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Wie ich versuchte, als Tier zu leben

08/07/2017 16:29 CEST | Aktualisiert 10/07/2017 11:11 CEST

Charles Foster, ausgebildeter Tierarzt und Anwalt, unterrichtet Ethik und Rechtsmedizin in Oxford. Der typische Professor, der sich sein akademisches Gärtchen angelegt hat und jetzt darauf bedacht ist, dass ihm da niemand hinein tritt, ist er nicht. Ganz und gar nicht. Vielmehr ist er ein Abenteurer der besonderen Art. Einer, der erfahren will, wie es ist, ein Wildtier zu sein.

Doch weshalb will er das eigentlich? Weshalb will er sein, was er nicht ist? Nun ja, er ist ein neugieriger Mensch und entschieden neugieriger als viele andere. Dazu kommt, dass er Artengrenzen ziemlich artifiziell findet. Er bezeichnet sie als „wenn nicht illusionär, so doch zumindest vage und manchmal auch durchlässig." Und fügt hinzu: „Ein Mensch, der mit seinem Hund redet, weiss um die Durchlässigkeit der Artengrenzen. Er hat den ersten und entscheidendsten Schritt auf dem Weg zum Schamanen getan."

Wer durch die Welt stolziert und sie aus einer Höhe von einem Meter siebzig oder achtzig betrachtet, wird sie entschieden anders erleben als jemand, der sich schlurfend oder gleitend durch Landschaften bewegt und dessen Wahrnehmung „vor allem von Gerüchen und Geräuschen und weniger von visuellen Eindrücken" geprägt ist.

Was ist ein Tier?

„Was ist ein Tier? Es ist eine beständige Zwiesprache mit dem Land, von dem es stammt und aus dem es besteht. Und was ist ein Mensch? Es ist eine beständige Zwiesprache mit dem Land, von dem er stammt und aus dem er besteht - allerdings ist diese Unterhaltung etwas gekünstelter und holpriger als bei den meisten Wildtieren." Charles Fosters Ziel ist es, eine verständlichere Unterhaltung mit dem Land zu führen. Weil er sich besser kennenlernen will.

In Wales versuchte er während anderthalb Monaten wie ein Dachs unter dem Erdboden zu hausen. Nach den ersten Tagen und Nächten unter der Erde merkte er, dass er alles künstlich Erschaffene der Natur vorzog. „Meine Vorstellung von Dachsen und der Wildnis waren mir lieber als echte Dachse und echte Wildnis." Und ihm wurde bewusst, dass er ziemlich eingebildet war. „Ich hielt mich für etwas Besseres als die Wildnis: fortgeschrittener, entwickelter, den Zenit der Evolution", schreibt er in Der Geschmack von Laub und Erde (Malik Verlag, München/Berlin 2017).

Er lernt, seine Erdhöhle zu mögen. „Es war völlig in Ordnung, im Dunkeln dazuliegen, umgeben von scharrenden, summenden, zappelnden Tierchen, die mich eines Tages fressen würden." Und er eignet sich neue Gewohnheiten an, beginnt sich etwa auf Händen und Knien durch den Wald zu bewegen. So erlebt er eine ihm bisher unbekannte Welt der Gerüche. Und er erfährt, dass sein Hörspektrum und seine Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen nicht mit denen eines Dachses konkurrieren können.

Mehr Gemeinsamkeiten mit Füchsen als mit Fundamentalisten

Charles Foster berichtet nicht nur vom Dachs, sondern auch von der Otter, die offenbar drei Viertel ihres Lebens mit Schlafen verbringt und in ihren wachen Stunden zwischen Fischen und Kämpfen hin und her hastet. Und er erzählt vom Fuchs („Ich habe viel mehr Gemeinsamkeiten mit Füchsen als mit Fundamentalisten."). Und vom Rothirsch. Und vom Mauersegler.

So spannend und anregend sich diese aussergewöhnliche Mischung aus Neurowissenschaft, Psychologie, Naturgeschichte und Memoir auch liest, Der Geschmack und Laub und Erde ist vor allem ein Dokument der Erfahrung und des Nachdenkens darüber. „Man beginnt nicht mit der Einsicht, nicht mit der Idee. Am Anfang steht die Tat. (...) Man muss mit den gleichen Pfotenbewegungen oder Flügelschlägen unermüdlich an der Welt kratzen wie die Tiere, die man kennenlernen möchte."

Zum Wildtier ist Charles Foster zwar nicht geworden, doch er hat Wesentliches über das Leben gelernt, denn seine Erlebnisse haben ihm seine Sinne zurückgegeben. Und ihm das Wunder bewusst gemacht, dass wir wählen können.

Leben Tiere in derselben Welt wie wir? Er habe gehofft, dass sich im Laufe der Zeit eine Antwort herauskristallisieren würde, schreibt Foster, denn seine diesbezüglichen Überlegungen würden sich alle halbe Stunde ändern. Doch das sei nicht geschehen, und er sei froh drum.

Der Geschmack von Laub und Erde ist ein sehr weises, sehr witziges (und sehr gut übersetztes) Buch.

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