ist, dass die reichsten 1 Prozent der Weltbevölkerung mehr als alle anderen zusammen besitzen, dass sogenannte "Freihandelsabkommen" heimische Produktion vernichtet, damit westliche Agrarmultis und Industriekonzerne noch mächtiger werden können und dass ein erheblicher Teil der Nahrungsmittel nicht gegessen, sondern weggeworfen wird.

"Wir brauchen, was die Neoliberalen sich so gern auf die Fahne schreiben, aber in Wirklichkeit zerstören: Freiheit, Eigeninitiative, Wettbewerb, leistungsgerechte Bezahlung, Schutz des selbst erarbeiteten Eigentums. Wer all das will und es ernst meint, muss eine Situation beenden und nicht befördern, in der die entscheidenden wirtschaftlichen Ressourcen und Reichtümer einer schmalen Oberschicht gehören, die automatisch auch von jedem Zugewinn profitiert", schreibt Sahra Wagenknecht in Reichtum ohne Gier (Campus Verlag, Frankfurt/New York 2016).

Was sofort - positiv - auffällt: Die Frau redet Klartext, charakterisiert etwa Russland als "Oligarchenkapitalismus", bezeichnet die Tatsache, dass "Jahr für Jahr Millionen Menschen aus Nahrungsmangel einen qualvollen Tod sterben" als Perversion und fragt zu Recht: "Wollen wir wirklich so leben? Wollen wir eine Gesellschaft, in der immer rücksichtsloser der Ellenbogen zum Einsatz kommt, weil jedem jederzeit die Angst im Nacken sitzt, schlimmstenfalls selbst abzustürzen und sich ins graue Heer der Verlierer einreihen zu müssen?"

Der Kapitalismus sei all das nicht, wofür er normalerweise gehalten werde, meint Frau Wagenknecht. Keine Marktwirtschaft mit echtem Wettbewerb und offenen Märkten, keine Leistungsgesellschaft, keine wirtschaftliche Ordnung, die persönliches Risiko belohnt. Was also ist er dann? Eine Ordnung, in der es nur "um eine möglichst hohe Rendite" geht

Dem Kapitalismus liegt ein Menschenbild zugrunde, das uns auf gierige Egoisten reduziert. Der Erfolg dieses zutiefst menschenfeindlichen Systems beruht nicht zuletzt darauf, dass man uns mit so abstrusen Ideen füttert wie dass der Reichtum der Wenigen uns allen zugute komme, was natürlich völliger Humbug ist, uns jedoch nicht hindert, trotzdem daran zu glauben.

Wenn wir Demokratie und Marktwirtschaft retten wollen, so Sahra Wagenknecht, müssen wir anstelle des Kapitalismus "die Gestaltung einer neuen Weltordnung in Angriff nehmen." Konkrete Vorschläge dazu finden sich in ihrem Buch.

"Was, uns vor dem Kapitalismus retten? Um Gottes willen, rettet uns lieber vor diesen Tagträumern, Gleichheitsdödeln und weltfremden Gutmenschen, die die menschliche Natur, ihre wirklichen Motive und Beweggründe nicht verstanden haben oder sie nicht wahrnehmen wollen", nimmt die Autorin die leicht vorherzusehende Reaktion auf ihre Überlegungen vorweg.

Sahra Wagenknecht ist alles andere als weltfremd, sonst hätte sie wohl kaum eine solche Karriere hingelegt und sich gegen Neider und Konkurrenten durchgesetzt. Was sie von den Mainstream-Heidis und -Heinis unterscheidet, sind ihre Werte, die verlangen, dass Talent und echte Leistung belohnt und Gründer mit guten Ideen gefördert werden sollen.

Damit dies geschehen kann, muss der herrschende Kapitalismus, der die Gier zum Gott gemacht hat, überwunden werden. Und die Regeln, die von Eliten für Eliten gemacht sind, müssen neu geschrieben werden. Von denen, die sich am Gemeinwohl und nicht am Eigennutz orientieren. Und sich von der Überzeugung leiten lassen, dass Eigentum "nur noch durch eigene Arbeit entstehen kann und in der feudale Strukturen und leistungslose Einkommen der Vergangenheit angehören."

Sahra Wagenknecht hat mit Reichtum ohne Gier ein gescheites, aufrüttelndes und überaus differenziertes Plädoyer für eine sozial gerechtere und innovativere Wirtschaftsordnung geschrieben. Bravo!

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