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Wer war Franziskus - und was hat der Mann aus Assisi uns heute noch zu sagen?

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Franz von Assisi lebte um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert. Er stammte aus einer begüterten Familie, lebte ein lustiges und privilegiertes Leben, zog mit in den Krieg, wurde gefangen genommen und von seinem Vater freigekauft. Reiche wurden nicht wie alle anderen einfach umgebracht, für sie konnte man Lösegeld fordern.

Nach Assisi zurückgekehrt, nahm er sein bisheriges Leben wieder auf. Tagsüber bediente er die Kunden im Laden seines Vater, nachts zog er mit den anderen Söhnen Besserverdienender durch die Stadt. Seit seiner Kerkerhaft litt er jedoch an Tuberkulose und auch sein Selbstbild bekam erste Risse. Er hatte "bereits zu viel gesehen und erlitten, um sich mit dem zu begnügen, was man für Geld haben kann."

Das erinnert an die Geschichte von Gautama Buddha, der auch behütet aufwuchs, bis er dann eines Tages die Schattenseiten des Lebens kennenlernte. Eine weitere Parallele zwischen Franz von Assisi und dem Buddhismus hat Gunnar Decker in seinem ausgezeichneten Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben (Siedler Verlag, München 2016) ausgemacht. "Noch im Kleinsten und Schwächsten das Abbild Gottes zu sehen."

Heiliger und Ketzer

Franziskus war zugleich Heiliger und Ketzer, hin und her gerissen zwischen lebensbejahenden und zerstörerischen Kräften. Dass er es schaffte, "den masslosen Schmerz wie die überbordende Freude zu zügeln", so sein Biograf Decker, "macht sein Leben so beispielhaft."

Er war kein gelehrter Kopf, verfügte über keine theologische Bildung, als er 2009, mit achtundzwanzig Jahren, "mit einer kleinen Gruppe von Gefolgsleuten vor Papst Innozenz III. steht und um die Erlaubnis bittet, nach einer simplen selbst verfassten Regel leben und predigen zu dürfen. Was für einen Anfang wagte da einer!"

Doch woher wissen wir das? Nur zwei handschriftliche Mitteilungen an seinen Beichtvater gelten als zweifellos echt. "So muss sich jeder, der über Franz von Assisi spricht, über die wenigen gesicherten Fakten hinaus auf ein Feld begeben, das höchst ungesichert wirkt und eher zur Poesie als zur Wissenschaft zu gehören scheint: die Legende!" Gunnar Decker tut dies kenntnisreich und eloquent und im Bewusstsein, dass man, wie Walter Benjamin einst bemerkte, nur dann etwas aus einem Text heraus liest, wenn man auch bereit ist, etwas in ihn hineinzulesen.

Ein Buch ist immer auch das Resultat des Lesens anderer Bücher. Die Breite von Gunnar Deckers Lektüre ist beeindruckend und höchst anregend. Ein paar Namen (von denen ich einige nicht in diesem Buch erwartet hätte) seien genannt: Thomas von Celano, Paul Sabatier, Henry Thode, Walter Nigg, Gilbert Keith Chesterton, Umberto Ecco, Julien Green, Peter Sloterdijk und Jean-Paul Sartre.

Ein Gemütsmensch, kein Intellektueller

Franz von Assisi war ein Gemütsmensch. Er fühlte mit den Menschen, den Tieren, der Natur. Und auch in sich selbst fühlte er hinein. Nur eben: Gefühle haben es so an sich, dass sie ständig wechseln. Franziskus spürte zwar, dass er sein Leben ändern wollte, doch er zögerte, machte dann erste Schritte, übte die Veränderung. Und stiess dabei auch auf den Widerstand seines von ihm hintergangenen Vaters, der ihn zum als vernünftig geltenden Geldverherrlichen zurückprügeln wollte.

Ohne Erfolg, denn Franziskus drängte es zur Nachfolge Jesu, "in Liebe, Frieden und freiwilliger Armut", die er auch seinen Brüdern zu vermitteln suchte. "Das ist eine Abkehr nicht von der Welt, aber von ihren falschen Massstäben, vor allem von Eitelkeit, Macht, Ruhmsucht und Geld."

In unseren Zeiten des Konsumwahnsinns und der Zelebrierung des Egos ist dieses Gedankengut notwendiger denn je. Auf den Punkt gebracht hat es Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si': "Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus waren keine blosse äusserliche Askese, sondern etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit in einen blossen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln."

Papst Franziskus, so Gunnar Decker, "erkennt in Franz von Assisi den Mystiker, der seine eigene Sprache mit Gottes ganzer Schöpfung spricht. Es ist die Innigkeit dieser Sprache, die sie nicht nur jeden Menschen, auch die Tiere und Pflanzen verstehen lässt."

Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben ist ein spannend erzähltes, vielfältig inspirierendes und hilfreiches Werk.