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Wie das Gehirn heilt

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NEUROLOGIST
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Der Forscher und Autor Norman Doidge berichtet in Wie das Gehirn heil (Campus Verlag, Frankfurt am Main 2015) von den neuesten Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft. Lange Zeit ging man davon aus, dass das Gehirn sich im Gegensatz zu anderen Organen nicht selbst reparieren und, dass wenn Funktionen einmal verloren waren, diese nicht wiederhergestellt werden können. Doch dem ist nicht so.

Im Jahr 2000 erhielt Eric Kandel den Nobelpreis für Physiologie/Medizin für den Nachweis, dass die Verbindungen zwischen den Nerven beim Lernen zunehmen. In der Folge zeigten viele weitere Untersuchungen, "dass mentale Aktivitäten nicht nur ein Produkt des Gehirns sind, sondern es auch formen."

Das Gehirn ist neuroplastisch und das heisst, es ist "in der Lage, die Art und Weise, wie es Aktivitäten und mentale Erfahrungen aufnimmt und verarbeitet, selbständig zu verändern." Praktisch bedeutet das, dass Geist, Gehirn und Körper zusammenarbeiten müssen, um eine Heilung (ein "Ganz Machen") zustande zu bringen.

Wie das Gehirn heilt versammelt Geschichten von ganz unterschiedlichen Menschen, die ihr Gehirn verändert haben und in sich Fähigkeiten entdecken konnten, von denen sie bis anhin nichts gewusst hatten.

"Aber das eigentliche Wunder sind weniger die Techniken, die unser Gehirn nutzt, als vielmehr der Weg, auf dem es sich im Laufe von Jahrmillionen entwickelt hat, als es ausgefeilte neuroplastische Fähigkeiten und einen Geist herausbildete, der seinen eigenen einzigartigen Wiederherstellungs- und Wachstumsprozess regieren kann."

Unter den Geschichten findet sich etwa die des Psychiaters und Schmerzexperten Michael Moskowitz, der schon oft sein eigenes Versuchskaninchen gewesen ist und dabei herausgefunden hat, dass das Gehirn den Schmerz abschalten kann. Das widerspricht zwar unserem gesunden Menschenverstand, gemäss dem der Schmerz aus dem Körper kommt. Doch unser Gehirn ist nicht einfach nur der passive Empfänger von Signalen.

Vielmehr bestimmt das Gehirn wie viel Schmerz wir empfinden. Ist ein Gewebe geschädigt, werden Schmerzsignale über das Nervensystem gesendet, die jedoch zuerst einige Kontrollschranken im Rückenmark passieren müssen, bevor sie im Gehirn ankommen. "Die Signale überwinden die Kontrollen nur, wenn das Gehirn dazu seine Erlaubnis gibt, nachdem es beurteilt hat, ob die Signale wichtig genug sind, um durchgelassen zu werden."

Anders gesagt: Das Gehirn kann die Erlaubnis verweigern, also die Kontrollschranken schliessen und damit das Schmerzsignal blockieren. Und zwar "indem es Endorphine ausstösst, Betäubungsnittel, die unser Körper erzeugt, um Schmerzen zu unterdrücken."

Sind wir aktiv, lernen zum Beispiel etwas Neues, hat das Auswirkungen auf unser Gehirn: verschiedene Neuronengruppen werden miteinander verdrahtet. Sind wir hingegen passiv, werden die entsprechenden Verbindungen geschwächt. Auch fürs Gehirn gilt also: Wer rastet, der rostet. Und ebenso: Übung macht den Meister, denn es ist "eine konstante mentale Anstrengung nötig", damit das Gehirn dauerhaft lernt, bestimmte Schmerzen auszuschalten oder zu stärken.

Nehmen wir einen Schlaganfallpatienten, der erfolglos versucht, seinen gelähmten Arm zu benutzen und sich stattdessen auf seinen funktionierenden Arm verlässt. Damit lässt er die Schaltkreise im Gehirn, die seinen gelähmten Arm steuern, unbenutzt und so verkümmern diese. Um dem entgegenzuwirken, steckte der Neuroplastiker Edward Taub den gesunden Arm des Patienten in Gips und trainierte dann den gelähmten Arm.

"Der Gips legte den 'guten' Arm lahm, sodass sich der Patient nicht auf ihn stützen konnte und nun Schritt für Schritt den gelähmten Arm einsetzte. Die Technik funktioniert sogar Jahre nach dem Schlaganfall."

Höchst aufschlussreich und anregend ist auch die Geschichte von Moshé Feldenkrais, der zur Auffassung kam, dass das somatische und das psychische Ich nicht voneinander getrennt werden können.

Unter anderem lehrte er, dass viele Bewegungsprobleme und die damit verbundenen Schmerzen die Folge schlechter Gewohnheiten sind. Und was man sich angewöhnt hat, kann man sich auch abgewöhnen, denn bei einem Bewegungsproblem gibt es auch immer eine Komponente des Gehirns und diese ist beeinflussbar.

Neben der Bewegung können auch Licht, Wärme oder Elektrizität die Strukturen unseres Gehirns verändern, denn dieses heilt sich selbst, sofern wir bereit sind und uns bemühen, die Bedingungen dafür zu schaffen. Die Fallbeispiele in Wie das Gehirn heilt überzeugen und stimmen optimistisch.

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