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Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen

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Abt Muho, 1968 als Olaf Nölke in Berlin geboren und jetzt mit seiner Frau und seinen drei Kindern im japanischen Antaiji lebend, geht es in seinem Buch Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück (Berlin Verlag, München / Berlin 2016) um die grossen Fragen unseres Menschseins: Wie wollen wir leben? Und wie wollen wir sterben? "Es geht dabei um die einzige Frage, die zählt: Bin ich wirklich einverstanden mit dem Leben, wie ich es heute lebe?"

Was mich, abgesehen von der ansprechenden Gestaltung, für dieses Buch einnimmt, ist die einfache Sprache, diese ganz wunderbar klaren Sätze, von denen mich nicht wenige überraschen. Positiv überraschen. "Doch je mehr ein Mensch das Leben bejaht, desto mehr wird er sich vor dem Tod fürchten." Logisch, nicht? Eigenartig, das ich das bis jetzt noch nie so gelesen habe.

Leben ist Leiden, heisst es im Buddhismus. Abt Muho drückt das weniger abstrakt aus: "Du bist unzufrieden, und du weisst nicht, warum". Unzufrieden sind wir, weil wir an unserer eigenen Situation verzweifeln, denn die ist so recht eigentlich fast nie, wie sie unserer Meinung nach sein sollte.

"Weil wir die Welt nicht so sehen wollen, wie sie wirklich ist, leiden wir. Die Dinge kümmern sich nicht darum wie wir sie gerne hätten. Sie sind einfach da. Zur Wirklichkeit erwachen bedeutet, die Blindheit und das Verirren zu erkennen. Die durch sie hervorgerufene Unzufriedenheit zu durchschauen."

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück ist die Geschichte einer persönlichen Sinnsuche. Seine Mutter starb, als Olaf Nölke noch ein Kind war, das lebensbejahende Christentum seines Grossvaters bot keinen Trost. "Ich spürte keine Sehnsucht nach dem Tod, aber auch keine Lust aufs Leben. Meine Grübeleien führten zu nichts."

In einem christlichen Internat entdeckt und praktiziert er, angestiftet von einem Jugendleiter, die Zen-Meditation. In Antaiji lernt er die harte, japanische Zen-Praxis kennen. "Das Leben dort folgt einer einfachen Gleichung: Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen."

Natürlich gehen auch die Klosterbewohner in Antaiji nicht jeden Tag frohgemut ihrer Arbeit nach, natürlich klagen auch sie darüber, dass sie ihnen immer mal wieder zu viel und zu mühsam sei. "Dabei ist das Problem doch oft gar nicht die Arbeit, sondern unsere Einstellung zu ihr. Arbeit bedeutet nicht nur Last und Frustration. Sie gibt uns auch die Chance, unsere Fähigkeiten zu nutzen und zu vervollkommnen."

Und sie gibt uns, wie das Leben überhaupt, die Gelegenheit, uns in Gleichmut zu üben. Er habe immer gemeint, schrieb der japanische Dichter Masaoka Shiki kurz vor seinem Tod, das Erwachen, von dem im Zen-Buddhismus die Rede ist, bedeute, mit Gleichmut zu sterben. "Welch ein Irrtum: Erwachen bedeutet, mit Gleichmut zu leben."

Den einzelnen Kapiteln sind Zitate des Zen-Meisters Sawaki Kodo (1880-1965) vorangestellt, einem eigenwilligen Mann, der viele Jahre durch Japan gezogen war und erst, als er sehr krank wurde, sich nach Antaiji zurückzog. Hier zwei Beispiele: "Der Buddhismus ist keine Ideologie. Die Frage, die er stellt, lautet: 'Was fange ich mit mir selbst an?'"; "Lebenspraxis bedeutet, den Ort, an dem du jetzt stehst, zum Paradies zu machen. Lebenspraxis bedeutet, das Himmelreich unter deinen Füssen zu entdecken."

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück ist ein höchst inspirierendes Buch.