Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Hans Durrer Headshot

Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, Journalist und weitgereister Katholik, verteidigt in Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch (DVA, München 2016) den Glauben. Konkreter: den Glauben an Gott, denn schliesslich ist auch nicht an Gott zu glauben ein Glaube.

"Die Selbstverständlichkeit, mit der frühere Generationen von Gott sprachen, ist verschwunden. Die Selbstgerechtigkeit, mit der religiöse Fundamentalisten dies heute noch tun, ist naiv und anmassend. Kein Weg führt zurück in angeblich glaubensfestere Zeiten."

Wie gesagt, Rolf Bauerdick ist Katholik, doch der Katholizismus, den wir aus dem Wort zum Sonntag kennen, ist ihm zu temperiert. Für ihn schliessen sich Katholizismus und Gelassenheit aus. "Die Ruhe des Gemüts anstreben, sie erlangen und bewahren gar und zugleich katholisch sein - wie soll das gehen? Sich zum katholischen Glauben bekennen heisst, sich aufzuregen. Genauer gesagt, sich aufregen zu müssen. Permanent."

Das ist mir neu, so habe ich noch nie über den Katholizismus gelesen. Noch gar nie. Und mir ist der Katholizismus nicht etwa unvertraut, schliesslich habe ich drei Jahre lang eine Klosterschule besucht. Doch worüber glaubt Rolf Bauerdick eigentlich sich permanent aufregen zu müssen? "Weniger über Gott als über den Irrsinn der Welt und über die Ecclesia una sancta sowieso. Gottes irdische Stellvertreter treiben einen bei der Vollstreckung des himmlischen Heilsplans bis an die Grenze zum Infarkt."

Natürlich, es gibt Ausnahmen. Auch Vertreter des geistlichen Standes äussern gelegentlich denkwürdige Worte. Etwa Joseph Kardinal Ratzinger, der spätere Benedikt XVI.: "Alle Menschen wollen eine Spur hinterlassen, die bleibt ... die Liebe, die Erkenntnis; die Geste, die es schafft, das Herz zu berühren; das Wort, das die Seele öffnet."

Kein Buch des Nach-Denkens, ein Buch des Selber-Denkens

Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch ist nicht das Buch, das ich mir erwartet habe (eine essayistische Abhandlung über die Notwendigkeit des Glaubens), obwohl, das ist es auch. Aber eben nicht nur, denn Rolf Bauerdick berichtet auch vom gelebten Glauben des Padre Roberto, der auf der grössten Müllkippe der Welt jeden Mittwoch mit den Müllmenschen die Messe feiert. Und von Schlangen-Gottesdiensten in den Appalachen. Und von seiner Begegnung mit dem humorlosen Fundamentalisten Karlheinz Deschner. Und von ganz vielen höchst anregenden Büchern ...

Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch ist genau das, was der Untertitel verspricht: Eine engagierte Verteidigung des Glaubens. Es ist kein Buch des Nach-Denkens, sondern des Selber-Denkens. Dabei kommen natürlich auch die Überlegungen anderer und die Auseinandersetzung mit diesen nicht zu kurz. Einerseits Religionskritiker wie Dawkins, Hitchens, Onfray, andererseits der Krimiautor und Essayist Gilbert Keith Chesterton, der unter anderem mit diesen ganz wunderbaren Sätzen zitiert wird:

"Der Gesunde weiss, dass er etwas von einem wilden Tier, etwas von einem Teufel, etwas von einem Heiligen, etwas von einem Bürger hat. Ja, der wirklich Gesunde weiss sogar, dass etwas von einem Verrückten in ihm steckt. Die Welt des Materialisten dagegen ist ganz einfach und gediegen, im Stile des Verrückten, der sich seiner Gesundheit absolut sicher ist."

Wäre eine Welt ohne Religion eine bessere?

Die meisten Debatten kranken daran, dass die Kontrahenten die eigene Position verteidigen und den Gegner bekämpfen. Eine echte Auseinandersetzung mit den Überzeugungen der anderen findet kaum einmal statt. Rolf Bauerdick schlägt vor: "Man müsste Dawkins ernst nehmen. Was wäre, dächte man seinen Wunsch nach einer besseren Welt ohne Religion einfach zu Ende?"

Auch ohne Religion, so ist zu vermuten, würde der Glaube weiterbestehen. Anstatt an Gott glaubt man dann eben an die erklärende Vernunft. Ein Leben ohne Geheimnis? Wie langweilig! "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist", schreibt Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus.

Besonders gut an diesem Werk gefällt mir, dass da Theologen wie Karl Rahner genauso wie der Science Fiction Autor Arthur C. Clarke, der Musiker John Lennon oder der Philosoph Peter Sloterdijk zu Worte kommen, dass Rolf Bauerdick das Viele, das er gelesen hat, immer auch zu seinem eigenen Leben in Beziehung setzt und dass er sich engagiert und eigenständig mit den Grundfragen des Lebens auseinandersetzt.

Ist der Weg das Ziel?

"Wir haben den Weg zum Ziel erklärt", lese ich im Vorwort, also aus der Ziellosigkeit eine Tugend gemacht. Damit geben sich nicht alle zufrieden, sie wissen, dass unsere gegenwärtige Ziellosigkeit ein neueres Phänomen und wohl darin begründet liegt, dass wir nur noch Subjektives gelten lassen.

"Perception is reality", wiederholte ein Moderator auf CNN nach der Wahl von Donald Trump bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Und das ist natürlich ein ziemlicher Schmarren, denn was ich subjektiv von der Schwerkraft halte, ob ich an sie glaube oder nicht, lässt diese völlig unberührt.

"Das Verlangen des religiösen Menschen, ein Leben im Heiligen zu führen, ist das Verlangen in der objektiven Realität zu leben, nicht in der endlosen Relativität subjektiver Erlebnisse gefangen zu bleiben", schreibt Mircea Eliade in Das Heilige und das Profane.

Sinn und Zweck dieses Buches sei, so der Autor, die Frage nach Gott wach zu halten. Das ist ihm überzeugend gelungen