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Wie eine juristische Hochkultur die havarierte Alltagskultur ordnet

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Petra Morsbach zu lesen, ist - immer - ein seltener Genuss. Sprachlich meisterhaft, voller gescheiter Lebenseinsichten, wunderbar rhythmisch und von einem Witz, der mich regelmässig laut herauslachen lässt. „Carlos, kleiner als sie, Lederjacke, wendet das Gesicht nach vorn, halb über die Schulter ihr zu. Die Augen sind vom Schirm einer Schiebermütze verdeckt; eigentlich sieht man nur sein muskulöses Grinsen. Der ganze Mann strahlt die gelassene Erwartung eines bewährten Zuchthengstes aus."

Justizpalast (Knaus Verlag, München 2017) erzählt den Werdegang von Thirza Zorniger, die als Tochter einer desaströsen Schauspielerehe ins Leben startet, unter der Obhut des Grossvaters, eines ehemaligen Strafrichters, und zweier ältlicher Tanten in Pasing ostpreussisch aufwächst, sich während des Studiums für Gustav Radbruch begeistert, der, im Gegensatz zu den meisten Juristen, sich nicht mit der Anwendung des positiven Rechts begnügte, sondern sich auch mit so Grundsätzlichem wie der Gerechtigkeit auseinandersetzte („Wo Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewusst verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht nur 'unrichtiges' Recht, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur."), und schiesslich eine Vorsitzende Richterin am Landgericht im Justizpalast wird.

In Sachen Gerechtigkeit wird Petra Morsbach auch konkret, erzählt etwa vom ehemaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, der, laut einem internen Prüfbericht der DG Bank Frankfurt aus dem Jahr 1994, über ein Konto mit 359.798.00, 66 Deutsche Mark verfügte. "Es war nur eines der Konten von Franz Josef Strauß. Der Prüfbericht erwähnte weitere 'in Holland, Panama, Schweiz, Guernsey, Kanada usw.'". Die Staatsanwaltschaft wurde nicht aktiv.

Thirza Zorniger weiss, was von ihr erwartet wird und passt sich an. Man will ja weiterkommen „in diesem Milieu der geschliffenen Schwarmintelligenz". Solche Formulierungen bringen mich ins Schwärmen - und es finden sich einige in diesem rumdum gelungenen Buch.

Machtliebe entspringt der Angst

Wer sich mit der Justiz auseinandersetzt, landet zwangsläufig auch bei der Macht. „Machtliebe entspringt der Angst. Deswegen drehen Machtleute durch, wenn man ihnen den Gehorsam verweigert - sogar wenn man ihnen gar keinen schuldet. Es ist eine Art Wahn", argumentiert Thirza Zornigers ehemaliger Kollege Heinrich Blank, der sich mit dem System angelegt hat und nun dafür bezahlen muss. „Kritik gegen Mächtige wird niemals sachlich aufgenommen, von den Kollegen nicht und von den Mächtigen schon gar nicht. Vorrangig geht es den Menschen um die Hierarchie und um ihre Position darin. Man wird also Kritik als Angriff auf die Struktur verstehen und mit aller Kraft zurückschlagen." Treffender ist die institutionelle Realität selten auf den Punkt gebracht worden.

Justizpalast ist nicht nur brillante Zeitgeschichte anhand des Gerichtsalltags („Eine juristische Hochkultur ordnete die havarierte Alltagskultur."), sondern auch höchst anschauliche und differenzierte Aufklärung über „unser" Rechtswesen. Ein Roman, der einem das Gefühl vermittelt, am richtigen Leben teilzuhaben, was auch damit zu tun haben mag, dass die Autorin sich bei ganz vielen, in verschiedenen Instanzen tätigen Juristen kundig gemacht hat. Den Zivilprozess charakterisiert sie so. „Du musst keine 'Wahrheit' herausfinden wie am Strafgericht, sondern dich ausschliesslich an den Vortrag der Parteien halten (Beibringungsgrundsatz). Aber du musst in der Vorbereitung alle geltend gemachten Ansprüche geprüft und die Kluft zwischen Gesetzgebung und Lebenswirklichkeit mit juristischen Arbeitsthesen gefüllt haben. Nebenbei: Von Lebenswirklichkeit weisst du fast nichts, woher auch?"

Übrigens: Wussten Sie, dass nur die Hälfte der Jurastudenten das Studium abschliesst? Und nur die besten zehn Prozent der überlebenden Hälfte, die sich unter anderem dadurch qualifizieren, dass sie lernen, „Tausende Gesetze, von denen ein Nichtjurist die meisten auch bei mehrfachem Lesen nicht begreift, auf hunderttausend alltägliche Verstrickungen anzuwenden", es ins Richteramt schaffen? Nebenbei: In der Schweiz werden Richterstellen nach Parteienproporz besetzt.

Die Vielfalt menschlichen Streitens

Petra Morsbachs Schreiben ist von tiefer Zuneigung zu den Menschen geprägt sowie einem ausgeprägten Sinn für die komischen und tragischen Seiten des menschlichen Streitens. Und von grossem Verständnis für die juristischen Bemühungen, unserer Welt eine verbindliche Ordnung aufzuzwingen, auch wenn diese gelegentlich reichlich absurde Auswüchse zeitigt. „Kann man sich wirklich drei Jahre lang darüber streiten, wie Bäume gekürzt werden? Ohne weiteres. Zwei Nachbarn attackierten einander erbittert. Streitwert 10.000 Mark. Allein das Gutachten zu Gartenplatz und Bestandsschutz hatte 6.000 gekostet; wozu jetzt, für noch mal 6.000, ein weiteres Gutachten zu Wuchs und Verschattung?"

Ich habe mich schon lange nicht mehr derart glänzend unterhalten gefühlt. Und schon lange nicht mehr so oft zustimmend gelacht. „Der Mensch ist das einzige Tier, das gern anders wäre, als es ist. Mit gutem Grund." Und ein veritables Wunder hat diese Lektüre auch noch vollbracht: Ich betrachte jetzt die Justizmaschinerie, diesen hochkomplizierten Versuch, einen recht primitiven Alltag in den Griff zu kriegen, mit Respekt und Sympathie. Mein Jurastudium hat das nicht geschafft.

Scharfsinnig und lehrreich, humorvoll und lebensklug - Justizpalast ist eine „Comédie Humaine" vom Feinsten!