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Warum die Zeit verfliegt

19/11/2017 17:08 CET | Aktualisiert 19/11/2017 17:27 CET

Denke ich an die Zeit, denke ich ganz automatisch an zwei Dinge - an meinen Zahnarzt, der mit über 90 noch praktizierte und einmal meinte: 'Die Zeit ist der grösste Terrorist überhaupt' und an einen Indianer in den Dakotas, von dem ich las, dass ihn die Vorstellung des weissen Mannes, es gebe so etwas wie Zeit, sehr erheiterte. Und so glaubte ich bis anhin, das Wesentliche über die Zeit so recht eigentlich zu wissen. Doch das war, bevor ich Alan Burdicks Warum die Zeit verfliegt. Eine grösstenteils wissenschaftliche Erkundung (Karl Blessing Verlag, München 2017) gelesen habe.

Alan Burdick schreibt für den New Yorker (das heisst: äusserst detailreich, der Mut zur Lücke geht diesem überaus fleissigen Redakteur völlig ab) und hat sich intensivst mit der Zeit beschäftigt. Dabei hat er sich im Wesentlichen auf Forschungen fokussiert, die das menschliche Verhalten zur Zeit mithilfe von Experimenten ergründen. Solche Studien, schreibt er im Vorwort, „werden ernsthaft erst seit ungefähr eineinhalb Jahrhunderten betrieben."

Gleich zu Beginn seiner Recherchen stösst er auf das Lebenswerk des amerikanischen Philosophen Julius T. Fraser, der die Zeit von einer interdisziplinären Warte aus erforschte und eine zehnbändige Reihe unter dem Titel The Study of Time herausgab, worin er Abhandlungen von Physikern, kantischen Philosophen, Mittelalterhistorikern, Neurobiologen, Anthropologen sowie Proust-Gelehrten versammelte. „Der Dichter und Universalgelehrte Frederick Turner nannte Fraser einmal bewundernd 'eine Kombination aus Einstein, Yoda, Gandalf, Dr. Johnson, Sokrates, dem Alten Testament, Gott und Groucho Marx." Er starb um Alter von siebenundachtzig Jahren in Connecticut.

Da mich universell Interessierte wie Fraser begeistern, bin ich gespannt, auf wen und was mich Alan Burdick sonst noch so alles aufmerksam machen wird. Und bin dann verblüfft und erstaunt (und gelegentlich auch etwas befremdet), womit sich der Mensch alles beschäftigt, was er alles erforscht und wissen will. Da gibt es etwa Forscher, die physiologische Zeit im Millisekundenbereich studieren.

In Paris sucht Alan Burdick die Direktorin der „Abteilung für die Berechnung und Aufrechterhaltung der koordinierten Weltzeit (UTC)" am BIPM, dem Bureau International des Poids et Mesures, auf und lernt, dass es keine Uhr gibt, die die exakte UTC anzeigt, nur lokale Realisierungen der UTC. In der Arktis verbringt er Zeit mit Biologen, die die Tundra erforschen und ganz unterschiedliche Wege gefunden haben, mit der konstanten Helligkeit (die Sonne geht zwischen Mitte Mai und Mitte August nicht unter) umzugehen. Er beschäftigt sich mit Philosophie, Literatur und Hirnforschung; nichts erscheint ihm zu abwegig, um dem Wesen der Zeit auf die Spur zu kommen.

Dabei erfährt man ganz Unterschiedliches. Etwa dass Kinder erst im Alter von rund vier Jahren zwischen „vorher" und „nachher" unterscheiden können. Oder dass wir unentwegt an Zeit denken, doch eher selten daran, 'wann' wir essen sollten (im Gegensatz zu 'was' wir essen sollten). Oder dass wir zunehmend versuchen, uns der falschen Hälfte des Tages zu bemächtigen. „Wir verfügen über ein perfektes inneres Zeitmessersystem, das nach alten Regeln funktioniert. Es ist doch verrückt zu glauben, dass wir es ignorieren könnten, nur weil wir das elektrische Licht erfunden haben", so Chris Colwell von der University of California, Los Angeles.

Unser circadianer Rhythmus

Gibt es vorhersehbare zeitliche Abläufe, Muster nach denen wir unser Leben ausrichten? Eine innere Uhr? Der französische Geophysiker und Astronom Jean-Jacques d'Ortous de Mairan hatte bereits 1729 herausgefunden, „dass die Mimose, die sich bei Morgenanbruch öffnet und in der Abenddämmerung schliesst, dieses Verhalten sogar dann beibehält, wenn man sie in einem geschlossenen, dunklen Kabinett verwahrt: Sie schien intuitiv zu wissen, wann Tag und Nacht ist." Auch Tiere und Menschen verfügen über die natürliche Fähigkeit, einer etwa vierundzwanzigstündigen Periode (dem circadianen Rhythmus - von 'circa diem' hergeleitet, 'um den Tag herum') zu folgen.

Doch warum verfliegt die Zeit nun eigentlich? „Zeit verfliegt, weil man nicht regelmässig auf die Uhr sieht." Wir wissen aber auch, dass sie fliegt, wenn wir Spass haben, und sie in Stresssituationen überhaupt nicht fliegt, sondern ausgesprochen langsam vergeht. Doch dass die Zeit im Alter schneller verfliegt, wie ganz viele sagen, „ist ein Ammenmärchen, ein Volksglaube, von dem ältere Menschen wahrscheinlich stärker beeinflusst werden als jüngere, vor allem sobald sie einschätzen sollen, mit welcher Geschwindigkeit das vorangegangene Jahrzehnt verging." Denn Tatsache ist: Das Tempo der Zeit bleibt sich immer gleich.

Warum die Zeit verfliegt ist auf vielfältigste Art anregend, nicht zuletzt, weil die Beschäftigung mit der Zeit uns die Gegenwart bewusster macht.