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Wie Psychotherapeuten einen Serienkiller schufen

30/11/2017 17:39 CET | Aktualisiert 02/12/2017 08:19 CET

Im April 1991 wurde der drogenabhängige Sture Bergwall wegen groben Diebstahls zur Behandlung in der Forensischen Psychiatrie im schwedischen Säter verurteilt. Im Herbst desselben Jahres begann er eine Psychotherapie, im Jahr darauf gestand er gemordet zu haben. Die Polizei wurde eingeschaltet und ermittelte während neun Jahren. In der Folge wurde Sture Bergwall in sechs Prozessen für acht Morde verurteilt. Keinen davon hatte er begangen.

Zweifel an der Schuld von Sture Bergwall, der unter dem Namen Thomas Quick bekannt wurde, hatte es schon früh gegeben. Auch der Journalist und Krimiautor Jan Guillou gehörte zu den Kritikern, doch diese blieben in der Minderheit. Mit der Zeit erlosch das Interesse an dem Fall und ohne den Journalisten Hannes Råstam hätte das Schicksal von Sture Bergwall wohl bald niemanden mehr interessiert. Schliesslich nahm sich der Rechtsanwalt Thomas Olsson pro bono des Falles an - Sture Bergwall wurde acht Mal freigesprochen.

Das Verblüffende war: Alle, die vor Gericht als Ankläger aufgetreten waren - der Staatsanwalt, die Psychotherapeutin, der Kriminalkommissar, der Gedächtnisforscher, ja sogar der Strafverteidiger - wichen trotz des Freispruchs (keine leichte Sache, in einem Rechtsstaat acht Verurteilungen zu revidieren) nicht von ihrer Meinung ab. Nicht einen Millimeter. Wie war das nur möglich?

Mehr als eine komplizierte Verstrickungsgeschichte

Der Journalist, Autor und Dokumentarfilmer Dan Josefsson ist dieser Frage nachgegangen und hat ein ungemein faszinierendes Buch darüber geschrieben: Der Serienkiller, der keiner war und die Psychotherapeuten, die ihn schufen (btb Verlag, München 2017), das einem die in diesem Fall federführende Psychoanalytikerin Margit Norell mit ihrer komplizierten Familiengeschichte genauso näherbringt wie den „schwierigen" Sture Bergwall, der seine Homosexualität mit Drogen zu unterdrücken suchte.

Der Serienkiller, der keiner war und die Psychotherapeuten, die ihn schufen ist jedoch weit mehr als eine komplizierte Verstrickungsgeschichte (auf ganz verschiedenen Ebenen), es klärt auch über die Psychoanalyse auf, die in Schweden lange Zeit ein eher kümmerliches Dasein fristete und teilweise heftig angefeindet wurde. So attestierte ihr der ausgebildete Psychoanalytiker und Autor Henrik Törngren Ähnlichkeiten mit Homöopathie und Astrologie.

Auch unter den Psychoanalytikern gab es in Schweden zu der Zeit Differenzen, die sich vor allem an der Freudschen Triebtheorie entzündeten, die davon ausging, dass Kleinkinder sich sexuell zum Elternteil des anderen Geschlechts hingezogen fühlten, was sowohl in der Kindheit als auch im Erwachsenenleben zu psychischen Schwierigkeiten führen könne. Die 'Neopsychoanalytiker' sahen das anders. Eine ihrer Vertreterinnen, Frieda Fromm-Reichmann, vertrat den Standpunkt, „dass selbst schwere psychische Krankheitsbilder wie Schizophrenie auf instabile interpersonelle Erfahrungen in der Kindheit zurückzuführen seien." Margit Norell sah in ihr eine Seelenverwandte.

Beeinflusst von der Anti-Psychiatrie

Beeinflusst unter anderem von der von Ronald D. Laing geprägten Anti-Psychiatrie, schlug sie sich bedingungslos auf die Seite der Patienten und scharte einen Kreis von Therapeuten um sich, dem sie wie eine Sektenführerin vorstand. Sie dachte in Schwarz/Weiss, war ausgeprochen rechthaberisch und ertrug keine Kritik. Zu dem Kreis gehörte auch ein Psychiater aus der Säter-Klinik, einem humanistisch geprägten Modell-Betrieb, der sich als Protest gegen die „verstockten Psychiater" verstand. Auch Sture Bergwall wurde dort therapeutisch betreut und so kam es, dass Margit Norell als Supervisorin (zusammen mit ihren Adlaten) ihre Obsessionen (vor allem: vermeintlich verdrängte Erinnerungen hervorzuholen) - ein Mitglied des Kreises sollte sie später als „'Vollblutschizoide', emotional kühl und gegen ihre Umwelt abgekapselt" charakterisieren - dort ausleben konnte.

Gemäss Dan Josefsson hatte Bergwall „den Grossteil seines Erwachsenenlebens sämtliche Drogen (mit Ausnahme von Heroin) konsumiert", denen er habhaft werden konnte. Darüber hinaus war er ein intelligenter Lügner und raffinierter Manipulierer, der sowohl Therapeuten wie auch Strafverfolger für seine Zwecke einzuspannen wusste - seine Mordgeständnisse machten ihn zum Star der Klinik, er lebte dort in privilegierten Verhältnissen inklusive der von ihm sehr geschätzen Benzodiazepine. „Sture hatte [nach eigenen, frei erfundenen Angaben] insgesamt neununddreissig Morde begangen. Hätte er 2001 nicht seine Drogensucht besiegt, wäre die Liste vermutlich noch länger geworden. Er hatte ja keinen Anreiz, mit den Geständnissen aufzuhören."

Der Serienkiller, der keiner war und die Psychotherapeuten, die ihn schufen schildert eindringlich, was feste Voreingenommenheiten, Rechthaberei, Gehorsam und Anerkennungssucht alles anrichten können. Der Mensch glaubt, was er glauben will. Hat er sich einmal entschieden, etwas, das ihm plausibel scheint, für wahr zu halten, ist er kaum mehr davon abzubringen. Eindringlicher ist diese desaströse Verblendung des Menschen selten geschildert worden.

Ein wichtiges Buch, es sollte als Weckruf gelesen werden!

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